ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2010300 Jahre Charite: Im steten Wandel

KULTUR

300 Jahre Charite: Im steten Wandel

Dtsch Arztebl 2010; 107(28-29): A-1411 / B-1249 / C-1229

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein erfolgreicher Versuch, „Geschichte“ dem Leser auch emotional nahezubringen

Die wohl wichtigste Publikation zum Jubiläum ist die von Johanna Bleker und Volker Hess gerade herausgegebene Geschichte der Charité, die neben deren wissenschaftlicher Bedeutung vor allem auch ihre Zwitterstellung zwischen allgemeiner Krankenversorgung und Nutzung durch die Universität herausarbeitet. Nur schade, dass diese Geschichte mit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 endet. Das Team aus dem Institut für Geschichte der Medizin zeigt so viel wachen politischen Sinn, dass es spannend gewesen wäre, auch die verzwickten Verhältnisse zu DDR-Zeiten und nach der Wende von 1989 erzählt zu bekommen.

Anzeige

Aus der Patientenperspektive

Die Charité hatte seit 1710 vielerlei Funktionen erfüllen müssen: Pesthaus, Lazarett, Ausbildungsstätte für Militärärzte, Armenkrankenhaus, Städtische Krankenanstalt und Universitätsklinikum. Der „Prozess der quasi schleichenden Bemächtigung des Krankenhauses durch die Universität“ setzte Anfang des 19. Jahrhunderts ein, als sich die Medizin der 1810 gegründeten Universität langsam in den Krankensälen der Charité einnistete. Parallel zur Charité existierte die Medizinische Fakultät mit ihren durchweg kleinen Kliniken und ihren oftmals berühmten Professoren. Ein Kuriosum, das lange hielt. Erst 1950 wurden alle Einrichtungen der Fakultät und der Charité zusammengeführt und eine Verwaltungsstruktur geschaffen, die das historisch bedingte Nebeneinander von Fakultät und Charité beseitigte. Anstoß zum Neubeginn gab, dass die Kliniken der Universität wie der Charité am Ende des Krieges zertrümmert waren, lagen sie doch nahe den Regierungsbauten um die Wilhelmstraße und den Reichstag. Erst am 2. Mai 1945 vertrieben sowjetische Soldaten die letzten SS-Einheiten, die sich auch auf dem Krankenhausgelände verschanzt hatten. Auch das ist eine spannende Geschichte.

Ohnehin erzählen die Autoren viele Geschichten. Sie hängen die Darstellung der historischen Epochen jeweils an einer Krankengeschichte auf und versuchen so, durchaus erfolgreich, „Geschichte“ dem Leser auch emotional nahezubringen. Anhand der Krankengeschichten erfährt der Leser nicht nur etwas über Patienten in ihrer Zeit, sondern auch viel über den Wandel medizinischer Auffassungen und die Fortschritte der Wissenschaft und natürlich auch, weil es ja um die Charité geht, über deren Baugeschichte, Organisation und die wechselnden staatlichen und städtischen Zuständigkeiten.

Volker Hess zum Beispiel erläutert am Beispiel eines fiebernden Schuhmachergesellen den Wandel der Fieberlehre – nicht mehr der erhöhte Pulsschlag, sondern die Temperatur wurde zum Leitsymptom – und kommt bei der Gelegenheit auch auf die allmähliche Nutzung der Krankensäle für die Ausbildung der Medizinstudenten zu sprechen. Oder: Thomas Beddies, Marion Hulverscheidt und Gerhard Baader schildern anhand eines Kindes mit „Croup“ die Entwicklung der Kinderheilkunde zum eigenständigen Fach mit eigener Klinik. Udo Schagen und Sabine Schleiermacher erklären, ausgehend von einer Patientin, die zur Abtreibung und Sterilisation gezwungen wird, die NS-Rassenpolitik und beschäftigen sich mit der Haltung der Hochschullehrer zum Regime. Kein Ruhmesblatt der Charité. Kaum Widerstand, wenig Mut, viel Anpassung und halb bereitwilliges Mitmachen, etwa bei der Entfernung der – zuvor noch geschätzten – jüdischen Kollegen aus dem Amt.

SED traf die Entscheidungen

Bemerkenswert insbesondere für Leser aus dem Westen oder jüngere aus dem Osten sind drei Exkurse über die Struktur der SED in der Charité (Andreas Malycha), die Aufgaben der Gewerkschaft und über das Wirken der Stasi (beide von Jutta Begenau). Circa 14 Prozent der gut 5 000 Charité-Mitarbeiter waren in der SED organisiert, 95 Prozent im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, dem FDGB. Die Medizinische Fakultät samt Charité bildete eine eigene, vielfach untergliederte Parteiorganisation. Die Partei gab nicht nur in Personalfragen den Ausschlag. Selbst fachliche Entscheidungen bedurften der Zustimmung der Parteileitung,; Versuche, die Fakultät auch politisch stärker einzuspannen, scheinen hingegen nicht sonderlich erfolgreich gewesen zu sein. Malycha zeichnet jedenfalls ein fast freundliches Bild: „Die SED war an der Charité kein homogenes, sondern ein vielgestaltiges Gebilde von Menschen, die in ihren Rollen als Partei- und Gesellschaftsmitglieder handeln mussten und beide Rollen selten zur Deckung brachten.“

Norbert Jachertz

Johanna Bleker, Volker Hess (Hrsg.): Die Charité. Geschichte(n) eines Krankenhauses. Akademie Verlag, Berlin 2010, 299 Seiten, gebunden, 69,80 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema