ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Von schräg unten: Gesund

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gesund

Böhmeke, Thomas

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Das Leben könnte so schön sein, wären da nicht die vielen unerbetenen Dinge, die sich einem penetrant in den Weg stellen. Beispielsweise runde rotgesäumte Schilder mit viel zu niedrigen Zahlen drin, wenn man es sehr eilig hat. Die Zivilstreife, die einen schmerzhaft daran erinnert, dass man Beschränkungen tunlichst einhalten soll. Zumindest die der Geschwindigkeit.

Freche Neffen sind auch unerbeten, wenn sie mir den verdienten Feierabend verätzen. „Onkel Thomas, was machst du eigentlich den ganzen Tag so? Ich meine, wenn du auf Maloche bist?“ Das heißt Arbeit, nicht Maloche. Ich soll Leben verlängern und Leiden lindern. „Ach wirklich?“ Na ja, im Idealfall schon. „Und was machst du, wenn du mal kein Leben linderst?“ Leben verlängern, bitte schön. Dann mache ich Untersuchungen. „Was suchst du denn?“ Ich suche Gründe. „Bei Kranken?“ Nein, bei Gesunden. „Das klingt aber komisch. Was musst du denn begründen?“ Nun, es kommen immer häufiger Menschen zu mir, die eine Begründung wünschen. „Onkel Thomas, das ist wieder eines von deinen Pillenmärchen!“ Nein, gewiss nicht. Es kommen Menschen zu mir in der Hoffnung, dass ich etwas Krankhaftes bei ihnen finde. Beispielsweise als Begründung für mehr Prozente gemäß dem Schwerbehindertengesetz. Dann brauchen sie weniger Steuern zu bezahlen und bekommen billigere Eintrittskarten in örtliche Museen, auch zusätzliche Urlaubstage. Einige hätten auch gerne eine chronische Erkrankung. Das reduziert die Zuzahlungsgrenze für alle Angehörigen des Familienhaushalts auf ein Prozent der jährlichen Familien-Bruttoeinnahmen im Kalenderjahr. Andere wünschen die Kostenübernahme für einen Sportkurs, den die Krankenkasse nur im Krankheitsfall bezahlt. Diesen soll ich dann nachweisen. Das Leben ist halt teuer geworden, da muss man alle Möglichkeiten nutzen. „Und was ist, wenn du keinen Grund findest?“ Dann sind die Menschen enttäuscht, bisweilen auch böse. „Warum? Weil sie gesund sind?“ Nein, weil sie keine Steuererleichterung bekommen, keine kostenfreien Kurse, keine Minderung der Zuzahlung, keine . . .

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„Onkel Thomas, wir kommen morgen in deine Praxis! Und du suchst so lange bei uns ’rum, bis wir nie wieder arbeiten brauchen und Prozente kriegen! Und Rente! Und Urlaub!“

Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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