ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2010Nationale Versorgungsleitlinien: Strategien zur Implementierung

THEMEN DER ZEIT

Nationale Versorgungsleitlinien: Strategien zur Implementierung

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1451 / B-1285 / C-1265

Redaèlli, Marcus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Erfahrungen aus der L.I.S.A.-Studie

Die Bedeutung von Leitlinien ist unbestritten. Jedoch hapert es national wie international an der Implementierung derselben. Im Rahmen der „Leitlinien-Implementierungs-Studie Asthma“ (L.I.S.A.) sollte eine in Deutschland bisher unerprobte Strategie untersucht werden. Von 2006 bis 2008 wurde in Kooperation zwischen der Universität Witten/Herdecke, der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung und der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft diese Studie durchgeführt. Die Förderung erfolgte durch die Bundes­ärzte­kammer.

Anzeige

In Nordrhein- Westfalen konnten 318 Haus- und Kinderärzte für die Teilnahme an der Studie gewonnen werden. Alle Ärzte besuchten eine interaktive Fortbildungsveranstaltung, die in Qualitätszirkeln (QZ) stattfand. Die vertraute Gruppe des eigenen QZ wurde als Rahmen gewählt, weil die offene und kontinuierliche Diskussionskultur eine nachhaltigere Vermittlung des Leitlinienwissens versprach. Inhalte der Fortbildungen waren Empfehlungen der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Asthma zu Therapie und Management dieser Erkrankung. Je nach Fachgruppe wurden die Veranstaltungen durch einen Kinderarzt oder einen hausärztlich-tätigen Internisten durchgeführt.

Am Ende der interaktiven Fortbildung bestand die Möglichkeit, weitere Interventionen auszuwählen. Die Ärzte konnten in der Folgezeit eine E-Learning-Plattform im Internet nutzen, die die Inhalte der NVL-Asthma vermittelte. Zusätzlich konnte eine Schulung des eigenen Praxisteams zur Alltagsanwendung der NVL gebucht werden, die durch eine mit dem Krankheitsbild Asthma vertraute Medizinische Fachangestellte (MFA) in den Praxen abgehalten wurde. Entsprechend den Möglichkeiten ergaben sich vier verschiedene Interventionsgruppen (pragmatisches, nicht-randomisiertes Design).

Das asthmabezogene Wissen der teilnehmenden Ärzte wurde vor und unmittelbar nach der Fortbildung sowie nach drei Monaten mit einem Fragebogen gemessen. Zeitgleich wurde der Wissenstest bei einer Kontrollgruppe durchgeführt.

Leitlinienbekanntheit und Leitlinienwissen

Drei zentrale Botschaften lassen sich als Ergebnisse der Studie vorwegnehmen: Die NVL-Asthma ist bei den Haus- und Kinderärzten noch nicht verankert, eine Einbindung von MFA in Fortbildungsmodulen wird von den Primärversorgern angenommen, und eine individuell auf die Fortbildungsgewohnheiten der Zielgruppe zugeschnittene Implementierungsstrategie kann erfolgreich und nachhaltig sein.

Im Rahmen der ärztlichen Fortbildungsveranstaltung wurden mit Fragebögen auch Akzeptanz und Kenntnis der NVL-Asthma gemessen. Ein Viertel der Befragten machte gar keine Angaben zur Akzeptanz von Leitlinien. Von denjenigen, die die Frage beantworteten, waren zwei Drittel Leitlinien gegenüber „eher offen“ eingestellt. Mit „neutral“ oder „eher ablehnend“ beschrieb rund ein Drittel ihre Akzeptanz. Die Frage zu ihrer persönlichen Kenntnis der NVL ließ ebenfalls ein Viertel aller Befragten offen. Von den Verbleibenden gaben knapp 30 Prozent an, dass sie die NVL „gelesen“ hätten. Weitere rund 55 Prozent gaben an, sie „schon mal gesehen“ zu haben, und 16 Prozent hatten von der NVL noch „nie gehört“.

Bei der Studienplanung wurde davon ausgegangen, dass fünf bis zehn Prozent der Primärversorger ihr Praxisteam für eine Leitlinien-Fortbildung Asthma anmelden würden. Stattdessen waren mehr als 30 Prozent der Praxen an der MFA-Fortbildung interessiert. Dass sich die Fortbildungen gelohnt haben, zeigt sich neben der Zufriedenheit vor allem in den Ergebnissen des Wissenszuwachses bei den MFA mit einer Steigerung um circa 27 Prozent gegenüber dem Ausgangswert.

Obwohl sich die Inhalte in den Fortbildungen für Haus- und Kinderärzte unterschieden, lassen sich pauschale Aussagen für beide Gruppen treffen. Im „Asthma-Management“ entsprechend der NVL lagen beide schon vor der Fortbildung auf einem hohen Niveau von über 90 Prozent der möglichen Punktzahlen. Trotzdem verbesserten sich die Teilnehmer durch die Fortbildung. Diese Ergebnisse wurden drei Monate nach der Intervention auf ihre Nachhaltigkeit hin überprüft und bestätigt. Bezüglich des „Asthma-Wissens“ wiesen beide ärztliche Fachgruppen nach der Fortbildung signifikante Steigerungen auf, die ebenfalls nachhaltig waren.

Vergleicht man die Effekte zwischen den Interventionsarmen, dann zeigt sich für die Ärzte, die zusätzlich das E-Learning gewählt hatten, eine überproportionale Verbesserung im Management und im Wissen. Da künftige Arztgenerationen in ihrer Ausbildung mit internetbasierten Lernwegen konfrontiert werden, erscheint es sinnvoll, E-Learning als Fortbildungsansatz auszubauen.

Dr. med. Marcus Redaèlli
Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin
Universität Witten/Herdecke

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema