ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Sinnvolle Differenzierung
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Jacobi et al. weisen in ihrem Beitrag zur Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern zurecht auf das Münchhausen-Syndrom-by-Proxy hin. In dem Beitrag wird jedoch die Symptomatik von Kindern mit einer Artifiziellen Störung mit by Proxy vermischt (3), wobei das Münchhausen-Syndrom by Proxy eine bedeutsame Unterform der Artifiziellen Störung ist (2).

Die Differenzierung macht aus Sicht der Arbeit mit Ärzten für Kinder- und Jugendmedizin sowohl im Rahmen der Psychosomatischen Grundversorgung als auch der Balintgruppen-Arbeit einen bedeutsamen Unterschied:

  • beim Münchhausen-Syndrom-by-Proxy (1) stellen die relevanten Bezugspersonen (zum Beispiel die Mutter) das Kind unter der Vortäuschung von Krankheitssymptomen (Pseudologia phantastica) vor; zum Beispiel wird berichtet, das zweijährige Kind habe nachts „gekrampft“.
  • bei der Artifiziellen Störung by Proxy werden dagegen stets das Kind direkt schädigende Manipulationen (zum Beispiel Medikamentengabe) vorgenommen.

Diese beiden Syndrom-Ausprägungen voneinander zu differenzieren macht auch klinisch Sinn, weil die Dynamik bei einem Münchhausen-Syndrom oft auf der Ebene der Psychosomatischen Grundversorgung als eigene Not der Mutter (zum Beispiel übermäßige körperbezogene Ängste, die auf das Kind projiziert werden) besprechbar sind. Dagegen ist die Beziehungsstörung zwischen Kind und Bezugsperson bei der Artifiziellen Störung in der Regel sehr viel schwerwiegender und die Aufklärung der gesamten Dynamik oft ungleich protrahierter, ganz davon abgesehen, dass das Kind unmittelbar gefährdet ist.

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0505b

Prof. Dr. med. Gereon Heuft
Klinik und Poliklinik für
Psychosomatik und Psychotherpie
Universitätsklinikum Münster
Domagkstraße 22
48149 Münster
E-Mail: heuftge@mednet.uni-muenster.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

1.
Eckhardt-Henn A, Heuft G, Hochapfel G, Hoffmann SO: Neurotische Störungen und Psychosomatische Medizin. Stuttgart: Schattauer 2009 (8. Aufl.).
2.
Eckhardt-Henn A: Artifizielle Störungen und Münchhausen-Syndrom. Gegenwärtiger Stand der Forschung. Psychother Psychosom Med Psychol 1999; 49: 75–89. MEDLINE
3.
Asher R: Munchhausen´s Syndrome. Lancet 1951; 1: 339–41. MEDLINE
4.
Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, Brosig B, Hermann B: Child abuse and neglect: Diagnosis and management [Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern – Diagnose und Vorgehen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(13): 231–40.
VOLLTEXT
1.Eckhardt-Henn A, Heuft G, Hochapfel G, Hoffmann SO: Neurotische Störungen und Psychosomatische Medizin. Stuttgart: Schattauer 2009 (8. Aufl.).
2.Eckhardt-Henn A: Artifizielle Störungen und Münchhausen-Syndrom. Gegenwärtiger Stand der Forschung. Psychother Psychosom Med Psychol 1999; 49: 75–89. MEDLINE
3.Asher R: Munchhausen´s Syndrome. Lancet 1951; 1: 339–41. MEDLINE
4.Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, Brosig B, Hermann B: Child abuse and neglect: Diagnosis and management [Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern – Diagnose und Vorgehen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(13): 231–40.
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