ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1997Europäischer Krebskongreß in Hamburg: Erfolg mit Kombi-Therapie

POLITIK: Medizinreport

Europäischer Krebskongreß in Hamburg: Erfolg mit Kombi-Therapie

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Obwohl die Boulevardpresse vom Europäischen Krebskongreß in Hamburg den Durchbruch bei der Gentherapie vermeldet, sind die Erfolge der Krebstherapie eher bescheiden. Auf ein Prozent pro Jahr schätzte der Präsident der Federation of European Cancer Societies (FECS), Jean Claude Horiot, den Fortschritt in der Krebsbekämpfung. Die Gen-therapie spiele derzeit noch keine Rolle. Bis auf eine Phase-III-Studie sind alle Versuche noch auf der Ebene der Toxizitäts- und Dosisfindung. Es sind weniger die innovativen Ansätze, welche die Onkologie gegenwärtig voranbrächten, so Horiot, sondern die bestmögliche Kombination der bereits bestehenden Therapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Im Mittelpunkt des Interesses stand das Mammakarzinom. Hier hatte in den vergangenen Jahren die Entdeckung der "Brustkrebsgene" BRCA-1 und 2 für erhebliches Aufsehen gesorgt. Man geht inzwischen davon aus, daß Mutationen in diesen Genen zehn Prozent der Mammakarzinome erklären. Die Einführung eines genetischen Tests zum Brustkrebsscreening der weiblichen Bevölkerung oder von Frauen mit nur einem oder zwei betroffenen Verwandten wurde in Hamburg jedoch als verfrüht bezeichnet.
In der Therapie des Mammakarzinoms hat es keinen Durchbruch gegeben, wohl aber kleine Schritte zur Verbesserung. Laut Prof. Rolf Kreienberg (Ulm) wird eine endgültige Heilung bei 25 Prozent der Patientinnen erreicht. Die Mastektomie sei heute nur noch bei einem Drittel der Fälle erforderlich. 70 Prozent der Patientinnen könnten brusterhaltend operiert werden. Voraussetzung sei allerdings eine begleitende Strahlentherapie und teilweise auch eine anschließende Hormon- und Chemotherapie. Die derzeit diskutierte hochdosierte Chemotherapie mit peripherem Stammzellersatz ist nach Ansicht Kreienbergs noch im experimentellen Stadium. Es gebe noch keine gesicherten Daten zur langfristigen Wirksamkeit, so daß Gedanken über etwaige Probleme bei der Finanzierbarkeit verfrüht seien.
Die größten Fortschritte erhoffen sich die Spezialisten bei der Früherkennung. Hier ist die Mammographie Methode der Wahl. Die Untersuchung sollte im Idealfall allen Frauen bereits ab dem 40. Lebensjahr angeboten werden, forderte Prof. Christian Herfarth (Heidelberg). Dieser Ansicht hätten sich mittlerweile auch die Amerikaner angeschlossen, die lange Zeit ein Screening erst ab dem 50. Lebensjahr propagierten.
Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung des Prostatakarzinoms werden seit 1971 auf Kosten der Kasse ab dem 45. Lebensjahr angeboten. Aus den unterschiedlichsten Gründen wird das Früherkennungsprogramm, das auch den Nachweis des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) beinhaltet, hierzulande nur von 15 Prozent der Männer in Anspruch genommen. Nach Ansicht von Prof. Lothar Weißbach (Berlin) ist ein unkritisches Massenscreening nicht sinnvoll.
Er empfiehlt die Untersuchung erst ab dem 55. Lebensjahr. Im früheren Alter sei die Untersuchung nur bei familiärer Belastung sinnvoll. Genaue Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Urologie sollen folgen. Das Dilemma des Screenings, so Weißbach, zeigten die Erfahrungen in den USA. Dort habe das Screening zu einem deutlichen Anstieg der Tumorinzidenz geführt, ohne daß die Mortalität gesenkt werden konnte. Denn der PSA-Wert weise viele Erkrankungsfälle nach, bei denen ein Eingreifen entweder noch nicht nötig oder in denen das Karzinom für eine erfolgreiche Therapie schon zu weit fortgeschritten sei. Laut Weißbach kann jedoch zwischen inaktiven und aggressiven Tumoren bisher nicht unterschieden werden. Die einzige kurative Behandlung sei, daran ließ Weißbach keine Zweifel aufkommen, weiter die radikale Prostatektomie. Bei intensiver Diagnostik aber müßte die Operation, die bei 90 Prozent der Patienten zu Erektionsstörungen führt, vermehrt durchgeführt werden. Eine nervenerhaltende Therapie sei nur in ausgewählten Fällen möglich.
Eine Alternative zur Operation könnte in Zukunft die dreidimensionale konforme Strahlentherapie sein. Hier fehlen allerdings noch Langzeitergebnisse. Kontrovers beurteilt wird auch die adjuvante Hormonbehandlung. Unklar ist, ob diese Behandlung frühzeitig bei symptomlosen Patienten eingesetzt werden kann oder ob sie Patienten mit Rezidiven vorbehalten bleiben sollte.
Die Behandlung von Tumoren im Kindesalter wurde von Prof. H. Hürgens (Münster) als vorbildlich hingestellt - nicht nur wegen der hohen Heilungsraten von 70 Prozent für alle Tumoren (von > 50 Prozent bei der AML bis > 90 Prozent beim Retinoblastom). Auch bei der Organisation der Behandlung gibt es kaum Reibungsverluste. Die hohen Heilungsraten seien nicht zuletzt das Ergebnis der guten interdisziplinären Zusammenarbeit. Weitere Verbesserungen erwartet Hürgens derzeit von der Anwendung der Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation. Die klassische Knochenmarktransplantation, die in der Öffentlichkeit das Bild der Krebsbehandlung bei Kindern bestimmt, werde nur noch bei Rezidiv- oder Risikosituationen in der Behandlung akuter Leukämien und bei chronischen Leukämien durchgeführt. Rüdiger Meyer

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