ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010Kinderdelinquenz: Hoher Erkenntniswert

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Kinderdelinquenz: Hoher Erkenntniswert

Dtsch Arztebl 2010; 107(28-29): A-1406 / B-1244 / C-1224

Schepker, Renate

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Warum gerade eine Forschergruppe aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie sich mit Kinderdelinquenz (das heißt Delikte durch strafunmündige Kinder unter 14 Jahren) und ihrer Kriminalitätsprognose beschäftigt, wird bereits im Eingangskapitel deutlich. In der umfassenden Übersicht über den Forschungsstand zur Kinderdelinquenz im In- und Ausland werden bereits Delinquenzfaktoren, Persönlichkeitsfaktoren und psychische Auffälligkeiten als bedeutsam identifiziert. Die differenzierte Würdigung von bekannten Risiko- und protektiven Faktoren schließt an eine umfassende Beschäftigung mit Delinquenztheorien und deren biopsychosoziale Synthese an, welche bereits die Interaktion und Kumulation von Risiken im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung benennt.

Erst danach folgt die knappe Schilderung eigener Studienergebnisse – eine 30-jährige Beobachtungszeit an 1 006 polizeilich registrierten Kindern eines Landkreises mit dem Anspruch, in zwei daraus kristallisierten Beobachtungs- und Kontrollgruppen Aussagen zur möglichen Vorhersage persistierender, chronischer Delinquenz machen zu können. Hier zeigt sich eine Fülle interessanter Erkenntnisse: Die Gesamtzahl an Risikofaktoren ist es, nicht ein Einzelfaktor, die eine chronische Täterkarriere kennzeichnet; Schul- und Lernschwierigkeiten und eine im Jugendalter abgebrochene Ausbildung sind wesentliche Prädiktoren, nicht jedoch erfolgte polizeiliche Registrierung; Persönlichkeitsmerkmale wirkten nicht als Risikofaktoren, sondern als gewichtige protektive.

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Bei den ausführlich dargestellten bekannten Präventionsansätzen arbeiten die Autoren folgerichtig die Forderung einer frühzeitigen, umfassenden kinderpsychiatrischen Diagnostik heraus, und aufgrund der erkannten Bedeutung von Bildungsfaktoren werden moderne Ansätze umfassender kommunaler Prävention gewürdigt.

Vom Stil her ist der Band übersichtlich, knapp und präzise gestaltet, hat hohen Erkenntniswert und bietet sowohl dem Forscher als auch dem interessierten Laien mit 22 Seiten Literaturverweisen eine Fülle von Vertiefungsmöglichkeiten. Es sei all denen empfohlen, die mit der Zielgruppe zu tun bekommen – das gilt für Kinder- und Jugendpsychiater ebenso wie für Kinderärzte im sozialen Brennpunkt, für Gerichtsgutachter sowie letztlich für jeden gesellschaftlich interessierten Arzt und kommunalen Entscheidungsträger. Renate Schepker

Helmut Remschmidt, Reinhard Walter: Kinderdelinquenz. Gesetzesverstöße Strafunmündiger und ihre Folgen. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2009, 281 Seiten, Softcover, 69,95 Euro

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