ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2010Myokardinfarkt – Sauerstoffzuatmung: Mehr Schaden als Nutzen?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Myokardinfarkt – Sauerstoffzuatmung: Mehr Schaden als Nutzen?

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1460 / B-1294 / C-1274

Vetter, Christine

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Die routinemäßige Gabe von Sauerstoff bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt bessert das Therapieergebnis nicht, sondern könnte sogar schaden, wie eine Cochrane-Analyse ergab. Die Wissenschaftler haben die Literatur auf die Frage hin ausgewertet, ob die weit verbreitete Zuatmung mit Sauerstoff statt normaler Luft die Mortalität senkt und/oder die Schmerzen mindert.

Das Ergebnis hat auch die Autoren überrascht: Es gibt nur drei wissenschaftlich wirklich bedeutende randomisierte kontrollierte Studien zur Sauerstoffgabe (innerhalb von 24 Stunden) nach Auftreten eines akuten Myokardinfarkts (gesichert oder vermutet). Eingeschlossen waren insgesamt 387 Patienten, und es hatten sich 14 Todesfälle ereignet. Die gepoolten Daten ergeben für die Sauerstoffgabe ein relatives Mortalitätsrisiko von 2,88 (95%-Konfidenzintervall (KI) 0,88–9,39) bei der Intention-to-treat-Analyse und sogar von 3,03 (95%-KI 0,93–9,83) für Patienten mit gesichertem Myokardinfarkt. Damit hatten dreimal mehr Patienten, die durch den Infarkt zu Tode kamen, zuvor Sauerstoff erhalten. Es ist aus Sicht der Autoren nicht auszuschließen, dass die Sauerstoffgabe möglicherweise das Mortalitätsrisiko sogar erhöht. Auch bei den Schmerzen, die über die Analgesiemedikation analysiert wurden, zeigte sich kein eindeutig positiver Effekt (relatives Risiko 0,97, 95%-KI 0,78–1,20).

Die in die Analyse eingeschlossenen Studiendaten haben Limitationen, so die Autoren, etwa geringe Patientenzahl und die Tatsache, dass eine Studie aus dem Jahr 1976 stammt, einer Ära vor Thrombolyse und PTCA. Jedoch warnen sie, weiter ungeprüft davon auszugehen, die Sauerstoffgabe sei bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt medizinisch sinnvoll, und sie fordern hierzu kontrollierte klinische Studien.

Für „wissenschaftlich ernst zu nehmen“ hält Prof. Dr. med. Erland Erdmann vom Herzzentrum des Universitätsklinikums Köln die aktuelle Cochrane-Analyse. „Die Ergebnisse sind allerdings nicht statistisch signifikant und werden unser Vorgehen im Klinikalltag zunächst nicht ändern“, räumt Erdmann ein. „Wir geben Sauerstoff nur bei Atemnot. Als symptomatische Behandlung ist das aus meiner Sicht weiterhin gerechtfertigt“.

Fazit: Es bleibt auch nach der Cochrane-Analyse weiter unklar, ob eine Zuatmung mit Sauerstoff statt Luft Patienten mit akutem Myokardinfarkt nutzt oder vielleicht sogar schadet. Die Studie verdeutlicht eine erhebliche wissenschaftliche Lücke, die durch entsprechende Studien geschlossen werden sollte. Christine Vetter

Cabello JB et al.: „Oxygen therapy for acute myocardial infarction“, The Cochrane Library 6; 2010: 1–13

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