KULTUR

Hiddensee: Das söte Länneken

Dtsch Arztebl 2010; 107(30): A-1470 / B-1304 / C-1284

Schiller, Bernd

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„Hiddensee ist eines der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, dass es nicht etwa ein Weltbad werde“, schrieb Gerhart Hauptmann im Jahr 1899. Fotos: Bernd Schiller
„Hiddensee ist eines der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, dass es nicht etwa ein Weltbad werde“, schrieb Gerhart Hauptmann im Jahr 1899. Fotos: Bernd Schiller

Einst von Gerhart Hauptmann entdeckt, fühlen sich bis heute prominente Künstler vom Zauber dieser Insel angezogen.

Hiddensee: gerade einmal 20 Quadratkilometer groß, dreieinhalb Dörfer, knapp 1 200 Einwohner nur. Und doch sind die Leute im Dörfchen Kloster und in der uralten Kleinsiedlung Grieben, hoch im Norden, mindestens so stolz auf ihren eigenen Charakter wie die Neuendorfer im Süden. Und beide sind sich einig, dass Vitte in der Inselmitte, mit 650 Einwohnern das größte Dorf, nun wieder ganz etwas anderes ist.

Es war der Dichter Gerhart Hauptmann, der diese Insel auf die Landkarte gebracht hat. Ende Juli 1885 kam er zum ersten Mal und war fasziniert: „. . . hier ist völliger Einklang mit der Natur.“ Aber erst 1930 kaufte er das Haus „Seedorn“ in Kloster, das jetzige Museum und Kulturzentrum Gerhart-Hauptmann-Haus.

Schauspieler wie Gustaf Gründgens, Otto Gebühr und der Stummfilmstar Asta Nielsen, ebenso Ernst Barlach, Billy Wilder, Albert Einstein, sie alle fühlten sich in den 1920er Jahren vom Zauber der Insel angezogen. Deshalb mochte Hauptmann sich auch keinen schöneren Ort für seine letzte Ruhe vorstellen. Und so liegt denn der größte Stein des Friedhofs von Kloster auf dem Grab des wohl wortmächtigsten aller ehemaligen Stammgäste.

Inseloriginale wie der Schäfer Falk Majewski und der Bildhauer Jo Harbort leben in dem betriebsamen Dorf Vitte.
Inseloriginale wie der Schäfer Falk Majewski und der Bildhauer Jo Harbort leben in dem betriebsamen Dorf Vitte.

Im Hauptmann-Haus sorgt heute Franziska Plötz für frischen Wind. Sie veranstaltet Konzerte und Lesungen. Günter Grass war hier und Uwe Tellkamp, dessen „Turm“ viel Zuspruch fand. Und die Museumsdirektorin freut sich, dass heute, wie damals, Hauptmanns Lieblingswein aus Ihringen am Kaiserstuhl im Keller des Hauses „Seedorn“ lagert.

Ein paar Schritte von dort entfernt hat Henry Engels seine Werkstatt. Dichter ist er nicht, aber auf seine Art auch ein Künstler. Wenn er vom Gold der Ostsee, von den Tränen der Götter erzählt, bleibt kein Auge trocken. Henry, gelernter Landmaschinenschlosser, ist Bernsteinsammler, -schleifer, -magier. Er schleift, poliert und bearbeitet den Bernstein von eigener Hand und lässt sich immer wieder neue Schmuckkreationen einfallen.

Vitte ist etwas betriebsamer als die anderen Dörfer: ein paar mehr Souvenirläden und Restaurants. Manche Besucher kommen wegen der Blauen Scheune, die einmal das Atelier der Malerin Henni Lehmann und später ihres Kollegen Günter Fink war. Beide sind längst tot, das Haus ist mit Efeu zugewachsen, der Garten unzugänglich. Viel mehr lohnt ein Besuch bei Bildhauer Jo Harbort. Seine Werkstatt ist der Platz in der Dorfmitte von Vitte. Dort schnitzt er zurzeit an 38 Stühlen für das Orchester der Stadt Zwickau.

Auch Falk Majewski ist ein Original. Am liebsten redet er mit seinen Hunden und mit seinen Schafen. Zwölf Stunden täglich hütet der Inselschäfer 450 grauwollige Pommersche Landschafe. Sein Revier ist die große Dünenheide zwischen Vitte und Neuendorf: wellige Hügel, aufgelockert von Bäumen und Sträuchern, durchzogen von Wander- und Kutschenwegen.

Neuendorf ist der südlichste Ort, den die Hiddenseer Fähren von Rügen aus ansteuern. Alle Häuser stehen hier in West-Ost-Richtung, um sich gegenseitig zu schützen. Früher waren die Neuendorfer vom Fischfang abhängig. Heute fahren nur noch fünf Männer mit eigenen Booten regelmäßig auf Hering-, Dorsch-, Flunder- oder Aalfang auf die Ostsee hinaus.

Ein Weltbad ist Hiddensee gottlob nicht geworden. Aber ein Kurzurlaub auf dem Söten Länneken mag „von Tag zu Tag. . . sorgloser“ stimmen, wie Gerhart Hauptmann schrieb. Und wer in den Gästebüchern der Pensionen stöbert, wird auf manche Epigonen des großen Meisters stoßen – wie die Urlauberin aus Berlin: „Das Herz öffnet sich, und der Seele wachsen Flügel.“

Bernd Schiller

@Weitere Informationen:
www.seebad-insel-hiddensee.de

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