ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Umfrage bei Kammern und KVen der neuen Länder – Von der Wende bis zur Gegenwart: Rückblicke ohne Zorn

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Umfrage bei Kammern und KVen der neuen Länder – Von der Wende bis zur Gegenwart: Rückblicke ohne Zorn

Endres, Alexandra

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LNSLNS Derzeit wird viel über die nächste Stufe der Gesundheitsstrukturreform geschrieben. Als "größte Reform der 90er Jahre, von der heute niemand mehr spricht", bezeichnete die "Süddeutsche Zeitung" Ende Januar die Auflösung des staatlichen Gesundheitssystems der DDR. Wie diese Reform von den Bürgern in Ostdeutschland heute bewertet wird, ließ die Zeitung kürzlich von einem Meinungsforschungsunternehmen erfragen (siehe Kasten). Das Deutsche Ärzteblatt fragte die Vorsitzenden und Geschäftsführer von Ärztekammern sowie Kassenärztlichen Vereinigungen in Berlin und den neuen Bundesländern nach "damals" und "heute". Tendenz ihrer Einschätzungen: Es gab und gibt schon noch Probleme – aber alle haben längst "schwimmen" gelernt.


Eine "Flucht in die Zukunft" nennt Dr. med. Klaus Penndorf, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt das, was 1989/90 in der Ärzteschaft der damaligen DDR geschah. Mit der Mauer war auch das ostdeutsche System der medizinischen Versorgung zusammengebrochen. Auf ihrer Suche nach neuen Wegen orientierten sich die Doctores am westdeutschen Modell – manche begeistert, andere eher unfreiwillig. Im ganzen Land gründeten Ärzte KVen oder Ärztekammern, noch bevor der Einigungsvertrag den niedergelassenen Arzt als den eigentlichen Träger der medizinischen Versorgung definierte.
Die Zukunft war ungewiß. Was würde aus den Polikliniken werden, zu diesem Zeitpunkt wichtige Arbeitgeber im Gesundheitswesen? Wie würde die medizinische Ausbildung künftig strukturiert sein? Dr. med. Henning Friebel, Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, erinnert sich, wie sachsen-anhaltiner Ärzte im Hörsaal der Magdeburger Kinderklinik diese und andere Fragen diskutierten. Sehr viele Forderungen hätten sie gehabt, waren aber "dann sehr schnell ernüchtert", sagt Friebel. Im Frühjahr und Sommer 1990 gründeten sich die meisten der neuen Kammern und KVen, zunächst als Vereine. Ostberliner Ärzte beschritten einen Sonderweg: Zwar entstanden dort ebenfalls Arztvereine, aber diese vereinigten sich später mit ihren Zwillingen im Westen. Nach der Wende gründete sich in Ostberlin etwa der "Verband der niedergelassenen und niederlassungswilligen Ärzte", der später zur KV e.V. wurde. Die Westberliner KV unterstützte ihre Schwester im Osten. Dr. med. Mathias Marchlewitz, damals Vorstand der Ostberliner, heute der gemeinsamen KV, nahm regelmäßig an den Vorstandssitzungen im Westen teil. "Im Prinzip sind die meisten Arbeiten über die KV im Westen gelaufen", sagt er. Anfang 1991 sei klar gewesen, daß es keine selbständige KV Ostberlin geben werde.
Für die Berliner Kammer stand bereits Mitte 1990 fest, daß sie künftig Ärzte in Ost wie West vertreten würde. Unter ihrer Federführung gründete sich Anfang Juli der "Gemeinsame Ausschuß der Berliner Ärzteschaft", dem aus Ostberlin unter anderen Vertreter des Virchow-Bundes und der KV e.V. angehörten. Mit dem Einigungsvertrag waren die Ärzte aus dem Osten Mitglieder in der Kammer. Im Dezember fand turnusmäßig die gemeinsame Wahl zur Delegiertenversammlung statt. Die Arbeit der Körperschaften begann am Nullpunkt: Platz war knapp, die Ausrüstung unzureichend, oft fehlte sogar das Papier. Drucker, Kopierer und Telefone waren Mangelware. Die KV Brandenburg etwa besaß ein einziges Funktelefon. "Wer mittags telefonieren wollte, mußte sich frühmorgens anmelden", erinnert sich der Hauptgeschäftsführer, Dr. med. Hans-Jörg Wilsky. Die ersten Mitarbeiter der Kammern oder KVen kamen häufig aus Instituten des DDR-Gesundheitswesens. Manche konnten sich wegen früherer Zusammenarbeit mit der Stasi oder ähnlicher Verflechtungen nicht lange halten. In der Anfangszeit herrschte zudem Personalnot. Die Kammer in Sachsen-Anhalt hatte zunächst nur eine Angestellte. Bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg fingen immerhin 15 Beschäftigte an, die vorher beim Cottbusser "Institut für Sozialhygiene" angestellt waren. Der Kammerpräsident in Thüringen, Prof. Dr. med. Eggert Beleites, erledigte anfangs die ganze Arbeit allein – neben seiner Tätigkeit als Oberarzt einer HNO-Klinik. Über 300 Briefe und Anfragen habe er täglich erhalten, erzählt Beleites, und seine Familie eingespannt, um alle zu lesen. Jedem Schreiber zu antworten war schlicht unmöglich. Nach zwei Monaten bekam Beleites eine Sekretärin, deren Gehalt aus dem Mitgliedsbeitrag der Ärzte von zehn DM monatlich bezahlt wurde. Doch zunächst mußte die Kammer ihre Mitglieder finden: Es gab kein zentrales Arztregister, und die Suche nach den Adressen sämtlicher Doctores gestaltete sich mühsam. Die Gründer wußten wenig von der Arbeit einer Kammer oder KV und waren doch wichtigster Ansprechpartner. Henning Friebel erinnert sich, daß viele Ärzte bei der Kammer anfragten, wie es nun weitergehen solle. Doch auch dort wußte das niemand so genau: "Wir konnten nur Optimismus verbreiten", sagt Friebel. Doch jeder informierte nach besten Kräften. Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg etwa bot schon sehr früh zusammen mit der Apotheker- und Ärzte-Bank Niederlassungsberatungen an. Entschied sich ein Arzt für die eigene Praxis, standen zähe Verhandlungen mit den Banken an: Viele Kreditinstitute wollten kein Geld geben, erinnert sich Ralf Höfgen, Hauptgeschäftsführer der KV Mecklenburg-Vorpommern. Die Schweriner reagierten zudem auf viele allgemeinere Anfragen, indem sie auf einem Kassenärztetag über die Prinzipien einer KV informierten. Rund 700 Ärzte nutzten das Angebot.

