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Die Feststellung, das Thema Kindesmisshandlung komme auch in der universitären medizinischen Lehre zu kurz, ist sicherlich zutreffend. Wir würden weitergehend sagen, dass auch bei der Aus-, Weiter- und Fortbildung von Ärzten und medizinischen Assistenzberufen sowie bei behördlichem Fachpersonal (Jugendamt, Polizei, Justiz) erheblicher Aufklärungsbedarf besteht. Zu den weithin unterschätzten Folgen der Kindesmisshandlung gehören psychische Folgeschäden, so dass der Hinweis von Prof. Fegert auf eine gebotene Psychodiagnostik sowohl beim betroffenen Kind als auch bei den Misshandlern, also häufig seinen Eltern, ebenso unterstützt werden kann wie die verstärkt zu diskutierenden Handlungsimplikationen. Richtig ist allerdings – und so waren unsere Ausführungen gemeint – dass es in Deutschland keine bundesweit geltende Meldepflicht bei gegebenen Verdacht auf eine Kindesmisshandlung gibt. Nur einzelne Landesgesetzgeber haben derartige Regelungen formuliert, was dann in dem betreffenden Bundesland selbstverständlich zu beachten ist. Wie wenig wünschenswert diese Regelungsvielfalt ist, darauf weist auch der Leserbriefschreiber hin mit seinem Verweis auf eine angekündigte, aber noch ausstehende Regelung in einem Bundeskinderschutzgesetz. Zutreffend wird beklagt, dass eine umfassendere Darstellung einer auch psychiatrischen Psychodiagnostik bei Eltern und Kind sinnvoll wäre, dies war jedoch nicht mit den Umfangsvorgaben für den Beitrag zu vereinbaren. Deshalb wurde der Fokus auf die psychosomatische Evaluation mit Erfassung der familiären Dynamiken gelegt, nicht zuletzt, um Umrisse eines verstehenden Zugangs zu diesen menschlichen Katastrophen zu skizzieren.

Das Münchhausen-Syndrom-by-Proxy (MSbP), dessen Existenz vor nicht allzu langer Zeit teilweise noch bestritten wurde, wird derzeit primär als eine Form der Kindesmisshandlung gesehen, mit den auch von uns genannten unterschiedlichen Syndrom-Ausprägungen („active inducers“; „doctor addicts“, „help seekers“). Diese Ausprägungen lassen in der Tat eine weitergehende Klassifikation des Syndroms aus psychiatrisch-psychosomatischer Sicht sinnvoll erscheinen, worauf Prof. Heuft zutreffend hinweist. In einer Übersichtsarbeit konnte auf derart spezielle Aspekte, die dann auch bei anderen Misshandlungsformen zu beachten wären, nicht näher eingegangen werden. Die in dem zweiten Leserbrief angegebene Differenzierung, auch der hypochondrische Wahn by Proxy [„hypochondrasis by proxy“] und depressive Wahnbildungen der Eltern, sollten hier nicht vergessen werden. Mit der darin enthaltenen feinen nosologischen Abschattierung ist dies klinisch nützlich, wobei auch hier ja nur Hinweise auf Themenfelder gegeben werden können.

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0506

Prof. Dr. med. Dr. jur. Reinhard Dettmeyer

Justus-Liebig-Universität Gießen

Institut für Rechtsmedizin

Frankfurter Straße 58

35392 Gießen

E-Mail: reinhard.dettmeyer@forens.med.uni-giessen.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

1.
Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, Brosig B, Hermann B: Child abuse and neglect: Diagnosis and management [Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern – Diagnose und Vorgehen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(13): 231–40. VOLLTEXT
1.Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, Brosig B, Hermann B: Child abuse and neglect: Diagnosis and management [Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern – Diagnose und Vorgehen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(13): 231–40. VOLLTEXT

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