ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Objektivierung von chronischem Alkoholabusus: Neuer Test erlaubt zuverlässige Diagnose

POLITIK: Medizinreport

Objektivierung von chronischem Alkoholabusus: Neuer Test erlaubt zuverlässige Diagnose

Gabler-Sandberger, E.

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LNSLNS Die Objektivierung eines chronischen Alkoholabusus ist ein Anliegen zahlreicher medizinischer Fachrichtungen angesichts der Verleugnungstendenz der Betroffenen und mangels spezifischer klinischchemischer Marker. Der Blutalkoholspiegel ist nur als Parameter für den aktuellen Alkoholisierungsgrad zu werten. Bei Toleranzentwicklung infolge chronischen Alkoholkonsums verändert sich die Dosis-WirkungBeziehung.
Ein Methanolspiegel von mehr als 10 mg/ml gibt mit hoher Sensitivität einen Hinweis auf kontinuierlichen Alkoholkonsum über ein bis zwei Tage. Die bisher am häufigsten als Marker für chronischen Alkoholismus eingesetzte Gamma-Glutamyl-Transferase (y-GT) ist nur in frischen Blutproben zuverlässig zu bestimmen. Eine Erhöhung der y-GT tritt durch Induktion des Enzyms erst nach mehrmonatigem übermäßigen Alkoholkonsum ein.
Sie verliert ihren Aussagewert hinsichtlich einer Alkoholätiologie, wenn gleichzeitig eine Hepatopathie nicht alkoholischer Ursache vorliegt. Bei hoher Sensitivität besteht aufgrund mangelnder Spezifität das Risiko einer fälschlichen Unterstellung von Alkoholabusus. Das mittlere korpuskuläre Volumen der Erythrozyten (MCV) wird nach mehrwöchigem Alkoholabusus erhöht. Doch wird dieser Parameter bei Einwirken anderer Noxen auf das Knochenmark, bei Folsäure- und Vitamin-B12-Mangel ebenfalls verändert.
Als neuer Marker für chronischen Alkoholabusus wurde vor kurzem das Carbohydrate-Deficient-Transferrin (CDT) eingeführt. Für die quantitative Bestimmung dieses Transportproteins brachte das Unternehmen Pharmacia 1992 den CDTect®-Radio-Immunassay auf den Markt, vor wenigen Wochen folgte der CDTect® als Enzym-Immunassay. CDT ist eine 1976 im Liquor entdeckte Variante des Eisentransportproteins Transferrin. Es ist charakterisiert durch verminderte Glykosylierung der Seitenkette mit reduziertem Gehalt an endständigen Kohlenwasserstoffverbindungen wie Sialinsäure, Galaktose und N-acetyl-Glucosamin.
Bei einem freiwilligen Trinkversuch mit Alkoholmengen von 60 Gramm pro Tag (dies entspricht einer Flasche Wein oder drei Halben Bier) beobachtete Dr. T. Gilg vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München bei 60 Prozent der Männer nach drei Wochen einen Serumspiegel von 20 U/l; bei Frauen lagen die Werte nach zwei Wochen bei 26 U/l. Eine Normalisierung der Werte erfolgte innerhalb zwölf Tagen (±± 3).
Dr. M. Soyka (Psychiatrische Klinik der Universität München) fand bei Alkoholikern nach Entzug eine Normalisierung innerhalb 17 Tagen (±± 4). Wird das asservierte Serum bei zwei bis acht Grad Celsius aufbewahrt, ist die Analyse von CDT noch bis zu 48 Stunden möglich; bei minus 20 Grad Celsius verlängert sich der Analysezeitraum bis zu einem Jahr. Die erforderliche Probenmenge beträgt 0,5 ml; Plasma eignet sich für den CDTect®-Test nicht.
Vorwiegend in skandinavischen Ländern durchgeführte Studien ergaben für den Test bei Personen mit Alkoholkonsum von 60 Gramm pro Tag eine Spezifität von 90 bis 100 Prozent und eine Sensitivität von 76 bis 91 Prozent. Die Sensitivität erwies sich bei Personen mit hohem Alkoholkonsum als sehr viel höher als bei einer unselektierten Kontrollpopulation.
CDT wird derzeit hinsichtlich Spezifität als der zuverlässigste Marker angesehen, mit dem ein chronischer Alkoholkonsum festgestellt werden kann. Zwischen CDT und anderen Alkoholmarkern besteht keine direkte Korrelation. Zu berücksichtigen ist, daß in sehr seltenen Fällen wie bei einer genetisch determinierten Variante des Transferrin, bei biliärer Zirrhose, bei Autoimmunhepatitis und bei einer seltenen Stoffwechselstörung, der Glukanose, ebenfalls pathologisch hohe Werte zu finden sind. Bei extremem Eisenmangel und in der Schwangerschaft sind ebenfalls Veränderungen der CDT-Serumspiegel möglich.
Die Bedeutung des CDT in der klinischen Medizin liegt in der Möglichkeit einer Differenzierung zwischen alkoholbedingten und nicht alkoholbedingten Hepatopathien, Pankreaserkrankungen und neurologischen Störungen. Bei Traumapatienten oder chirurgischen Patienten, die wegen eines alkoholassoziierten Tumors (Oropharyngealbereich) operiert werden, ist zur Prävention eines Alkoholentzugssyndroms die Erkennung der Alkoholabhängigkeit von großer Bedeutung. Vermuteter Alkoholabusus kann durch einen Abfall der CDTWerte bei Alkoholkarenz bestätigt werden. Für den Nachweis der absoluten Alkoholkarenz eignet sich der Test hingegen nicht.
Im Bereich der forensischen Medizin hat CDT als Marker chronischen Alkoholkonsums große Bedeutung, da er auch bei Obduktionen eingesetzt werden kann. Gilg geht davon aus, daß für Fragen der verminderten Schuldfähigkeit durch Alkoholeinfluß ein Grenzwert von 30 U/l für schweren Alkoholmißbrauch vorzuziehen ist. Dr. E. Gabler-Sandberger

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