Aus der Poliklinik in die eigene Praxis
Partnerkammern oder -KVen aus dem Westen halfen den Schwestern im Osten, in ihre neue Aufgabe hineinzuwachsen. Sie schulten die Mitarbeiter, halfen beim Aufbau eines EDV-Systems, informierten und berieten. Die jungen Institutionen übernahmen die Struktur ihrer älteren Partner. Die KV MecklenburgVorpommern gründete sich gar im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg. Rund 400 Ärzte aus MecklenburgVorpommern waren zur Gründungsversammlung am 10. Mai 1990 angereist. In den Jahren 1990/91 drängten viele Ärzte aus den Polikliniken und Betrieben in die eigene Praxis. Die Zeit der Polikliniken lief ab, das Betriebsgesundheitswesen wurde umorganisiert. Von einer eigenen Praxis versprachen sich die Doctores bessere Zukunftschancen. Nur ein kleiner Teil, in erster Linie ältere Ärzte, wollte nicht so viel Kapital investieren. Wenn sie nicht als angestellter Arzt arbeiten konnten, blieb oft nur der Weg über Vorruhestand oder Arbeitslosigkeit in die Rente. Nur wenige blieben in der Poliklinik. In der Übergangsphase arbeiteten sie oft in enger Nachbarschaft mit niedergelassenen Ärzten, was mancherorts zu Zwistigkeiten führte. Andere Ärzte gründeten Gemeinschaftspraxen oder Praxisgemeinschaften.
Auch die KVen und Kammern bauten ihre Verwaltung auf: immer mehr Mitarbeiter wurden eingestellt, die technische Ausstattung erweitert. Je besser eine Körperschaft ausgestattet war, desto knapper wurde aber der Platz. Die Mitarbeiter zogen also in ein größeres Domizil – bis dieses wieder aus allen Nähten platzte und ein neuer Umzug anstand. "Wir haben schwimmen gelernt, nachdem man uns ins Wasser gestoßen hat", resümiert Dr. Klaus Penndorf. Übereinstimmend erklären die Vertreter von Kammern und KVen der neuen Länder heute: Der Aufbau der ärztlichen Selbstverwaltung ist abgeschlossen, die Körperschaften haben sich etabliert. Fast jede hat ihren Sitz im eigenen Haus oder steckt mitten im Bau oder in der Planung eines Gebäudes. "Die Selbstverwaltung unseres Berufsstandes in die eigenen Hände zu nehmen ist eine der großen Errungenschaften der Wende", sagt Dr. Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern.
Nach Ansicht von Udo Sydow, Hauptgeschäftsführer der KV Thüringen, ist die freie Arztwahl für Patienten die "größte Errungenschaft" des neuen Systems. Ärzte und Patienten begegneten sich viel freier als früher. Weil es mehr Ärzte gebe und diese mit besseren Geräten arbeiteten und mehr Medikamente verordnen könnten, habe sich die Versorgung verbessert. Die Praxen der niedergelassenen Ärzte seien sehr gut ausgestattet, bestätigt Prof. Beleites. Er bedauert jedoch, daß heute weniger Oberärzte oder habilitierte Kollegen in den Kliniken arbeiten als früher. Trotz der Angleichung hat die Ärzteschaft in den neuen Ländern auch sechs Jahre nach der Wiedervereinigung des Gesundheitswesens andere Probleme als in den alten. Viele hätten sich beim Aufbau der eigenen Praxis in hohe Schulden gestürzt – und sich dabei verkalkuliert, sagt Dr. Marchlewitz. Die Punktwerte seien 1990/91 noch stetig gestiegen, 1993 aber zusammengebrochen und mit ihnen die Grundlage für die Berechnung des Einkommens und der monatlich tragbaren Belastung. Jetzt stehen die ersten Tilgungen an. Manche Praxen würden unter dem finanziellen Druck wohl schließen müssen, fürchtet Marchlewitz. Ralf Höfgen von der KV Mecklenburg-Vorpommern führt finanzielle Schwierigkeiten der Ärzte in den neuen Ländern vor allem auf ungleiche Honorare zurück: Ein Arzt im Osten brauche einen größeren Anteil seines Honorars als sein Kollege im Westen, um seine Kosten zu decken. Eine endgültige Angleichung der Honorare ist deshalb ein wichtiges Ziel der Ost-KVen.
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium bezeichnet die Umgestaltung des ostdeutschen Gesundheitswesens heute als "eine der größten Leistungen der deutschen Sozialgeschichte". Das Niveau in den neuen Ländern sei im wesentlichen so gut wie in den alten. Horst Seehofer sagte zum Jahrestag der Wiedervereinigung 1995: "Einen derart raschen Umbau hätte vor fünf Jahren niemand für möglich gehalten." Alexandra Endres

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