ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Psychoanalyse: Eindringliche Argumente für eine Neubestimmung

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Psychoanalyse: Eindringliche Argumente für eine Neubestimmung

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 326

Mauss-Hanke, Angela

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Diesem gut lesbaren Buch ist eine breite Leserschaft unter allen in pädagogischen, sozialen, medizinischen und psychotherapeutischen Bereichen Tätigen zu wünschen. Aus unterschiedlichsten Perspektiven zeigen die Autoren die Gefahren einer männerlosen Erziehung und die Notwendigkeit der Wiederaneignung konstruktiv-positiven männlichen Selbstbewusstseins durch Jungen, Männer und Väter.

Unter anderem machen sie deutlich, dass und wie der drastisch zunehmende „Männerschwund“ in den „Beziehungsberufen“ zu einem Mangel an Orientierung und Unterstützung für Jungen führt. Auf der einen Seite werden ihre männlichen Wünsche und Beziehungsentwürfe von den meist weiblichen Erziehungspersonen wenig positiv anerkannt und unterstützt, wenn nicht gar unterdrückt. Auf der anderen Seite sind sie mit einem rigiden phallischen Männlichkeitsbild konfrontiert, das ihnen in „phallisch-destruktiven und pornografisch-visuellen“ Videospielen angeboten wird. Darüber hinaus weisen die Autoren auch darauf hin, dass mit dem Rückzug der Männer aus den Beziehungsberufen zum einen die Männlichkeit als solche verschwindet, und zum anderen „verschwindet auch die heterosexuelle Beziehung von Frau und Mann (. . .) aus der kindlichen Erfahrungswelt“.

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Für Psychotherapeuten besonders interessant dürfte der Beitrag von Heribert Blaß zur veränderten Geschlechterverteilung in sozialen Berufen und in der psychoanalytischen Ausbildung sein. Dass inzwischen mehr als zwei Drittel aller Psychologie- und Pädagogikstudierenden weiblich sind, hat einer Studie zufolge nicht zuletzt mit dem sinkenden Einkommen in den Heilberufen zu tun. Darüber hinaus treffen Männer ihre Berufswahl eher nach äußerlich sichtbaren und sozial messbaren Kriterien.

Den derzeit herrschenden Mainstream innerhalb der Psychotherapie-Landschaft bringt Blaß prägnant auf den Punkt: „Der Entwertung der Couch als Ort von Bedächtigkeit und Langsamkeit steht die Aufwertung des Coachs als Synonym von Schnelligkeit und Effektivität gegenüber.“ Coaching genieße hohes Ansehen, weil „es mit dem Anstreben von Erfolg verbunden wird, während das suchende Vorgehen der Analyse Vorstellungen von Ungewissheit und Schwäche hervorruft“. Blaß sieht diese Entwicklung der Psychoanalyse kritisch. War diese in den Anfangsjahren von der „paternalistischen Vernunftstechnik“ Sigmund Freuds bestimmt, könne man für die letzten 30 Jahre eine Verlagerung zugunsten von „Holding“ und „Containing“ beobachten. Dass diese eher mütterlich ausgerichtete Behandlungsform keine hohe Anziehungskraft auf die ohnehin verunsicherten Männer ausübt, versteht sich von selbst. Doch Blaß plädiert eben nicht für eine Neubestimmung der Psychoanalyse in Richtung des herrschenden Mainstreams, sondern in Richtung einer integrativen Konzeptualisierung ihrer Behandlungskonzepte zwischen fundamentaler affektiver Empfangsbereitschaft und fokussierender, forschender Aktivität. Auch für die verunsicherten Männer könnte vor diesem Hintergrund die besondere Fähigkeit der Psychoanalyse, die komplexen Strukturen der psychischen Störungen von Patienten detailliert zu verstehen und tiefgreifend wie langanhaltend verändern zu können, wieder zu etwas äußerst Interessantem werden.

Hans-Geert Metzger und seine Mitherausgeber und Autoren legen mit diesem Buch den dritten Band zum Themenkomplex Väterlichkeit/Männlichkeit vor. Dass es allerhöchste Zeit ist, die zunehmende „Feminisierung“ in pädagogischen, sozialen, medizinischen und psychotherapeutischen Berufen zu untersuchen, um ihr wirkungsvoll entgegentreten zu können, dafür liefern die meist männlichen Autoren des Bandes höchst eindringliche Argumente. Angela Mauss-Hanke

Frank Dammasch, Hans-Geert Metzger, Martin Teising (Hrsg.): Männliche Identität. Psychoanalytische Erkundungen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2009, 204 Seiten, Paperback, 19,90 Euro

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