ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Körperpsychotherapie: Lehrreich, aber nur mit selektivem Nutzen

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Körperpsychotherapie: Lehrreich, aber nur mit selektivem Nutzen

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 325

Moser, Tilmann

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Seit mehreren Jahrzehnten wächst neben den eher verbal geführten Psychotherapien die Zahl der körperorientierten Behandlungsformen. Die größte Verbreitung hatte wohl die von Alexander Lowen begründete „Bioenergetik“ mit ihren massiven Eingriffen in die im Körper aufgesuchte Neurose. Sie war zunächst handgreiflich antianalytisch, ein wichtiger Zweig hat sich allerdings mit der Psychoanalyse und deren körpertherapeutischer Weiterentwicklung verbunden. Daneben gibt es eine Vielzahl von Körper- und Leibtherapien, zum Teil mit den kuriosesten Namen, weil immer neue Bezeichnungen gefunden werden müssen. Inzwischen ist ein regelrechter Boom ausgebrochen, und die Körperpsychotherapie hat sich breit etabliert, leider noch nicht bei den Krankenkassen, die sich bei der Finanzierung auf Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie beschränken.

Nun ist unter dem Titel „Körperzentrierte Psychotherapie“ (KZPT) ein neuer Sammelband erschienen von Schülern und Anhängern der sogenannten Maurer-Schule in Zürich, mit höchst informativen Aufsätzen, vor allem über die Verbindung der KZPT mit vielen anderen Behandlungsformen. Klare Darstellungen wechseln sich ab mit einigen eher rühmenden Aufsätzen und Erfolgsverheißungen, wie sie jede neue Schule hervorbringt, die auf einen charismatischen Lehrer zentriert ist.

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Schwer tut sich die neue Therapieform mit ihrem Verhältnis zur Urmutter der Psychotherapie: der Psychoanalyse. Sie wird, außer in dem Beitrag von Peter Geißler, dezidiert umschifft, kaum erwähnt oder fast schnippisch kurz kritisiert. Dabei fließen deren Erkenntnisse so merklich, wenn auch manchmal mit verändertem Vokabular, in die Diagnostik der Schule ein. Ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung des neuerdings wichtigen Zweiges der Psychoanalyse, nämlich der „analytischen Körperpsychotherapie“, die inzwischen eine wohlfundierte Behandlungsform geworden ist. Es herrscht souveränes Verschweigen und eben nicht die proklamierte integrative Haltung vor.

Dem Herausgeberteam oder Maurer ist es gelungen, Grußworte von den drei Präsidenten der drei deutschsprachigen Körpertherapiegesellschaften zu organisieren, in denen aber von der KZPT nicht mit einem einzigen Wort die Rede ist. Auch eine Form der Distanzierung. Trotzdem ist der Band hoch informativ, lehrreich und ebenso gut selektiv zu benutzen, wie der Rest der therapeutischen Welt von der KZPT selektiv genutzt wird. Tilmann Moser

Alfred Künzler, Claudia Böttcher, Romana Hartmann, Marie-Helen Nussbaum (Hrsg.): Körperzentrierte Psychotherapie im Dialog. Grundlagen, Anwendungen, Integration. Der IKP-Ansatz von Yvonne Maurer. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010, 382 Seiten, Softcover, 44,95 Euro

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