MEDIZINREPORT

Reisemedizin: Internationale Netzwerke decken Risikotrends auf

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1458 / B-1292 / C-1272

Blaeser-Kiel, Gabriele

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Die japanische Enzephalitis wird durch das Japan- B-Enzephalitis-Virus ausgelöst, ein Arbovirus, das, wie der Erreger des Gelbfiebers, zu den Flaviviridae gehört. Foto: picture alliance/medical-picture
Die japanische Enzephalitis wird durch das Japan- B-Enzephalitis-Virus ausgelöst, ein Arbovirus, das, wie der Erreger des Gelbfiebers, zu den Flaviviridae gehört. Foto: picture alliance/medical-picture

Die Reisemedizin stützt sich inzwischen in vielen Bereichen auf eine solide wissenschaftliche Basis, was die zielgenaue Beratung der Reisewilligen und die rasche Diagnosestellung bei kranken Rückkehrern erleichtert.

Nach Schätzungen der Welttourismusorganisation (UNWTO) werden 2010 weltweit rund eine Milliarde Menschen auf Reisen gehen; für das nächste Jahrzehnt erwartet man einen Anstieg um weitere fünfhundert Millionen. Den größten Anteil stellen gegenwärtig die Touristen (60 Prozent), der Rest entfällt auf Geschäftsreisende, Besucher von Freunden und Verwandten, Pilger/Missionare, Entwicklungshelfer, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sowie Reisende aus sonstigen Gründen (International Travel and Health 2010, www.who.int/iht).

Früher ging man davon aus, dass Reisende vor allem solche Krankheiten mit nach Hause bringen, die in dem besuchten Land endemisch sind. Dies stimmt nach Aussage von Prof. Dr. med. Frank von Sonnenburg (Ludwig-Maximilians-Universität München) jedoch nur bedingt, weil Besucher und Einheimische sich nicht auf den „gleichen Pfaden“ bewegten und andere Verhaltensweisen hätten.

Ebenfalls differenzieren müsse man zwischen Deutschen auf Auslandsreisen und den sogenannten VFR (Visitors to Friends and Relatives) – wie Migranten auf Besuch bei Freunden und Verwandten in ihrem Herkunftsland. Denn Art und Häufigkeit der importierten Erkrankungen unterschieden sich zum Teil erheblich. So sind beispielsweise Malariafälle bei Touristen in den vergangenen Jahren dank guter Prophylaxe ständig zurückgegangen. Bei den Migranten, vor allen jenen der zweiten Generation, ist der Trend jedoch gegenläufig – vermutlich weil sie inzwischen die Immunität ihres Gastlandes angenommen haben. Ganz oben auf der Liste der durch Migranten importierten Krankheiten steht noch immer, wenn auch in abnehmender Fallzahl, die Tuberkulose. Bei den Touristen dagegen, ob organisiert oder individuell unterwegs, dominieren nach wie vor die Durchfallerkrankungen.

Für eine möglichst zielgruppen- und ziellandgenaue reisemedizinische Beratung einerseits, die frühzeitige Identifikation von hochinfektiösen Erkrankungen sowie die Verhinderung ihrer flächendeckenden Ausbreitung andererseits stützt man sich heute auf die Daten internationaler Überwachungsnetzwerke. Über die umfangreichste Dokumentation verfügt GeoSentinel. Das „Global Travel/Tropical Diseases Surveillance Network“ ist 1996 von der ISTM (International Society for Travel and Tropical Medicine) mit Unterstützung der US-Centers of Disease Control gegründet worden.

Reiseimpfungen noch immer zu wenig genutzt

Den Kern bilden fünfzig global verteilte klinische Einrichtungen mit reisemedizinischer Expertise (in Deutschland die Tropeninstitute Hamburg und München), die kurzfristig und anonymisiert die klinischen Daten der von ihnen betreuten kranken Reiseheimkehrer weiterleiten. Weitere Fälle werden von 194 Partnerkliniken auf allen fünf Kontinenten gemeldet.

Neben dem Zugang zu sauberem Wasser hat vor allem die Entwicklung von Impfstoffen weltweit für eine erhebliche Verbesserung der Gesundheitssituation gesorgt. Doch die Chancen werden noch zu wenig genutzt.

Aus einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Techniker-Krankenkasse (n = 1 020) geht hervor, dass sich nur etwa jeder dritte bis vierte Deutsche gegen alle im Urlaubsland verbreiteten Krankheitserreger impfen lässt (neue Bundesländer: 37 Prozent, alte Bundesländer: 24 Prozent). Nach Einschätzung von Prof. Dr. med. Gerd Burchard (Universitätklink Hamburg-Eppendorf) ist die Impfmüdigkeit der Grund, dass trotz effektiver Impfstoffe die Hepatitis A und B sowie Typhus weiterhin importiert werden.

Zu den Innovationen auf dem Impfsektor gehört ein in Europa hergestellter Totimpfstoff gegen die japanische Enzephalitis. Bei dieser in weiten Teilen Asiens von Stechmücken übertragenen Viruserkrankung (Foto) ist mangels einer kausalen Therapie in etwa einem Drittel der Fälle mit letalem Ausgang zu rechnen. Als Vorteil gegenüber der früher aufgrund fehlender anderer Alternativen aus Asien importierten Lebendvakzine gelten das placeboähnliche Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil sowie die annähernd 100-prozentige Serokonversionsrate.

Ebenfalls erst kürzlich zugelassen wurde eine multivalente Konjugatvakzine gegen die Meningokokkenmeningitis. Weitere Neuentwicklungen warteten in der Pipeline, sagte Dr. med. Hinrich Sudeck vom Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Für interessant hält er auch die Erprobung alternativer Applikationsformen wie beispielsweise Hautpflaster gegen Durchfall oder Nasensprays zur Influenza-Immunisierung.

