ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Neo Rauch: Unheimliche Märchen

KULTUR

Neo Rauch: Unheimliche Märchen

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 328

Jachertz, Norbert

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Gleich zwei Museen richten dem Leipziger Maler zu seinem 50. Geburtstag eine Retrospektive aus.

Auf den Bildern von Neo Rauch gibt es immer viel zu sehen. Der Maler erzählt Geschichten. Stets rätselhafte und meistens grausame. Und obwohl sie so schön gegenständlich und figürlich gemalt sind, erschließen sie sich schwer. Das bekannte Bild, auf dem der junge Mann den Vater wie ein Kind im Arm wiegt (Vater, 2007) mag im Betrachter vielleicht eigene Empfindungen und damit eine Erklärung wachrufen. Aber was macht der Feuerwehrmann mit dem Doppelschlauch, aus dem kein Wasser fließt, und weshalb wächst neben ihm ein Mann aus dem Boden, und brennen die beiden siamesisch verbundenen Mädchen auf dem Dach oder entschweben sie? (Die Fuge, 2007).

Rauch selbst spricht von archetypischen Zuständen. Nun sind Maler, selbst so kluge wie Rauch, keine Intellektuellen, die sich selbst glasklar interpretieren können. Ihm kommen, wie er sagt, die Bilder aus schwer ergründbaren Tiefen. Dann sind sie schließlich da, hängen in riesigen Formaten an der Wand, und der Betrachter macht sich seinen eigenen Reim darauf. Es empfiehlt sich, zunächst mit der alten Grundregel jeder Bildbetrachtung zu beginnen, einer genauen Bildbeschreibung, still für sich, besser noch in Begleitung.

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Zur Betrachtung gibt es bis zum 15. August reichlich Gelegenheit. Denn gleich zwei Museen richten dem Leipziger Maler anlässlich seines 50. Geburtstags – Rauch wurde am 18. April 1960 geboren – eine üppige Retrospektive aus: das Museum für bildende Kunst in Leipzig und die Pinakothek der Moderne in München. Man hat sich, da man sich gegenseitig nicht ausstechen konnte, miteinander abgestimmt. Jede Ausstellung umfasst 60 Bilder. Wer die Kraft hat, mag beide besuchen und die Feinheiten der Ausstellungskonzeption der konkurrierenden Kuratoren begutachten. Der Rezensent war allein von Leipzig schon überwältigt. Wer München besucht, dürfte genau so gut bedient sein.

Zu sehen sind Bilder aus den beiden letzten Jahrzehnten. Rauch selbst lässt seine Werke nämlich erst ab 1993 gelten. Da hatte er seine Ausbildung bei Arno Rink und Bernhard Heisig hinter sich und fungierte als Rinks Gehilfe. Nur zur Erinnerung: Heisig wie Rink zählen zur sogenannten Leipziger Schule, der eine zur „alten“, der andere zur zweiten Generation, Rauch wäre demnach der Enkelgeneration zuzurechnen. Die Leipziger halten wenig von der Kategorisierung. Immerhin, gemeinsam ist allen die Verbindung zur Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, die, nicht allein, aber vor allem durch die Genannten berühmt wurde, schon zu Zeiten der DDR. Der mittlerweile berühmteste und wohl auch, marktmäßig gesehen, teuerste dürfte Neo Rauch sein, dessen große Zeit nach der „Wende“ einsetzte. Rauch arbeitet immer noch in Leipzig, in dem aufgelassenen Fabrikgelände am Plagwitzer Bahnhof.

Neo Rauch hat seit jenem Jahr 1993 eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Anfänglich die Anlehnung an Comics, flächig, helle bis blasse Farben, Motive aus dem Alltag, Vorliebe für Technik. Sodann zunehmend „altmeisterlich“ (Kritiker bezeichnen Rauch als neokonservativ), kräftige Farben, die letzten Bilder aus dem Jahr 2010 schon brutal kräftig (etwa „Morgenrot“), die Motive märchenhaft, gemeint im Sinne der Grimm’schen Märchen, die ja durchweg unheimlich und oft grausam sind. Das Personal in Rauchs neueren Bildern scheint zumeist der Vergangenheit entsprungen zu sein: Uniformen wie in den Befreiungskriegen, burschenschaftlich, Frisuren oder Kleider im Biedermeierlook. Umso erschreckender, dass diese biedermeierlichen Figuren zündeln, morden und foltern, als kämen sie aus Abu Ghraib. Doch zur Beruhigung sanfterer Gemüter: Rauch hat auch „schöne“ Bilder gefertigt. Sie lassen nur einen Hauch das Unheimlichen ahnen.

Weitere Informationen zu beiden Ausstellungen unter: www.neo-rauch-ausstellung.de.

Norbert Jachertz

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