ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Geschichte der Psychoanalyse in Europa: Fallgeschichten und Kontroversen

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Geschichte der Psychoanalyse in Europa: Fallgeschichten und Kontroversen

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 312

Koch, Joachim

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Siegmund Freud und seine Tochter Anna – ihre Arbeiten waren Gegenstand kontroverser Diskussionen. Fotos: Wikipedia
Siegmund Freud und seine Tochter Anna – ihre Arbeiten waren Gegenstand kontroverser Diskussionen. Fotos: Wikipedia

Die Sigmund-Freud-Vorlesungen der Wiener Psychoanalytischen Akademie greifen seine Fallgeschichten unter neuen Gesichtspunkten auf. Ein Resümee der wichtigsten Beiträge

Die wohl berühmteste Fallgeschichte, die Sigmund Freud verfasst hat, ist die Schrift mit dem Titel „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ von 1918, auch bekannt unter dem Begriff „Der Wolfsmann“. Der aus Russland stammende Sergej K. Pankejeff lebte von 1887 bis 1979 und litt unter Depressionen und Entschlussunfähigkeit. Die Analyse bei Freud begann zunächst, weil er dem Patienten auf seine Frage, ob er zu seiner Geliebten zurückkehren solle oder nicht, spontan mit einem klaren Ja antwortete. Dies mag für uns heute überraschend klingen. Für den Patienten bedeutete die klare Aussage Freuds einen Ausweg aus seinem quälenden Schwanken. So eindeutig war Freuds Aussage aber doch nicht gemeint: Er relativierte seine Direktivität realitätsgerecht und fügte hinzu, dass die Rückkehr zu Therese erst nach einiger Zeit Psychoanalyse möglich wäre. Damit gab er seinem Patienten auch den Denkanstoß in die Gegenrichtung. In seinen Erinnerungen unterstrich Pankejeff, wie groß die Bedeutung von Freuds Reaktion im Erstgespräch für ihn war. Sie war der Stachel zu seiner Weiterentwicklung und hatte doch beide Tendenzen in sich. Pankejeff, der viel Zeit in Kliniken verbracht hatte, kam mit der Vordiagnose „manisch-depressives Irresein“ zu Freud. Der lehnte die Diagnose jedoch ab. Er bemerkte, dass er in vielen Jahren bei dem Patienten keine Stimmungswechsel erlebt hatte, wie sie bei dieser Diagnose zu erwarten gewesen wären. Pankejeff, bei dem heutzutage vielleicht eine Borderline-Persönlichkeit diagnostiziert worden wäre, lag vier Jahre lang sechs Tage pro Woche auf Freuds Couch und wurde nach circa 1 200 Behandlungsstunden für geheilt gehalten und entlassen. Auch am Ende der Therapie des Wolfsmanns griff Freud aktiv ein, indem er einen Termin für die letzte Sitzung festsetzte. Damit baute er einen deutlichen Druck auf und den Widerstand gegen die Therapie ab. Die Arbeit konnte wesentlich besser vorangehen. Geheilt war Pankejeff allerdings nicht – hier lag Freud mal wieder falsch. Später wurde er nach einer weiteren Behandlung durch Ruth Mack Brunswick sogar für unheilbar erklärt.

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Die Fallgeschichte vom Wolfsmann und die anderen langen Fallberichte Freuds werden in „Sigmund-Freud-Vorlesungen 2006. Die großen Krankengeschichten“ (herausgegeben von Christine Diercks und Sabine Schlüter im Mandelbaum-Verlag, Wien) behandelt. Es werden alle großen Krankengeschichten Freuds thematisiert außer seiner Schrift „Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität“ von 1920, die im Band 12 der Gesammelten Werke veröffentlicht ist. Zu Beginn des Vorlesungszyklus diskutieren drei Aufsätze Psychoanalyse im historischen Zusammenhang sowie im Kontext moderner Theorieentwicklung. Danach beschäftigen sich sechs Vorlesungen mit Breuers und Freuds „Studien über Hysterie“ von 1895 und vier Aufsätze mit der Krankengeschichte von Dora. Spannend sind die Sichtweisen, die die Aufsätze zu Freuds Fallgeschichte „Der Kleine Hans“ bieten.

