ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Nahostkonflikt: „Ein gewaltsames Signal“

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Nahostkonflikt: „Ein gewaltsames Signal“

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 302

Neuber, Harald

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Die Not ist groß: Circa 80 Prozent der Palästinenser im Gazastreifen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Foto: dpa
Die Not ist groß: Circa 80 Prozent der Palästinenser im Gazastreifen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Foto: dpa

Der Angriff auf die „Freedom Flotilla“ hat ein Schlaglicht auf die humanitäre Lage im Gazastreifen geworfen. Ein deutscher Vertreter der IPPNW war an Bord.

Als die Friedens- und Menschenrechtsaktivisten der „Freedom Flotilla“, eines Verbands aus sechs Transport- und Passagierschiffen, am vorletzten Maitag aus Zypern Richtung Gazastreifen ablegten, mussten die Passagiere mit Konflikten rechnen. Ziel der Aktion war es, die Blockade des kleinen palästinensischen Küstenstreifens durch die israelischen Streitkräfte zu durchbrechen. Dass die Aktion in einem blutigen Desaster mit neun Toten enden würde, damit hatte auch Matthias Jochheim nicht gerechnet.

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Der Allgemeinarzt und Psychotherapeut aus Frankfurt am Main nahm als stellvertretender Vorsitzender der deutschen Sektion der Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) an der „Freiheitsflotille“ teil. Er war an Bord des größten Schiffes, der „Mavi Marmara“. Der Schiffsverband befand sich noch circa 100 Meilen vor der Küste in internationalen Gewässern. Jochheim half bei den Vorbereitungen für den kommenden Tag und ging dann in seine Kabine auf dem Mitteldeck.

Den Angriff der israelischen Armee erlebte er dort. „Wir hörten die Hubschrauberrotoren, die Explosionen von Schockgranaten und die Schreie der Deckbesatzung“, erinnert sich Jochheim. Dann kamen die ersten Opfer in den provisorischen Lazarettraum auf dem Mitteldeck. „Die meisten wiesen Schussverletzungen an den Beinen und im Abdominalbereich auf. Ich habe aber auch zwei Tote mit Kopfschüssen gesehen.“ Jochheim spricht von einer „ungleichen Auseinandersetzung“. „Meinem Eindruck nach war die Gewalt von israelischer Seite eindeutig geplant und provoziert worden“, sagte der Arzt, der nach kurzer Haft nach Deutschland ausgewiesen wurde.

Es leidet die Zivilbevölkerung

Humanitäre und Menschenrechtsorganisationen drängen immer heftiger auf ein Ende der Blockade des Gazastreifens. Israel begründet die Abriegelung des eng besiedelten Gebiets – es hat etwa die Größe Bremens, beherbergt aber 1,4 Millionen Einwohner – mit der Bedrohung durch militante palästinensische Organisationen. Verschärft wurde dieser Konflikt durch den Wahlsieg der Hamas im palästinensischen Legislativrat 2006 und die folgende Übernahme der Macht in Gaza.

De facto aber leidet vor allem die Zivilbevölkerung unter der seitdem verhängten Blockade, die – so der regionale Hilfskoordinator der Vereinten Nationen, Max Gayland – „die Funktion des Gesundheitssystems und damit die Gesundheit von 1,4 Millionen Menschen bedroht“. Das UN-Hilfswerk für die palästinensischen Gebiete, UNWRA, weist darauf hin, dass 60 bis 70 Prozent der Kinder unterernährt und anämisch sind. Ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung sind auf internationale Hilfslieferungen angewiesen. Weil Israel die Einfuhr zahlreicher Waren – darunter Baumaterial – verweigert, verfällt die Infrastruktur. Die Folge: Die Abwasserversorgung funktioniert nicht, das Trinkwasser ist verschmutzt.

Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation sind ein Dutzend der 30 Strände durch Abwässer verseucht, die ins Meer geleitet werden. Deutlich verschärft wurde die Lage auch durch den israelischen Angriff im Sommer 2009. Er forderte 1 400 Todesopfer, 6 000 Menschen wurden verletzt. Deren medizinische Versorgung im Gazastreifen ist aber mehr als defizitär. Den Angaben von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Basem Naim zufolge fehlen 80 wichtige Medikamente und circa 120 medizinische Instrumente. Auch deren Einfuhr wird durch die Blockade massiv behindert.

Matthias Jochheim und die IPPNW wollen deshalb an ihrem humanitären Engagement festhalten, auch wenn nun erst einmal Bilanz gezogen werden muss. „Wenn wir gewusst hätten, dass bei dem Schiffskonvoi Menschenleben gefährdet sind, hätten wir wohl nicht teilgenommen“, erkärt er. An Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Blockade werde man sich aber weiter beteiligen.

Harald Neuber

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