ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2010Robert Koch: Großlabor Togo
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Der Erreger der Cholera wurde bereits 1854 durch Filippo Pacini, Anatom in Florenz, identifiziert. Erst Robert Koch gelang es aber, das herrschende „Miasmamodell“, die Theorie, dass sich Seuchen nur durch Klima und Witterung verbreiten, zu durchbrechen und Wege zur Zähmung der Seuche durch Unterbrechung ihrer Verbreitungswege zu weisen. Damit löste er aber ein Politikum aus. Kontinentaleuropäische Regierungen forderten Quarantänemaßnahmen im Suezkanal für aus Indien stammende Schiffe. England fürchtete wirtschaftliche Einbußen. 1884, im Jahr von Kochs Veröffentlichung, bildete die englische Regierung ein Komitee, welches eine wissenschaftliche Kommission nach Indien sandte, welche Kochs Theorie Punkt für Punkt widerlegen sollte. 1885 veröffentlichte das Komitee den Bericht als „Offizielle Widerlegung von Dr. Robert Kochs Theorie“. „Nature“ und „The Lancet“ weigerten sich, den Bericht zu veröffentlichen. Es gelang der englischen Regierung aber damit, strenge Quarantänemaßnahmen für den Suezkanal zu verhindern. Reminiszenzen an die BSE-Krise drängen sich da auf.

Die erwähnte Errichtung eines „Königlich Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten“ hat eine Vorgeschichte. Im Oktober 1890 hatte Koch vom zuständigen Beamten im Kultusministerium, Althoff, die Errichtung eines Instituts verlangt, das-einzig und allein der Herstellung und Vermarktung von Tuberkulin dienen sollte. Koch gab den erwarteten Gewinn mit 4,5 Millionen Reichsmark/Jahr an und verwies auch auf vorliegende Angebote aus den USA. Reichskanzler Caprivi ließ kurz vor Jahresende wissen, es könne sich als verhängnisvoll erweisen, wenn bekannt würde, dass sich Koch derartig an seinem Heilmittel bereichern wollte. Darauf war Althoff nur noch bereit, Koch zuliebe ein staatliches Institut für Infektionskrankheiten zu errichten, das zugleich in Wettstreit mit Pasteurs Institut in Paris treten konnte.

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Die Erforschung der Therapiemöglichkeiten gegen die Schlafkrankheit in Ostafrika unter der Ägide von Koch hatte ein Nachspiel. Ab 1908, zwei Jahre vor Kochs Tod, wurde die deutsche Kolonie Togo zum Großlabor. Für Kranke und Verdachtsfälle wurden „Konzentrationslager“ errichtet, nach dem Vorbild des Burenkrieges. Die einheimische Bevölkerung suchte sich der schlechten Unterbringung und der schmerzhaften Behandlung mit arsenhaltigen Mitteln zu entziehen. Die polizeilichen Maßnahmen nahmen bald mehr Zeit in Anspruch als die medizinischen Aktivitäten. Einige der jungen Ärzte, die hier ihre akademische Karriere starteten, erlebten den Höhepunkt ihrer Laufbahn im Dienste der Nationalsozialisten, wie auf einer Lübecker Tagung über die Geschichte von Humanexperimenten 2001 referiert wurde.

Dr. med. Rolf Klimm, 83093 Bad Endorf

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