ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Meningokokken C: Unterschätzte Gefahr

MEDIZINREPORT

Meningokokken C: Unterschätzte Gefahr

Dtsch Arztebl 2010; 107(28-29): A-1400 / B-1238 / C-1218

Richter-Kuhlmann, Eva

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Meningokokken- Sepsis: Klinisches Bild am Knie eines Kleinkindes. Foto: Prof. Dr. Hansjörg Cremer
Meningokokken- Sepsis: Klinisches Bild am Knie eines Kleinkindes. Foto: Prof. Dr. Hansjörg Cremer

Seit Jahren werden in vielen Ländern die meisten Kinder und Jugendlichen gegen Meningokokken C geimpft. In Deutschland dagegen ist nur ein Drittel der Schulkinder geschützt.

Viele Schülerinnen und Schüler sowie Studierende verbringen jetzt gerade ihre Sommerferien im Ausland oder planen ein Auslandsjahr. Doch nur 20 Prozent der deutschen Jugendlichen sind gegen Meningokokken C geimpft – eine Impfung, die für Schulen und Hochschulen in einigen Ländern – wie Großbritannien, Spanien oder Belgien – eine Grundvoraussetzung ist, wenn man dort lernen oder studieren möchte. Und das nicht ohne Grund: Meningokokken verbreiten sich durch Tröpfcheninfektion sehr schnell und verursachen schwere Krankheitsverläufe. Trotz ärztlicher Behandlung sterben in Deutschland zehn Prozent der Infizierten; 20 Prozent müssen mit Spätfolgen, wie lebenslanger Taubheit oder einer Amputation von Gliedmaßen, leben.

„Aus infektiologischer Sicht und aus Sicht der Eltern verstehe ich nicht, warum so viele Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht geimpft sind“, sagt Dr. med. Thomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf. Obwohl die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung gegen Meningokokken C seit 2006 empfiehlt, seien immer noch circa 20 Todesfälle aufgrund von Meningokokken-Infektionen pro Jahr in Deutschland zu beklagen. Der Verlust an Extremitäten sei noch höher, werde jedoch nicht erfasst.

„Die Beteiligung an der Impfung ist eindeutig zu gering“, bestätigt auch Dr. med. Jan Leidel, Mitglied der STIKO. Mittlerweile seien zwar etwa 70 Prozent der Kleinkinder geimpft. Doch da die Impfung für das zweite Lebensjahr empfohlen werde, hätten es viele Eltern versäumt, sie bei älteren Kindern nachzuholen. „Bis zum Tag vor dem 18. Geburtstag übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Diese Möglichkeit sollte man nutzen – auch wenn man aktuell keinen Auslandsaufenthalt plant.“

In der Tat ist auch in Deutschland jeder zehnte Einwohner unbemerkt Träger von Meningokokken, die den Rachenraum besiedeln und beim Sprechen, Husten oder Niesen übertragen werden können. 400 bis 800 Personen erkranken hierzulande jährlich daran. „Besonders empfänglich sind Kinder unter vier Jahren“, erklärt Jelinek. Einen zweiten Erkrankungsgipfel gebe es bei jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren.

Typisch für eine Meningokokken-Infektion ist ein sehr schneller Krankheitsbeginn mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen, Nackensteife, Übelkeit und Erbrechen. Bei etwa jedem zweiten Betroffenen treten punktförmige Blutungen unter der Haut auf. Auch eine Meningokokken-Meningitis beginnt meist ohne Vorankündigung mit plötzlichem hohem Fieber, Schüttelfrost, Gelenk- und Muskelschmerzen, Erbrechen, Nackensteife und Bewusstseinsstörungen. „In diesen Situationen ist eine zügige Behandlung erforderlich“, erläutert Jelinek. Da die Erreger schnell über das Blut gestreut würden, zähle jede Minute. „Nach Möglichkeit sollten auch alle, die in den Tagen zuvor Kontakt zum Patienten hatten, prophylaktisch ein Antibiotikum erhalten“, rät der Infektionsmediziner.

Weltweit* existieren in unterschiedlicher Verbreitung verschiedene Meningokokken-Typen. In Europa sind es vor allem die Typen B und C, wobei in Deutschland der Anteil von Typ B bei etwa 68 Prozent und der von Typ C bei etwa 24 Prozent liegt. „Leider ist eine Immunisierung gegen den Typ B derzeit nicht möglich“, sagt Jelinek. Der Impfstoff gegen Typ C sei jedoch sehr gut wirksam und verträglich. Zumindest teilweise geschützt ist man damit auch in Afrika und in Teilen Asiens, wo vor allem die Meningokokken-Typen A und C verbreitet sind.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

*Genaue Informationen veröffentlicht das
Centrum für Reisemedizin auf seiner Internetseite www.impfkontrolle.de.

zur Kostenübernahme

Die Impfung gegen Meningokokken C gehört seit 2006 zu den von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen für alle Kinder im zweiten Lebensjahr. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen hierfür sowie für Nachholimpfungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr die Kosten. Bei Personen über 18 Jahren hängt die Erstattung vom Grund der Impfung ab. Für Menschen mit chronisch geschwächtem Abwehrsystem zahlen beispielsweise ebenfalls die Krankenkassen. Beruflich erforderliche Impfungen werden in der Regel vom Arbeitgeber übernommen. Darüber hinaus sind zahlreiche gesetzliche Krankenkassen dazu übergegangen, auch Impfungen für private Auslandsreisen zu übernehmen. Eine Liste der Krankenkassen veröffentlicht das CRM unter www.crm.de.

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