ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2010Alternative Therapieverfahren: Homöopathie in der Kritik

POLITIK

Alternative Therapieverfahren: Homöopathie in der Kritik

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1433 / B-1269 / C-1249

Meißner, Marc

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Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung erstattet zum Teil auch homöopathische Präparate. Politiker fordern nun, die Homöopathie aus dem GKV-Katalog auszuschließen, weil ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nicht bewiesen sei.

Phytotherapie, Homöopathie und anthroposophische Medizin gehören zu den sogenannten besonderen Therapierichtungen. Bei der Erstattung durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) soll ihrer „besonderen Wirkungsweise Rechnung getragen werden“, heißt es in den Arzneimittelrichtlinien. Ginge es nach Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, könnte sich dies bald ändern: „Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen“, forderte er gegenüber dem „Spiegel“. Homöopathie sei nicht nur wirkungslos, sondern schade den Patienten sogar, da dadurch eine adäquate Behandlung verzögert werde. Unterstützung erhielt er aus der Koalition: Die Wahltarife für Homöopathie habe man auf Wunsch von SPD und Grünen eingeführt, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn. „Sollte die SPD veränderungsbereit sein, können wir sofort darüber reden.“ „Die Homöopathie ist ein spekulatives, widerlegtes Konzept“, stellte Prof. Dr. med. Jürgen Windeler, ab September Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, klar.

Foto: ddp
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Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sprach sich hingegen für das Heilverfahren aus: „Die Wirkung von homöopathischen Mitteln ist zwar nicht naturwissenschaftlich belegbar, trotzdem ist die Homöopathie ein wichtiger Zweig in der Ausbildung von Ärzten geworden“, erklärte der Präsident der BÄK, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Vonseiten der Kassen erntete Lauterbach ebenfalls Kritik. „Jetzt passiert, was wir befürchtet hatten: Die Ärzte sollen trotz ihrer Rekordeinnahmen auch im nächsten Jahr wieder eine saftige Honorarerhöhung bekommen, und gleichzeitig wird gefordert, für die Versicherten Leistungen zu streichen“, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands.

Der Homöopathie fehlt eine theoretische Grundlage

Kernproblem der Diskussion ist zum einen der fehlende wissenschaftliche Nachweis, dass homöopathische Mittel tatsächlich wirken. Für jede Studie, die Befürworter der Heilmethode als Nachweis anführen, wissen Kritiker mindestens eine zu nennen, die das Gegenteil zeigt. Zum anderen fehlt auch eine schlüssige Erklärung, wie Homöopathie überhaupt wirken könnte. Die Theorie zur homöopathischen Heilkunst geht auf Samuel Hahnemann zurück. Er vertrat die These, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werde. Demnach aktiviert eine Substanz, die bei einem Gesunden ähnliche Symptome wie die zu behandelnde Krankheit hervorruft, entsprechende Selbstheilungskräfte bei einem Erkrankten. So setzte Hahnemann beispielsweise Chinarinde ein, die bei Gesunden malariaähnliche Symptome hervorruft, um Malariainfizierte zu heilen.

Darüber hinaus ging er davon aus, dass diese Wirkung einer Substanz umso stärker werde, je mehr man sie verdünnt. Diesem Prinzip folgend werden homöopathische Mittel in hohen Verdünnungen verabreicht. Meist in so hohen Verdünnungen, dass kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr in dem Präparat enthalten ist. Eine Erklärung, warum die Arznei trotzdem wirken soll, sind die Verfechter der Homöopathie bisher schuldig geblieben. Dies allein wäre kein Argument gegen die Homöopathie, wenn sich ihre Wirksamkeit eindeutig nachweisen ließe. Da aber sowohl ein Beweis der Wirksamkeit als auch eine schlüssige Erklärung für die theoretischen Grundlagen fehlen, ist die Frage naheliegend, ob ein solches Verfahren von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezahlt werden sollte.

Unabhängig davon wie die Diskussion um die Homöopathie ausgeht: Auf die Finanzlage der Kassen wird sich dies kaum auswirken. Nach dem Arzneiverordnungsreport 2009 gab die GKV 2008 weniger als neun Millionen Euro für homöopathische Mittel aus. Angesichts von fast 30 Milliarden Euro, die jährlich für Medikamente gezahlt werden, ein verschwindend geringer Betrag.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

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