ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Zusammenarbeit mit den Medien: Nicht ohne Risiko

THEMEN DER ZEIT

Zusammenarbeit mit den Medien: Nicht ohne Risiko

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 310

Sonnenmoser, Marion

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Wenn Psychologen und Psychotherapeuten von den Medien zu einem Sachverhalt befragt werden, ist dies eine Möglichkeit, sich und sein Fachgebiet in der Öffentlichkeit darzustellen. Allerdings läuft man auch Gefahr, nur die Sensationslust der Medien zu bedienen.

Foto: Fotolia
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Psychologen und Psychotherapeuten werden für die Medien immer gefragter, denn das Interesse an psychologischen Erklärungen und Hintergründen ist groß. Sie werden beispielsweise nach einer Straftat hinzugezogen, um die Psyche des Täters zu erläutern, oder sie werden gebeten, das exzentrische Verhalten eines Prominenten zu deuten. Gelegentlich sollen sie auch psychische Erkrankungen oder psychologische Zusammenhänge erklären, aber das ist eher selten und hängt vom jeweiligen Medium ab. Nach Erfahrungen der Kölner Journalistin Ursula Reinsch und des Londoner Kommunikationstrainers John Illman ist die Zusammenarbeit für Psychologen und Psychotherapeuten mit verschiedenen Medien nicht selten frustrierend, vor allem, wenn es sich um private Sender und um Zeitungen oder Zeitschriften handelt, die eher auf Sensationsmeldungen und reißerische Schlagzeilen als auf seriösen Journalismus setzen.

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Häufig sollen vorgefasste Thesen bestätigt werden

Mit ihnen erlebt man oft Folgendes: Sie „überfallen“ einen gern, das heißt, sie verlangen sofortige Statements zu irgendeinem aktuellen Thema und lassen einem kaum oder keine Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Die Interviewfragen erhält man nicht im Voraus, weil Journalisten unseriöser Medien gern mit Überrumpelungstaktiken arbeiten und auch vor unangemessen persönlichen Fragen nicht zurückschrecken. Üblicherweise haben sie bereits eine These oder eine Schlagzeile im Kopf, die sie bestätigt bekommen wollen. Daher geht es ihnen weder um neue Informationen noch um fundierte Antworten, vielmehr drängen sie einen dazu, ihre These zu bestätigen, auch wenn diese falsch oder zu vereinfachend ist und Vorurteile zementiert.

Tut man ihnen diesen Gefallen nicht, können sie ziemlich barsch werden oder verwickeln einen in ein Gespräch und warten darauf, dass man irgendwann etwas sagt, das ungefähr das trifft, was sie hören wollen. Anschließend lassen sie den Großteil des Mitschnitts weg und zeigen oder drucken lediglich einen bestimmten Satz, manchmal sogar nur einen halben Satz, der ihre These bestätigt. Dass man die Aussage, die auf diese Weise publiziert wird, so nicht gemeint hat und dass der Satz völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde, interessiert sie nicht. Sie akzeptieren es auch nicht, wenn man erklärt, dass man kein ausgewiesener Experte für ein Thema sei und versuchen trotzdem, einem eine Aussage zu entlocken. Man muss auch damit rechnen, dass Journalisten nur mit einem Kontakt aufnehmen, um an Patienten heranzukommen, damit sie echte Fallbeispiele präsentieren können.

Um einen für ein Interview zu gewinnen, behaupten sie meistens, dass alles ganz schnell ginge. Tatsächlich nehmen Interviews, vor allem Fernsehinterviews in den eigenen Räumen, aber viele Stunden in Anspruch. Es werden unterschiedliche Szenen und Einstellungen ausprobiert, das Büro oder die Wohnung müssen umgeräumt und aufnahmetauglich gemacht werden, und man muss immer wieder das Gleiche erläutern, und zwar möglichst knapp und mit einfachen Worten, denn Fachjargon und ausholende Erklärungen sind nicht gefragt. Die Atmosphäre ist meist angespannt und hektisch, gelegentlich sogar aggressiv, und am Ende ist man verärgert, erschöpft und bereut es, sich darauf eingelassen zu haben. Hinzu kommt, dass man das Interview nicht vor dem Druck oder der Ausstrahlung zu sehen bekommt und daher keine Kontrolle darüber hat. In der Regel erhält man auch kein Honorar, selbst wenn man selbstständig ist und etliche Stunden geopfert hat. Eine Honorarforderung wird meist mit der Begründung abgelehnt, dass so ein Interview schließlich Werbung für einen selbst sei.

Meistens werden nur wenige Sekunden oder Minuten von einem Interview gesendet, selbst wenn es lange gedauert hat. Manchmal wird der Beitrag auch gar nicht gesendet oder gedruckt – die ganze Mühe war also umsonst. Eine Erklärung, Entschuldigung oder Anerkennung erhält man natürlich nicht.

Trotz dieser negativen Erfahrungen geben Psychologen und Psychotherapeuten Interviews, lassen sich zu Talkshows einladen oder wirken in Hörfunk- oder TV-Reihen mit, weil die Medien die Möglichkeit bieten, die verborgene Welt der Praxis oder Klinik zu verlassen und mit dem Fachwissen vor eine breite Öffentlichkeit hinauszutreten. Die Medien erlauben es zudem, über psychologische Zusammenhänge und Psychotherapie zu informieren, Vorurteile abzubauen und die eigene Profession ins richtige Licht zu rücken. Außerdem eröffnen sie neue berufliche Chancen und Kontakte. Dass manch einer es auch genießt, im Rampenlicht zu stehen, versteht sich von selbst.

Bei Medienauftritten sollte man sich gut vorbereiten

Der Umgang mit den Medien ist einerseits interessant, andererseits lauern viele Gefahren. Um die Größten zu umschiffen, empfehlen US-amerikanische Psychologen um Nancy McGarrah, Vorsitzende der Psychologenvereinigung „Cliff Valley Psychologists“ in Atlanta, sich auf jede Zusammenarbeit mit den Medien sehr gut vorzubereiten. Bei der Vorbereitung und während des Kontakts helfen folgende Strategien:

  • Sammeln Sie Informationen zum Medium, zum Sende- oder Printformat und zum Journalisten, Redakteur oder Moderator. Finden Sie heraus, wie sie psychologisches Wissen präsentieren, wie sie mit Gesprächspartnern umgehen, ob sie Fachkenntnisse besitzen und wie Beiträge oder Aussagen dargestellt werden. Sollten Sie feststellen, dass ein Medium verantwortungslos und sensationsheischend oder nicht in Ihrem Sinne vorgeht, sollten Sie die Zusammenarbeit ablehnen.
  • Versuchen Sie, so viel wie möglich über die Rahmenbedingungen herauszufinden. Beispielsweise sollten Sie wissen, ob es sich um ein Liveinterview handelt oder um einen zusammengeschnittenen Beitrag, ob mehrere Gesprächspartner beteiligt sind und ob das Interview am Telefon, in einem Studio, im Freien oder in Ihren Räumlichkeiten stattfinden soll.
  • Informieren Sie sich über die Zielgruppe. Sammeln Sie Kenntnisse darüber, welche Vorbildung und Vorurteile die Zielgruppe hat und auf welchem Sprachniveau sie am besten zu erreichen ist.
  • Fordern Sie genügend Zeit zur Vorbereitung. Informieren Sie sich gründlich zum Thema, und ziehen Sie eventuell Kollegen oder Experten hinzu. Verlangen Sie vorab die Interviewfragen. Formulieren Sie einige Kernaussagen. Seien Sie sich bewusst, dass Sie in der Regel keine Zeit erhalten, um komplexe Zusammenhänge zu erläutern.
  • Versuchen Sie, das Interviewgeben und öffentliches Auftreten zu trainieren. Sie sollten wissen, wie Sie sich anhören oder wie Sie auf dem Bildschirm wirken, und Sie sollten lernen, mit der Nervosität umzugehen. Sie können sich beispielsweise selbst auf Band oder Video aufnehmen, sich dabei von Kollegen und Freunden unterstützen oder von Medientrainern schulen lassen. Informieren Sie sich auch über die Schulungsangebote Ihres Berufsverbands.
  • Lassen Sie sich während des Interviews nicht zu Aussagen drängen, hinter denen Sie nicht voll und ganz stehen; Sie brauchen niemandem einen Gefallen tun. Lehnen Sie es ab, Aussagen zu einem Thema zu machen, bei dem Sie sich kaum auskennen; verweisen Sie stattdessen an einen Experten. Gehen Sie nicht auf Fragen ein, die nicht vereinbart waren oder die Sie persönlich oder Ihre Patienten betreffen.
  • Verlangen Sie vor dem Druck oder vor der Ausstrahlung das Transkript oder den Mitschnitt. Versuchen Sie, Änderungswünsche durchzusetzen. Erlauben Sie erst den Druck oder die Ausstrahlung, wenn Sie mit dem Beitrag einverstanden sind. Prüfen Sie auch, ob Ihr Name und Ihre Funktion richtig geschrieben wurden.
  • Fordern Sie eine Erstattung Ihrer Unkosten und ein Honorar, vor allem, wenn Sie selbstständig sind. Sie sollten aber wissen, dass das Honorar in der Regel sehr gering ausfällt und keine echte Aufwandsentschädigung ist; nur ganz wenige werden durch die Medien reich.
  • Sollten Sie in einer Institution tätig sein, klären Sie vorher mit Ihrem Vorgesetzten und Ihrer Presse- oder Rechtsabteilung, ob und wem Sie Interviews geben können. Sprechen Sie eventuell auch mit Ihrer Berufshaftpflichtversicherung über Gefahren, Grenzen und mögliche Folgen. Gehen Sie zur Not mit rechtlichen Mitteln gegen Falschdarstellungen vor.
  • Machen Sie keine konkreten Aussagen über Fälle, die Sie nicht persönlich behandelt haben. Werden Sie zu einer prominenten Person oder zu spezifischen Gewalttaten befragt, stellen Sie klar, dass Sie nur allgemeine Aussagen zu den möglichen Motiven und Hintergründen der Tat machen können und den Täter oder die Person weder persönlich kennen noch untersucht haben; alles andere wäre verfänglich.
  • Denken Sie daran: Sie unterliegen der Schweigepflicht. Außerdem haben Sie sich an die ethischen Richtlinien Ihres Berufsverbands und Ihrer Profession zu halten. Geben Sie daher niemals vertrauliche Informationen weiter, und stellen Sie keine Patienten bloß, auch wenn ein Journalist Sie dazu drängt, weil dann die „Story“ lebendiger und packender wird. Sie sind Ihrem Beruf und Ihren Patienten und nicht einem Medium oder einer Geschichte verpflichtet. Sollten Sie dennoch eine Fallgeschichte beisteuern, müssen Sie sich vorab das Einverständnis des Patienten einholen. Außerdem sollten Sie den Namen des Patienten nicht nennen und den Fall so allgemein wie möglich darstellen.
  • Machen Sie sich klar, dass Sie Verantwortung tragen, wenn Sie in den Medien auftreten. Sie repräsentieren dann nämlich Ihre Profession und Dienstleistungen. Sie sind die personifizierte „Psychologie“ oder „Psychotherapie“. Von Ihnen kann es abhängen, ob breite Bevölkerungsschichten ein positives oder ein negatives Bild davon entwickeln.
  • Seriöse Medien und ihre Vertreter werden auf Ihre Forderungen und Bedürfnisse eingehen, auch wenn beide Seiten Kompromisse schließen müssen. Wird darauf nicht eingegangen, sollten Sie von einer Zusammenarbeit absehen. Schließlich gibt es noch andere Mittel und Wege, um Fachwissen anderen Menschen zugänglich zu machen.
  • Verzichten Sie nicht generell auf die Zusammenarbeit mit den Medien, denn wenn Sie nicht die Chance wahrnehmen, sich zu Wort zu melden und Ihre Position über seriöse Medien darzustellen, überlassen Sie das Feld (auch) den unseriösen Medien.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt: Nancy McGarrah, Cliff Valley Psychologists, 2004 Cliff Valley Way NE, Atlanta, GA 30329 (USA), E-Mail: evp2@bellsouth.net

1.
Friedman R: The role of psychiatrist who write for popular media: Experts, commentators, or educators? American Journal of Psychiatry 2009; 166(7): 757–9. MEDLINE
2.
Illman J: Training for interviews with the media. Psychiatric Bulletin 2006; 30(7): 272–4.
3.
McGarrah N, Martin J, Alvord M, Haldeman D: In the public eye: The ethical practice of media psychology. Professional Psychology: Research and Practice 2009; 40(2): 172–80.
4.
Reinsch U: Psychotherapeuten in der Mediengesellschaft: Genutzt oder benutzt? Psychotherapie Forum 2007; 15(4): 157–61.
1.Friedman R: The role of psychiatrist who write for popular media: Experts, commentators, or educators? American Journal of Psychiatry 2009; 166(7): 757–9. MEDLINE
2.Illman J: Training for interviews with the media. Psychiatric Bulletin 2006; 30(7): 272–4.
3.McGarrah N, Martin J, Alvord M, Haldeman D: In the public eye: The ethical practice of media psychology. Professional Psychology: Research and Practice 2009; 40(2): 172–80.
4.Reinsch U: Psychotherapeuten in der Mediengesellschaft: Genutzt oder benutzt? Psychotherapie Forum 2007; 15(4): 157–61.

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