Da Vinci als Fallbeispiel

Nach Vorlesungen zum Rattenmann, Wolfsmann und zum Fall Schreber wird abschließend Freuds Schrift „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ von 1910 behandelt. Diese Schrift nimmt deshalb eine Sonderstellung ein, weil Leonardo da Vinci kein Patient, sondern ein Universalgenie war und weil die Schrift weniger als wissenschaftliche Arbeit zu sehen ist denn als eine literarische; Freud selbst bezeichnete sie als „halb Romandichtung“. Es kann angenommen werden, dass Freud hier besonders seine eigenen Fantasien, die mit seiner Lebensgeschichte verbunden sind, in Leonardo da Vincis Leben hineininterpretierte. Deshalb ist es verwunderlich, dass die Schrift so viele ernste Kontroversen verursachte.

Die Freud-Klein-Kontroverse

Den größten Umfang des Buches „Sigmund-Freud Vorlesungen 2007“ nimmt die Behandlung der Freud-Klein-Kontroverse ein, mit der sich 13 Aufsätze beschäftigen. Es geht um Freuds berühmte Tochter Anna und ihre Kontroverse mit Melanie Klein. Zwei Aufsätze beschäftigen sich mit der Skizzierung des Lebens und des Werks der beiden Psychoanalytikerinnen. Die Freud-Klein-Kontroverse ist die bis heute größte Auseinandersetzung innerhalb der Psychoanalyse.

Kleins Werk kann als eine bedeutende Weiterentwicklung der Psychoanalyse gesehen werden. Sie hatte eine Spieltechnik als Methode zur Psychoanalyse von Kindern entwickelt und die herausragende Entdeckung gemacht, dass im Spiel in symbolischer Form dargestellte psychische Inhalte der Deutung zugänglich waren. Sie deutete die unbewussten Ängste und Wünsche der Kinder auf Basis von Übertragungsprozessen und ging davon aus, dass Kinder schon früh eine starke positive und negative Übertragung zur Psychoanalytikerin herstellen. Sie nahm deshalb eine abstinente Grundhaltung ein und verzichtete darauf, moralischen oder pädagogischen Druck auf die kleinen Patienten auszuüben. Diese neue Technik in der Kinderanalyse stand der vorherrschenden Auffassung entgegen, dass die psychoanalytische Technik bei Kindern nicht anwendbar sei. Im Vergleich zur Erwachsenenanalyse bestand ein bedeutender Unterschied darin, dass für Kinder in Analyse ein Spielzimmer mit Spielsachen vorgehalten wurde.

Anna Freud vertrat die Auffassung, dass die Analyse des Ödipuskomplexes schädlich sei, weil das Ich des Kindes zu fragil sei. Deshalb solle sich die Kinderanalyse auf eine erzieherische Ausrichtung beschränken. Um die Technik der Kinderanalyse entwickelte sich eine inhaltliche Kontroverse zwischen den beiden Frauen. Als Klein sich in späteren Jahren mit der Psychogenese der Psychose beschäftigte, gingen die Differenzen zwischen ihr und Anna Freud weit über technische Unterschiede hinaus und betrafen die kindliche Entwicklung wie auch grundlegende Gesichtspunkte der psychoanalytischen Technik. Auch zu Sigmund Freuds Theoriegebäude entwickelte Klein einige Unterschiede, indem sie prägenitale Formen des Ödipuskomplexes annahm. Sie ging davon aus, dass beim Kind von Anfang an Objektbeziehungen (Objektbeziehungstheorie) existieren. Es geschehen frühe Prozesse der Internalisierung und der Introjektion, die mit der Errichtung primitiver Teil- objekte oder ganzer Objekte einhergehen. In diesem Zusammenhang kann eine frühe Fantasietätigkeit festgestellt werden. Im Gegensatz dazu vertrat Anna Freud die Konzeption ihres Vaters, der einen narzisstischen Lebensbeginn annahm. Der Autoerotismus war als eigene, von der Objektbeziehung unabhängige Lustquelle konzipiert (Theorie der Triebschicksale).

