THEMEN DER ZEIT

Kommunale Prävention: Gesundheitsziele bürgernah erarbeiten

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1452 / B-1286 / C-1266

Thonack, Jens; Böhme, Karin

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Seit dem Jahr 2003 befasst man sich in Greifswald intensiv mit den Themen Prävention und Gesund­heits­förder­ung. Dabei war es wichtig, immer den Kontakt zu den Bürgern der Region zu halten.

Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland muss es ein Umdenken in der Gesellschaft geben. Die Alterspyramide verschiebt sich immer mehr nach oben. Auf das damit verbundene gehäufte Auftreten von Erkrankungen werden sich nicht nur das Gesundheitswesen und alle anderen Leistungsanbieter auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung, sondern insbesondere die Kommunen einstellen müssen. Im Osten Deutschlands ist dieser Trend noch stärker ausgeprägt. Die Kommunen müssen sich auf die Bedürfnisse einer älter werdenden Bevölkerung einstellen, wie etwa altersgerechte Wohnungen, barrierefreie Gebäude (besonders bei Behörden), gute Verkehrsanbindungen, Anpassung der öffentlichen Fahrpläne der Verkehrsbetriebe. Hinzu kommt, dass der Nachwuchs für bestimmte Berufe fehlt. Diesem Defizit muss in den vom Staat verantworteten Bereichen wie Bildung und Gesundheit dringend entgegengewirkt werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt macht sich insbesondere der Hausarztmangel bemerkbar.

Eine Gesellschaft muss bestimmte Notwendigkeiten rechtzeitig erkennen und mittel- und längerfristig darauf reagieren, um Notstandssituationen zuvorzukommen. Ausgehend von der Ottawa-Charta von 1986 wurde in Deutschland im Jahr 1989 das Gesunde-Städte-Netzwerk gegründet. Dieses Netzwerk verbindet auf freiwilliger Basis Städte, die sich den neuen Herausforderungen der demografischen Entwicklung im Bereich Gesundheit stellen. Das Netzwerk spricht in fachlicher und politischer Hinsicht Mitarbeiter von Gesundheitsämtern, Sozialämtern, Wohnungsämtern, Umweltämtern ebenso wie Selbsthilfegruppen und Vertreter von Gesundheitsinitiativen an. Auch andere kommunale Einrichtungen, wie die Stadtplanungs- oder Jugendämter, sind aufgefordert, sich in diesem Prozess zu engagieren.

In den vergangenen 20 Jahren sind mehr als 60 Kommunen diesem Netzwerk beigetreten und führen regelmäßig Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch und zur Vorstellung bereits erreichter Ziele durch. Wer am Netzwerk teilnimmt, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, die in einem Neun-Punkte-Programm auf der Homepage www.gesunde-staedte-netzwerk.de zu finden sind.

Festlegung zentraler Ziele

Greifswald, eine freie Universitäts- und Hansestadt mit knapp 60 000 Einwohnern und im Osten von Mecklenburg-Vorpommern gelegen, hat sich in den letzten Jahren überdurchschnittlich entwickelt. Im Zukunftsatlas 2007 der schweizerischen Prognos AG hatte Greifswald Platz 1 in der Rangfolge der Aufsteigerregionen belegt (Prognos Zukunftsatlas 2007).

Projekte sollen abgestimmt auf Altersgruppen angeboten werden. Foto: Superbild
Projekte sollen abgestimmt auf Altersgruppen angeboten werden. Foto: Superbild

Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Stadt war der Bürgerschaftsbeschluss vom 3. November 2003 zur „Entwicklung der Gesundheitswirtschaft in Greifswald – Standortfaktor Gesundheit“. Dieser Beschluss erforderte eine vorherige Auseinandersetzung mit der regionalen Struktur und den Gesundheitsdienstleistern. Der Arbeitskreis B „Gesundheit“ (ABG) koordinierte in Hinblick auf die Umsetzung der Ziele des Gesunde-Städte-Netzwerkes diese Initiative und bildete eine Plattform für alle Beteiligte. Die ehrenamtlichen Akteure wurden unterstützt durch das Gesundheitsamt, insbesondere durch die Mitarbeiter der regionalen Kommission zur Sucht- und Konfliktbewältigung. Der politische Startschuss im Jahr 2003 setzte in der Kommune eine kontinuierliche Auseinandersetzung zu dem Thema Gesundheit, insbesondere Gesund­heits­förder­ung und Prävention, in Gang. Dabei war es wichtig, immer den Kontakt zu den Bürgern der Region zu halten.

