ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Psychotherapie mit religiösen Fundamentalisten: Religion als Hürde und Chance

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Psychotherapie mit religiösen Fundamentalisten: Religion als Hürde und Chance

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 320

Sonnenmoser, Marion

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Patienten mit einem fundamentalistischen Glaubenshintergrund stellen besondere Anforderungen an den Therapeuten. Er sollte nicht nur über die Religion des Patienten informiert sein, sondern muss sich auch über möglicherweise vorhandene Vorurteile hinwegsetzen können.

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Psychotherapie mit stark christlich-religiös orientierten Patienten (Fundamentalisten) stellt eine besondere Herausforderung dar. Denn diese Patienten kommen selten aus freien Stücken zur Therapie und sind schwer zugänglich. Sie erfordern einen anderen Umgang als Patienten, die weniger oder nicht gläubig sind. Nach Meinung amerikanischer Psychologen um Jamie Aten von der University of Southern Mississippi, USA, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Psychotherapie mit Fundamentalisten durchgeführt werden kann:

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  • Erstens sollten sich Psychotherapeuten mit dem christlichen Glaubenssystem auskennen und sich zusätzliche Kenntnisse über spezifische Glaubensinhalte einzelner Untergruppierungen, Freikirchen und Sekten aneignen. Zumindest sollten sie sich mit den wichtigsten Dogmen und Vorschriften der christlichen Gruppierungen befassen, denen ihre Patienten angehören. Solche Kenntnisse können dabei helfen, die Denk- und Verhaltensweise der Patienten einzuschätzen und nachzuvollziehen, ihre „Sprache“ zu sprechen und ihre Ausdrucksweisen richtig zu deuten.
  • Zweitens sollten Therapeuten sich ihre eigenen Einstellungen einschließlich Vorbehalten und Vorurteilen gegenüber Religion und christlichem Fundamentalismus bewusst machen und sich damit auseinandersetzen. Unbearbeitete Vorurteile können dazu führen, dass religiöse Patienten stärker pathologisiert und ihre Symptome oder Widerstände ungerechtfertigterweise auf den Glauben zurückgeführt werden. Therapeuten müssen nicht selbst religiös sein, um gläubige Patienten zu behandeln, sie sollten aber ihre Haltung reflektieren und darauf achten, dass diese die Therapie nicht beeinflusst. „Aus ethischen Gründen sollten Psychotherapeuten bei dieser Patientengruppe besonders auf Neutralität achten“, meinen Aten und Kollegen.
  • Drittens müssen Therapeuten damit rechnen, dass christlich-fundamentalistische Patienten Technik, Wissenschaft und Disziplinen wie Psychologie und Psychotherapie misstrauen und sie unter Umständen sogar ablehnen. Sie fürchten zudem, vom Therapeuten nicht als Mensch in seiner Gesamtheit gesehen und wegen ihres Glaubens abgelehnt zu werden. Manchmal besteht auch die Angst, dass der Therapeut versucht, sie vom „richtigen Weg“ abzubringen. Daher gibt es die Gefahr, dass sich die Patienten nicht öffnen und kein Vertrauen fassen, dass sie sich in ihre Glaubenswelt „flüchten“, wenn die Therapie ihrer Meinung nach keine Fortschritte bringt oder religiöse Konflikte aufspürt, und dass sie die Therapie frühzeitig abbrechen.

Christliche Fundamentalisten neigen dazu, alles religiös zu interpretieren, auch psychische Symptome und Erkrankungen. Eine Depression wird beispielsweise als Strafe für eine Sünde oder als Prüfung gedeutet, die Gott auferlegt hat. Schizophrenie und Psychosen werden gelegentlich als Besessenheit vom Teufel, Halluzinationen als göttliche Eingebungen und Stimmenhören als Botschaften von Gott, Heiligen oder Engeln gedeutet. Darüber hinaus können psychische Erkrankungen religiösen Fundamentalismus verstärken, zum Beispiel werden religiöse Rituale und Gedanken in Verbindung mit Zwangserkrankungen oft bis zur völligen Erschöpfung wiederholt. Umgekehrt kann religiöser Fundamentalismus zu psychischen Störungen führen oder diese verstärken und aufrechterhalten. Beispielsweise leiden Gläubige, die Probleme mit den traditionellen Geschlechterrollen, mit Partnerschafts- und Erziehungsregeln oder mit Vorschriften hinsichtlich Genussmittelkonsum oder Sexualität haben, unter ständigen Gewissenskonflikten, Scham und Schuldgefühlen. Diese können sich zu Depressionen und Angststörungen steigern. Befürchtet wird vor allem, versagt zu haben, nicht genug an Gott zu glauben, kein guter Christ zu sein und zur Strafe in die Hölle zu kommen. Der vermeintliche Ausweg – nämlich sich noch mehr an die Regeln zu halten und den Glauben noch intensiver zu erleben – erweist sich oft als Teufelskreis. Dadurch verstärkt sich häufig das Leiden, statt es zu reduzieren. Da sie aber keinen anderen Lösungsweg akzeptieren, kommen sie oft erst in Therapie, wenn die Erkrankung bereits stark ausgeprägt und chronifiziert ist und wenn sie überredet, überwiesen oder zwangsweise eingewiesen werden.

Aus diesem Grund sind christliche Fundamentalisten meistens eher unfreiwillige Patienten, die eine psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung auch deshalb ablehnen, weil sie sonst eingestehen würden, dass sie nicht voll und ganz auf den Willen und die Heilkraft Gottes vertrauen. Hier muss zunächst Überzeugungsarbeit geleistet werden, ohne das Glaubenssystem eines Patienten infrage zu stellen.

Ist der Patient schließlich bereit, sich auf die Therapie einzulassen, ergeben sich weitere Hürden. Beispielsweise sind die meisten religiösen Fundamentalisten einer amerikanischen Studie zufolge nicht nur traditionell und konservativ eingestellt, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur wenig offen und aufgeschlossen gegenüber Veränderungen, neuen Ideen und Erfahrungen. Für eine Psychotherapie ist dies jedoch nicht förderlich. Hinzu kommt, dass Fundamentalisten in der Regel abgeschottet von der Außenwelt in einem kleinen Kreis gleichgesinnter Menschen leben, zu denen sie enge Beziehungen haben und von denen sie maßgeblich beeinflusst werden. Sind nun einige Menschen aus diesem Umfeld, zum Beispiel der Ehepartner oder der Priester, gegen eine Veränderung, werden sie ihren Einfluss geltend machen und Einstellungs- oder Verhaltensänderungen, die in der Psychotherapie angestrebt werden, unterwandern. Der Patient wird sich wahrscheinlich nach ihnen richten und nicht nach dem Psychotherapeuten, denn ihm wird eine einvernehmliche Beziehung zu seinem Umfeld wichtiger sein als das Verfolgen persönlicher Ziele. Es kommt auch vor, dass einflussreiche Personen aus dem Umfeld eines Patienten nur Veränderungen in eine bestimmte Richtung „genehmigen“, wobei der Psychotherapie die Aufgabe zukommt, den Patienten wieder „in die Spur“ zu bringen, damit er in religiösem Sinne „richtig funktioniert“. Mit besonders viel Nachdruck wird dies auf dem sexuellen Gebiet betrieben, zum Beispiel bei Homosexualität. „Darüber hinaus müssen Psychotherapeuten damit rechnen, dass die Patienten und ihr Umfeld um ihr Seelenheil besorgt sind und Bekehrungsversuche unternehmen“, erläutern Aten und Kollegen.