Ein anderer Konflikt, um dessen Lösung in den Freud-Klein-Kontroversen gerungen wurde, war der Gebrauch und die Bedeutung von Sprache. Melanie Klein stellte der Sprache Freuds, in welcher dieser die Psychoanalyse als wissenschaftliches Werk geschaffen hat, ihre Theorie über das Seelenleben des Säuglings in einer körpernahen, bildreichen und erlebnisorientierten Sprache gegenüber.

Klein lebte und arbeitete in London und war Mitglied der britischen psychoanalytischen Vereinigung. 1938 floh Freud vor den Nazis, emigrierte schwer krank nach London und starb dort ein Jahr später. Durch viele andere Analytiker, die vom Kontinent gekommen waren, vergrößerte sich die Anzahl der Mitglieder der britischen psychoanalytischen Gesellschaft erheblich. Es kam zu Konflikten und Kämpfen um Positionen und Macht. Nach vielen leidvollen Diskussionen wurde ein Kompromiss geschlossen, und die Gesellschaft bestand dann aus drei Gruppen: den Kleinianern, den Freudianern und den Unabhängigen. Die Dimensionen der Freud-Klein-Kontroverse sind im Buch aus Platzgründen nicht in allen Schattierungen diskutiert, es kann auf das zweibändige Werk der Herausgeber King und Steiner (Die Freud/Klein-Kontroversen) aus dem Jahr 2000 verwiesen werden.

Alfred Adler – seine Behandlungsmethoden von Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen führten zum Streit mit Freud.
Alfred Adler – seine Behandlungsmethoden von Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen führten zum Streit mit Freud.

Alfred Adlers Bedeutung

Besonders spannend sind die Vorlesungen über die Auseinandersetzung zwischen Sigmund Freud und Alfred Adler. Dreh- und Angelpunkt der Freud-Adler-Kontroverse ist die Behandlung von Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen. Für Freud wurden Adler und seine Patienten zunehmend zum Problem, und es kam zum Bruch mit Adler. Freud warf Adler vor, seine Patienten seien „Menschen mit schlampigen Konflikten, verdrehte und verschrobene Charaktere, aber keine wirklichen echten Hysterien und großen Neurosen“. Diese Patienten sind für viele Psychoanalytiker und Individualpsychologen heute zur Hauptklientel geworden, wie Eva Presslich-Titscher in ihrer Vorlesung über das Selbstverständnis der zeitgenössischen Individualpsychologie bemerkt. Adler zeigt in seinen Büchern eine hochentwickelte Kompetenz, mit Patienten umzugehen, die feindselige Haltungen einnahmen. Es gelang ihm sehr häufig, einen produktiven therapeutischen Prozess einzuleiten, wie auch seine eigenen Fallbeschreibungen zeigen. Eine Vorlesung beschäftigt sich mit dem schmerzlichen Bruch zwischen Adler und dem bedeutenden Individualpsychologen Manès Sperber.

Das Buch „Die großen Kontroversen“ beschäftigt sich des Weiteren mit den Analytikern Sándor Ferenczi und Wilhelm Reich. Besonders spannend ist die Beschäftigung mit den Klassikern wohl für diejenigen, die sich schon früher mit diesen Personen, ihren Theorien und praktischen Zugängen intensiver beschäftigt haben und heute die Personen und ihr Werk aus der Distanz noch einmal geschildert und bewertet bekommen, wie das in den Büchern auf eine überzeugende Weise geschieht und damit die Personen und ihre Arbeit selbst noch einmal neu bewerten können.

