ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2010Kommerzialisierte Medizin: Erfahrung in Übersee

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Kommerzialisierte Medizin: Erfahrung in Übersee

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1447 / B-1281 / C-1261

Wichert, Peter von

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Peter von Wichert, Emer. Direktor der Medizinischen Poliklinik der Philipps-Universität Marburg
Peter von Wichert, Emer. Direktor der Medizinischen Poliklinik der Philipps-Universität Marburg

Eine ältere Frau erlebte kürzlich beim Ausschiffen in New York einen Kollapszustand mit Amnesie. Herzfrequenz und Atmung waren regelmäßig, der Blutdruck normal, eine Zyanose bestand nicht. Sie war nicht erweckbar und reagierte auch nicht auf Schmerzreize. Der klinische Zustand war einer Narkose ähnlich, eine Ursache dafür aber nicht festzustellen. Der medizinische Dienst des Kreuzfahrtschiffes veranlasste nach Blutdruckmessung (regulär), Anfertigung eines EKG (normal) und Drogentest (negativ) eine Einweisung in ein in Hafennähe gelegenes College-Hospital.

Dort war die Zuwendung des Personals im „emergency room“ durchaus verbesserungsfähig. Nach etwa einer halben Stunde kam zunächst eine Angestellte, die sich um die Verwaltungsangelegenheiten kümmerte. Wenig später erschienen dann Ärzte, die die Patientin, die langsam ansprechbar wurde, nicht untersuchten, obwohl sie ein Alibistethoskop um den Hals trugen. Welches klinische Konzept sie entwickelten, wurde nicht mitgeteilt. Jedenfalls erfolgte eine Indikation zum kranialen CT, die prinzipiell nicht zu beanstanden war, aber klinisch keine Begründung hatte; später folgte noch eine Computertomographie (CT) mit Kontrastmittel. Technische Störungen im EKG wurden als Arrhythmie gedeutet. Schließlich wurde gemutmaßt, die Patientin habe eine zerebrale Durchblutungsstörung, und man wolle sie zunächst auf der Privatstation überwachen.

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Die Patientin wurde zur Überwachung auf die „Privatstation“ verlegt. Die pflegerische Zuwendung war – freundlich beschrieben – neutral. Ein schlüssiges medizinisches Konzept war vom ärztlichen Personal bis zu diesem Zeitpunkt nicht mitgeteilt, wohl auch nicht erarbeitet worden. Am nächsten Vormittag erschienen der Consultant, ein Kardiologe, und ein Neurologe; sie erläuterten der Patientin, dass das während der Nacht abgeleitete Langzeit-EKG eine Karotisstenose belegen würde. Diese habe zu dem vorübergehenden Bewusstseinsverlust geführt. In der Tat war im Langzeit-EKG eine kurze Phase einer supraventrikulären Tachykardie (etwa zehn Sekunden) aufgezeichnet worden. Für diese Pathogenese war die Klinik aber völlig untypisch. Dennoch wurde empfohlen, sofort eine operative Desobliteration der A. Carotis noch in den USA vornehmen zu lassen.

Diese rein auf mögliche Honorar-aquisition ausgelegte „ärztliche“ Entscheidung, die weder die Situation der Patientin im Ausland, noch die möglichen Komplikationen eines solchen Eingriffs beachtete, wurde von der Patientin, selbst Ärztin, nicht akzeptiert. Nach der Rückkehr nach Deutschland zeigte sich im Karotisdoppler keine Stenose. Wie sich hinterher herausstellte, war der Auslöser des Unglücks eine Verwechslung der Medikation mit vorsorglich für die Fernreise mitgenommenem Zolpidem.

Doch nun zu den Kosten. Die Patientin war insgesamt 29 Stunden in der Klinik. Dafür hat diese, unabhängig vom Honorar des Consultant, rund $ 14 000 in Rechnung gestellt. Einige Posten kann man herausgreifen: Rö-Thorax: $ 393 (GOÄ 1,8-fach: 47,21 Euro). Die nichtindizierte Echokardiographie wurde mit $ 1 995 in Rechnung gestellt (GOÄ 1,8-fach: 93,84 Euro). Das Langzeit-EKG wurde mit $ 480 berechnet, in der (GOÄ 1,8-fach: 127,36 Euro). Für die CT-Untersuchungen wurden $ 2 983 angegeben. In der GOÄ würde die Untersuchung mit 1,8-fachem Steigerungsfaktor 419,66 Euro kosten. Die Aufnahme im Notfallbereich fand mit $ 404 eine gesonderte Bewertung. Viele weitere Maßnahmen wurden aufgeführt, jede einzelne Tablette wurden protokolliert, so dass für die 29 Stunden der Betrag von $ 14 027 berechnet wurde. In Deutschland (Hessen) würde die DRG F73Z mit 1 600 Euro abgerechnet werden.

Diese Erfahrung hat den Autor dieser Zeilen, der über zwei Jahrzehnte eine Medizinische Universitätsklinik geleitet hat, außerordentlich betroffen gemacht. Wenn Medizin ein Erwerbszweig wird, wie die Metall verarbeitende oder elektrische Industrie, dann mag es zulässig sein, „erzielbare“ Preise zu fordern. Auch in Deutschland gibt es solche Tendenzen. Basis unseres Gesundheitssystems ist aber Solidarität, und daraufhin sind die Beiträge aus der Zwangsversicherung der gesetzlich Versicherten ausgerichtet. Diese Versicherung hat prinzipiell nichts mit ökonomischem Gewinn zu tun, ein ausgeglichener Haushalt einer Klinik wäre im Sinne dieser Zielsetzung ausreichend. Medizin ist ein humanitäres Gut.

Es sollte das Anliegen aller sein, der Kommerzialisierung der Medizin, die von Krankenkassen, Arztorganisationen, sogenannten Gesundheitsökonomen, Pharmaindustrie und Medien in selten unheiliger Allianz vorangetrieben wird, entschlossen entgegenzutreten. Wir sollten in Deutschland nicht den USA nacheifern, wo aus der Medizin ein wirtschaftliches Geschäft gemacht wird. Dies gilt umso mehr, wenn zusätzlich noch die Qualität der Versorgung, wie in diesem Fall, auf der Strecke bleibt. 95 Prozent der Weltbevölkerung wären froh, ein derartig gut funktionierendes System, wie es das deutsche ist, bei sich zu wissen.

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