ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Interview mit Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: „Wir kommen nur voran, wenn wir interdisziplinär vorgehen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: „Wir kommen nur voran, wenn wir interdisziplinär vorgehen“

Dtsch Arztebl 2010; 107(28-29): A-1393 / B-1231 / C-1211

Korzilius, Heike

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Wolf-Dieter Ludwig (58) ist Chefarzt der Klinik für Hämato - logie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Seit 2007 steht er der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft vor. Bereits seit 2006 ist der ausgewiesene Pharmakritiker als Fachredakteur der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts tätig. Foto: dpa
Wolf-Dieter Ludwig (58) ist Chefarzt der Klinik für Hämato - logie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Seit 2007 steht er der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft vor. Bereits seit 2006 ist der ausgewiesene Pharmakritiker als Fachredakteur der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts tätig. Foto: dpa

Der Mitveranstalter des dritten Kongresses für Patientensicherheit über mangelndes Problembewusstsein der Ärzte, die finanzielle Mitverantwortung der Krankenkassen und die Notwendigkeit zu handeln

Herr Prof. Ludwig, welche Fortschritte hat es aus Ihrer Sicht seit dem ersten Kongress zur Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie vor fünf Jahren gegeben?

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Ludwig: In diesen fünf Jahren ist die Sensibilität für das Problem der Arznei­mittel­therapie­sicherheit enorm gewachsen. Ein ganz wesentlicher Punkt dabei ist: Wir alle akzeptieren inzwischen, dass wir nur vorankommen, wenn wir interdisziplinär vorgehen. Das zeigt auch die Zusammensetzung der Koordinierungsgruppe, die den Aktionsplan zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums umsetzen soll. Ihr gehören Vertreter der Ärzte und Apotheker, Patientenvertreter und Mitarbeiter des Ministeriums an.

Über eine bessere Zusammenarbeit der Berufsgruppen wird seit Jahren diskutiert, ebenso wie über eine bessere Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Vorangekommen ist man bisher kaum.

Ludwig: Ich sehe zwei Punkte, wo wir ansetzen müssen. Zum einen müssen wir die betroffenen Berufsgruppen besser informieren. Trotz des Aktionsplans und trotz des mittlerweile dritten Kongresses sehen viele, insbesondere Ärzte, die Probleme nicht.

Zum anderen haben wir ein prinzipielles Problem. Sowohl im Krankenhaus als auch im niedergelassenen Bereich haben wir eine erhebliche Arbeitsverdichtung. Das macht es sehr schwierig, Lösungsansätze, die sich abzeichnen, auch umzusetzen. Ohne zusätzliche finanzielle Mittel wird es nicht gehen.

Angesichts leerer Kassen ist das schwierig. Schon die weitere Unterstützung dieses Kongresses durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium steht unter Finanzierungsvorbehalt.

Ludwig: Man kann nicht nur nach dem Ministerium rufen. Gesetzliche und private Kran­ken­ver­siche­rung müssen doch ebenfalls ein großes Interesse daran haben, dass die Schwachpunkte, die wir hier identifizieren, irgendwann einmal beseitigt werden.

Allein schon aus Kostengründen . . .

Ludwig: Sicher. Aber auch, weil es um die Qualität der Versorgung und letztlich um unsere Patienten geht. Die Kassen sind bei diesem Kongress kaum vertreten. Das ist ein echtes Manko.

Wir werden letztlich nur über Fondslösungen mehr Mittel für die Arznei­mittel­therapie­sicherheit bekommen. Und wenn es um neue Arzneimittel geht, die viele Sicherheitsrisiken in sich bergen, müsste sich auch die Industrie beteiligen.

Die Mittel aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sind jedenfalls so zusammengestrichen, dass im neuen Aktionsplan von 2010 bis 2012 viele wichtige Punkte unter Finanzierungsvorbehalt stehen.

Was steht als nächste dringende Aufgabe an?

Ludwig: Bisher haben wir uns vorwiegend damit beschäftigt, Defizite aufzudecken. Jetzt müssen wir unbedingt Lösungsansätze im Alltag umsetzen – zumindest in Modellprojekten. Dazu gehört zum Beispiel die Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Alten- und Pflegeheimen oder die Einführung der EDV-unterstützten Arzneimittelverordnung.

Außerdem müssen wir ein, zwei große Forschungsprojekte auflegen – zum Beispiel zur elektronisch unterstützten Arznei­mittel­therapie­sicherheitsprüfung –, damit wir wissenschaftlich belegen können, ob und wie sich durch unsere Maßnahmen die Qualität der Arzneimitteltherapie verbessert und was wir gegebenenfalls einsparen.

Das Interview führte Heike Korzilius.

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