Eine der häufigsten und gefährlichsten Tropenkrankheiten ist nach wie vor die Malaria. Die Bestrebungen zur Entwicklung eines Impfstoffs zielen jedoch nicht primär auf den Schutz von Reisenden ab. Im Fokus steht vielmehr die Bevölkerung in den Endemiegebieten, wo die relative Immunität der Erwachsenen noch immer mit einer hohen Kindersterblichkeit erkauft werden muss.

Schutzdauer der Malaria- Vakzine ist relativ kurz

Die Hoffnungen ruhen auf „RTS,S“. Dieser Impfstoff wird derzeit in elf afrikanischen Ländern der Subsaharazone getestet. Wie es bisher aussehe, so Sudeck, lasse sich bei fast zwei Drittel der Kinder der Ausbruch einer Malaria verhindern und bei den anderen zumindest die Schwere der Erkrankung vermindern. Die Dauer des Schutzes sei allerdings vergleichsweise kurz, reiche aber möglicherweise aus, um die Kinder in einem „semi-immunen Zustand“ ins Erwachsenenalter zu überführen.

Für Reisende steht zur zielregion-adäquaten Prophylaxe inzwischen ein breitgefächertes Angebot an effektiven und verträglichen Wirkstoffen zur Verfügung. Nach den bisherigen Erfahrungen spricht nichts dagegen, dass sich der Schutz auch auf die neue, erst kürzlich in Südostasien entdeckte Malariavariante erstreckt. Zwar haben nach Wissen von Sudeck bisher noch relativ wenige Touristen diese Malariaform importiert. Dennoch sollte man bei Heimkehrern aus dieser Region die Möglichkeit immer im Hinterkopf haben und bei Malariaverdacht nicht automatisch von einer üblicherweise aus dieser Region mitgebrachten Tertiana ausgehen. Denn der zuvor nur bei Affen beobachtete Erreger, Plasmodium knowlesi, vermehre sich ähnlich rasch im Blut wie das für die Tropica verantwortliche Plasmodium falciparum, so dass es zu einem ähnlichen schweren und potenziell lebensbedrohlichen Verlauf kommen könne.

Eine noch relativ junge, aber „boomende“ reisemedizinische Domäne sind die Kreuzfahrten. Allein in Hamburg werden in diesem Jahr mehr als 100 Schiffe mit über 200 000 Passagieren erwartet. In allen europäischen Häfen zusammen werden es wahrscheinlich hochgerechnet rund 500 Millionen Passagiere sein. Das stellt auch ganz neue Anforderungen an die Schifffahrtsmedizin. Denn bisher hätten die besonderen Risiken der Besatzung von Handelsschiffen und die eingeschränkte medizinische Versorgung an Bord den Schwerpunkt ihrer Arbeit gebildet, umriss Dr. med. Clara Schlaich vom Hamburg Port Health Center den Aufgabenbereich der von ihr geleiteten Institution.

Im Fokus stehen bei dieser Gruppe neben Tropenkrankheiten vor allem Unfälle, Vergiftungen durch gefährliche Ladungen, Erschöpfungszustände durch Schichtdienst, aber auch Stress durch multinationale Besatzungen, Angst vor Piraterie oder seelische Belastung durch die langen Trennungen von der Familie.

Auf den Kreuzfahrtschiffen gilt die Hauptsorge der Ausbreitung ansteckender Erkrankungen – begünstigt vor allem durch das Zusammenkommen vieler Menschen aus unterschiedlichen Ländern auf engem Raum oder unvernünftiges Verhalten der Passagiere bei Landgängen in tropischen Regionen, aber auch aufgrund mangelnder Hygiene bei der Bevorratung und Zubereitung von Nahrungsmitteln oder Problemen bei der Trinkwasserversorgung. Gefürchtet sind vor allem Durchfallepidemien – typischerweise ausgelöst von dem hochansteckenden und langlebigen Norovirus, das auch als „Kreuzfahrervirus“ bezeichnet wird. Aber auch Grippeausbrüche kommen immer wieder vor und können ebenfalls zu aufwendigen und kostenintensiven Desinfektionsmaßnahmen oder zur Isolierung von Passagieren führen.

Passagieren mangelt es an Eigenverantwortung

Schlaich wies auf die hohe Verantwortung der Schiffsärztinnen und -ärzte hin. Ihr Aufgabenspektrum umfasst nicht nur den gesamten hausärztlichen Bereich – ergänzt durch Sonnenbrand und Seekrankheit –, sondern auch die Betreuung von Menschen, für die andere Reisearten zu belastend wären, wie Familien mit Kleinkindern, ältere Menschen, Schwangere und chronisch Kranke. Deshalb müssen sie auch bei schweren chirurgischen und internistischen Notfällen in der Lage sein, eigenverantwortlich zu handeln und mit dem Kapitän eine folgenschwere Entscheidung zur Kursänderung oder Evakuierung zu fällen.

Allzu häufig mangele es den Passagieren an Verantwortung gegenüber den Mitreisenden oder der Schiffscrew, bedauerte Schlaich. Es sei unverantwortlich, ein Kind mit Windpocken an Bord zu nehmen, mit Durchfall am Buffet zu erscheinen oder die Reise in einem gesundheitlich instabilen Zustand anzutreten, ohne dies vorher mit dem Veranstalter abzuklären.

Gabriele Blaeser-Kiel

Pressekonferenz anlässlich der 3rd Northern European Conference on Travel Medicine (NECTM) in Hamburg

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige