ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Hans Joachim Sewering †: Gestalter im Dienst der Ärzteschaft

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Hans Joachim Sewering †: Gestalter im Dienst der Ärzteschaft

Dtsch Arztebl 2010; 107(28-29): A-1409 / B-1247 / C-1227

Hoppe, Jörg-Dietrich; Vilmar, Karsten

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Hans Joachim Sewering. Foto: Jürgen Gebhardt
Hans Joachim Sewering. Foto: Jürgen Gebhardt

Die Ärzteschaft trauert um Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Joachim Sewering, der am 18. Juni im Alter von 94 Jahren verstorben ist. Der Internist für Lungen- und Bronchialheilkunde war Arzt aus Berufung, mit menschlichem Verständnis und nicht bloß „Mediziner“. Mehr als fünf Jahrzehnte lang hat er sich über seine ärztliche Tätigkeit hinaus für die Belange der Ärzteschaft und für eine gute Versorgung der Patienten eingesetzt.

Nach der Schulausbildung studierte Hans Joachim Sewering in München und Wien Medizin und ließ sich nach Staatsexamen, Promotion und anschließender Tätigkeit als Arzt im Krankenhaus 1947 in Dachau in eigener Praxis nieder. Er wurde bereits 1951 in den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns gewählt, deren Vorstandsvorsitzender er von 1972 bis 1992 war. In dieser Funktion, sowie als Mitglied der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung von 1952 bis 1992 hat Sewering das Kassenarztrecht mitgestaltet und dabei stets die Unabhängigkeit ärztlicher Berufsausübung, die Wahrung der Freiberuflichkeit und die Funktionsfähigkeit der Selbstverwaltung zur Richtschnur seines Handelns gemacht.

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Von 1955 bis 1991 war Sewering Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Mitglied des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer, von 1959 bis 1973 deren Vizepräsident, von 1973 bis 1978 Präsident der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages. 1991 wurde er nach 36-jähriger Mitwirkung im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer zu dessen Ehrenmitglied gewählt.

Bereits in den 50er Jahren hat Sewering maßgebliche Reformvorstellungen in die Approbationsordnung für Ärzte eingebracht, wie die Ausbildung in kleinen Gruppen am Krankenbett und das ständige Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden zur Überprüfung des Wissenstandes. Für die Gestaltung der ärztlichen Weiterbildung hat er als Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer von 1957 bis 1991 die tragenden Grundregelungen für die mit der Entwicklung der Medizin verbundene Differenzierung geschaffen. Seiner außergewöhnlichen Sachkenntnis und seiner auch im Detail großen Überzeugungskraft ist ferner die langfristige Sicherung der ärztlichen Versorgungswerke zu verdanken, nachdem es ihm 1957 gelungen war, bundesgesetzliche Regelungen durchzusetzen, die auch angestellten Ärztinnen und Ärzten den Zugang in die ärztlichen Versorgungswerke eröffneten. Die ärztliche Tätigkeit sah er stets eingebettet in das soziale Sicherungssystem und den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat. Hervorzuheben sind seine Initiativen zum Ausbau der Vorsorgemedizin als auch der programmierten Nachsorge sowie zur Qualitätssicherung. Auf seine Anregung wurden in allen Lan­des­ärz­te­kam­mern Gutachterkommissionen oder Schlichtungsstellen gebildet, die bei Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler angerufen werden können. In der Bundes­ärzte­kammer richtete er die Abteilung Fortbildung und Wissenschaft ein.

Seit Gründung des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Gemeinschaft 1959 war Sewering Mitglied der deutschen Delegation, von 1965 bis 1968 war er Generalsekretär dieses Ausschusses. Er hat sich dort für die Harmonisierung des Weiterbildungsrechts in Europa durch gegenseitige Anerkennung der Diplome engagiert sowie für die Wahrung ethischer Normen ärztlichen Handelns durch das Berufsrecht. Mit hoher Intelligenz und diplomatischem Geschick hat er sich für diese Ziele auch seit 1959 als Mitglied der deutschen Delegation im Weltärztebund eingesetzt, dessen Vorstand er von 1966 bis 1992 angehörte. Nach einer vorher entstandenen finanziellen Notlage sicherte er als Schatzmeister den Fortbestand des Weltärztebunds. In der Hans-Neuffer-Stiftung, deren Vorsitzender (1987 bis 2007) und Ehrenvorsitzender er war, hat Sewering den internationalen Erfahrungsaustausch der Ärzte gefördert – nach dem Fall der Mauer besonders mit den östlichen Nachbarländern.

Für die freien Berufe war er von 1971 bis 1992 Mitglied des Bayerischen Senats. In zahlreichen Veröffentlichungen hat Sewering, Honorarprofessor für Sozialmedizin und ärztliche Rechts- und Berufskunde, zu medizinisch-wissenschaftlichen, gesundheits- und sozialpolitischen Themen Stellung genommen. Die Technische Universität München verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Neben zahlreichen weiteren Ehrungen erhielt er 1992 die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft.

Hans Joachim Sewering vereinte politisches Gespür mit Intelligenz, Fantasie und Realitätssinn. Mit Überzeugungskraft, genauem Aktenstudium und immensem Fleiß, Beständigkeit und Verlässlichkeit hat er das Vertrauen bei Partnern und sogar Kontrahenten erworben. Stets an der Sache orientiert, hat er sich um den Erhalt eines freiheitlichen Gesundheitswesens und um die Wahrung ethischer Normen ärztlichen Handelns verdient gemacht.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe, Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Karsten Vilmar

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