Kontakt zum religiösen Umfeld des Patienten suchen

Trotz dieser Schwierigkeiten ist die Behandlung religiöser Fundamentalisten nicht aussichtslos und kann gelingen, wenn folgende Regeln beachtet werden:

  • Ein gutes Arbeitsbündnis ist besonders wichtig. Nur wenn Fundamentalisten wirklich Vertrauen fassen und sich als ganzer Mensch angenommen und mit ihrem Glauben akzeptiert fühlen, können sie Veränderungen zulassen.
  • Fundamentalisten bevorzugen gläubige Therapeuten. Falls ein Therapeut jedoch nicht oder nur wenig religiös ist oder einer anderen Religion angehört, sollte er dies dem Patienten mitteilen. Unterschiedliche Haltungen gegenüber Religiosität sind in der Regel kein Hinderungsgrund für ein Arbeitsbündnis, sofern man sich gegenseitig respektiert.
  • Therapeuten sollten stets beachten, dass Fundamentalisten sich streng an religiöse Regeln halten, die Bibel oft wörtlich auslegen und Gottes Wort die oberste Priorität in ihrem Leben hat. Eine Psychotherapie, die in irgendeiner Weise die Übertretung der Regeln erfordert, stürzt Patienten meistens in heftige Konflikte und ist kontraproduktiv für psychische Heilungsprozesse. Versuche, den Patienten vom Glauben abzubringen oder Glaubensinhalte anzuzweifeln, auch wenn dies aus Therapeutensicht sinnvoll ist, sollten daher unterbleiben. Veränderungen sollten so weit wie möglich in Übereinstimmung mit den religiösen Regeln erfolgen, auch wenn Therapeuten dadurch teilweise von ihren Prinzipien abweichen müssen. Oft gelingen Veränderungen durch moderate Umdeutungen oder Lockerungen von Regeln, ohne deren Kern infrage zu stellen. Geistliche Führer können hierbei Hilfestellung bieten.
  • Therapeuten sollten den Kontakt zu Personen suchen, auf die der Patient hört und denen er vertraut, zum Beispiel Priester, Gemeindemitglieder, Heilkundige und Angehörige. Sie können die Therapie unterstützen, indem sie den Patienten motivieren, ermutigen und darauf achten, dass er das in der Therapie Gelernte im Alltag umsetzt.
  • Der Glaube sollte in der Therapie zwar nicht ständig im Vordergrund stehen, aber er ist ein wesentliches Element, das nicht außer Acht gelassen werden darf. Daher sollten Therapeuten bei Fundamentalisten mehr noch als bei anderen Patienten die spirituelle Ebene in der Therapie berücksichtigen.
  • Der Glaube kann mit entsprechendem Geschick auch als Ressource genutzt werden. Gläubige sind in der Regel in Gemeinschaften eingebunden, die viel soziale Unterstützung gewähren. Darüber hinaus vermittelt der Glaube Trost und Hoffnung und gibt den Patienten das Gefühl, dass sie nicht alleingelassen werden, dass ihnen vergeben wird und dass sie Hilfe von einer höheren Macht erhalten. Solche Ressourcen und Werte können bei gläubigen Patienten oft ebenso viel bewirken wie psychotherapeutische Techniken.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Aten J, Mangis M, Campbell C: Psychother- apy with rural religious fundamentalist clients. Journal of Clinical Psychology 2010; 66(5): 513–23. MEDLINE
2.
Mercer C: Slaves to faith. A therapist looks inside the fundamentalist mind. Westport: Praeger 2009.
3.
Streyffeler L, McNally R: Fundamentalists and liberals: Personality characteristics of protestant christians. Personality and Individual Differences 1998; 24(4): 579–80.
1.Aten J, Mangis M, Campbell C: Psychother- apy with rural religious fundamentalist clients. Journal of Clinical Psychology 2010; 66(5): 513–23. MEDLINE
2.Mercer C: Slaves to faith. A therapist looks inside the fundamentalist mind. Westport: Praeger 2009.
3.Streyffeler L, McNally R: Fundamentalists and liberals: Personality characteristics of protestant christians. Personality and Individual Differences 1998; 24(4): 579–80.

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