Über den ABG konnten viele Ideen und Projekte umgesetzt werden. Herauszuheben sind die Bürgerschaftsbeschlüsse „Kindervorsorgeuntersuchung als sozialpolitische Maßnahme – Untersuchung U8“ (Bürgerschaftsentscheidung vom 7. Oktober 2005) und „Maßnahmen zum Nichtraucherschutz als Möglichkeit der kommunalen Gesund­heits­förder­ung“ (Bürgerschaftsentscheidung vom 27. März 2006 – bevor die gesetzlichen Regelungen auf Bundesebene verabschiedet worden sind) sowie das Vitalitäts-Event des Vereins „Vernetzte Gesundheit e. V.“ als Informationsveranstaltung zu Gesundheitsfragen für die Bürger der Region.

Beim Erfahrungsbericht 2009, der beim Treffen des Gesunde-Städte-Netzwerkes in Frankfurt am Main vorgetragen wurde, traf die bürgernahe Erarbeitung der Gesundheitsziele der Universitäts- und Hansestadt Greifswald auf eine sehr positive Resonanz.

Im ABG erfolgte ein erstes Zusammentreffen zur Erarbeitung der Gesundheitsziele. Fachleute von Krankenkassen, Pflegediensten, Ärzte und andere Akteure entwickelten die ersten Projekte. Wie aber sahen die Erwartungen der Bürger aus? Um diese einzubeziehen, wurden verschiedene Einrichtungen in der Region aufgesucht, wie zum Beispiel der Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität, Stadtelternrat oder Sportbund, sowie weitere kommunale Gremien, wie der Gesundheits- und Sozialausschuss und der Arbeitskreis Stadtmarketing. Weiterhin wurden Befragungen auf Veranstaltungen in der Region durchgeführt. Dort konnten die Befragten ihre Gesundheitsziele nennen. Rund 1 500 Bürger wurden so befragt. Durch diese Gespräche konnte ein umfassendes Meinungsbild erfasst werden. Probleme wurden so erkannt und verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Die Auswertung der Gespräche bildete den Grundstock für die bürgernahe Erarbeitung der Gesundheitsziele und lieferte gleichzeitig einen umfangreichen Ideenfundus. Die Umfrageergebnisse wurden bei einem weiteren ABG-Treffen vorgestellt. Nach erneuten intensiven Diskussionen wurden abschließend fünf Gesundheitsziele für die Universitäts- und Hansestadt Greifswald festgelegt:

  • Präventive und bedarfsgerechte Familienförderung = starke Familien
  • Förderung von Umwelterziehung und Umweltinformation = gesunde Umwelt
  • Sensibilisierung für gesunde Ernährung = bewusste Ernährung
  • Gesundes Aufwachsen und aktiv im Alltag = vitale Menschen
  • Erhöhung der gesundheitlichen Kompetenz und Verbesserung der individuellen Lebenslage = Wohlbefinden.

Nachhaltigkeit gewährleistet

Diese Ziele geben eine Orientierung. Jeder Bürger sich kann über den ABG aktiv in den Prozess der Umsetzung einbringen. Mit diesen Gesundheitszielen trat der ABG an die Bürgerschaft der Kommune heran, um eine politische Verankerung durch einen Bürgerschaftsbeschluss zu erlangen. Die Bürgerschaft beschloss diese Gesundheitsziele am 3. November 2008 (Bürgerschaftsentscheidung, 3. November 2008). Die Ziele sollen bis 2015 umgesetzt werden. Erste Projekte zu ihrer Untermauerung wurden Anfang 2009 begonnen. So konnten in diesem Jahr zwei Schulen das Zertifikat „Gesunde Schule“ bekommen. Alle Schulen in Greifswald sollen bis 2015 dieses Zertifikat erlangen. Es wird alle drei Jahre überprüft. Damit ist eine Nachhaltigkeit gewährleistet. Ein Modellprojekt „Stresstoleranz für Jugendliche“ sowie das Projekt „Familie im Dialog“ (Familog) sind konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der Gesundheitsziele. Um allen Generationen gerecht zu werden, sollen spezielle Projekte auf Altersgruppen abgestimmt werden. Dazu gehören ein Trimm-dich-Pfad für Senioren und die regelmäßige Durchführung eines Gesundheitsparcours für Kinder und Jugendliche.

Der ABG ist voller Zuversicht, bis 2015 viele konkrete Maßnahmen umsetzen zu können. Dabei wird darauf geachtet, dass Projekte sich so entwickeln, dass auch über diesen Zeitraum hinaus Maßnahmen weitergeführt und viele Projekte fester Bestandteil der Gesundheitspolitik unserer Kommune sein werden.

Dr. Jens Thonack, Vorsitzender
des Arbeitskreis B „Gesundheit“
der Universitäts- und Hansestadt Greifswald
Karin Böhme, Leiterin der Regionalen
Sucht- und Konfliktbewältigung
der Universitäts- und Hansestadt Greifswald

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