Der erste Abschnitt der Vorlesungen aus dem Jahr 2008 behandelt den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan. Dieser hat die Psychoanalyse auf eine strukturale Art interpretiert, die allerdings kaum Eingang in den psychoanalytischen Mainstream gefunden hat. Das liegt wohl zum einen daran, dass seine Texte relativ schwer verständlich sind, und zum anderen stoßen seine Theorieschwünge auf Ablehnung. Einzelne Facetten des umfangreichen Werks von Lacan werden im Buch behandelt. Besonders interessant ist ein Vergleich der französischen Linie der Psychoanalyse mit Lacan als ihrem Hauptvertreter mit der nordamerikanischen Psychoanalyse, für die Otto F. Kernberg herangezogen wird. Die drei klinischen Möglichkeiten der Neurose, Perversion und der Psychose nach Lacan werden diskutiert und mit dem Konzept der Borderline-Persönlichkeitsorganisation nach Kernberg verglichen.

Die Gruppenanalyse Bions

Die zweite Vorlesungssequenz ist Wilfred Bion gewidmet. Acht Aufsätze beschäftigen sich mit den Theorien und der Praxis dieses Psychoanalytikers, der besonders durch seinen gruppenanalytischen Ansatz bekanntgeworden ist, bei dem Interventionen auf die Gruppe als Ganzes abzielen. In seiner psychoanalytischen und gruppenanalytischen Arbeit hat Bion das Erfahrungslernen als besonders wirksames Mittel beschrieben. Er hat im Rahmen seiner Theoriearbeit bezogen auf Denkprozesse ein Gridraster verwendet beziehungsweise entwickelt, um psychische Prozesse formalisiert kriterienbezogen abbilden zu können. Mit seinem Containment-Modell hat er sich auf das Konzept der projektiven Identifizierung von Melanie Klein bezogen und wichtige Aussagen über die Mutter-Kind-Interaktion getroffen.

Als Denker und Praktiker par exellence kann Donald W. Winnicott gesehen werden, der mit dem Begriff der Übergangsobjekte Eingang in die psychoanalytische Theoriebildung gefunden hat. Nach Winnicott zeigt ein falsches Selbst eine Überanpassung an Ansprüche von außen. Für die Entwicklung des wahren Selbst ist die Gegenwart einer realen guten und frühen Mutter nötig („good enough mothering“). Wie die Mutter zum Säugling muss sich auch der Analytiker im psychoanalytischen Prozess verhalten. Er muss die Übertragung analog der mütterlichen Funktion des Holdings so gestalten, dass die Analyse wachsen und gedeihen kann. In Zeiten, wo der Patient stark regrediert, arbeitete Winnicott mit nichtdeutendem, haltendem Vorgehen. In Phasen größerer Selbstständigkeit des Patienten reagiert er mit deutendem Verhalten. Seine theoretischen Überzeugungen und seine therapeutische Verfahrensweise, bei der Winnicott den Vorrang regressiver Elemente vor der Deutung betonte, haben viel Widerspruch in Fachkreisen hervorgerufen. Ein Beitrag beschreibt das Squiggle (das Schnörkelspiel), ein von Winnicott entwickeltes Zeichenspiel. Mit Hilfe dieses Spiels gelang es ihm in den Erstkontakten mit Kindern oft schnell, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und die Kinder zum Ausdruck ihrer Gefühle zu ermutigen.

Den Abschluss bilden Vorlesungen, in denen Persönlichkeiten aus der Pionierzeit der Psychoanalyse vorgestellt werden. Es geht um Otto Rank, Margarethe Hilferding, Wilhelm Stekel und Otto Gross. Weitere Publikationen der Vorlesungsreihen der Wiener Psychoanalytischen Akademie können mit Spannung erwartet werden.

Joachim Koch

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