ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Arztbewertungsportale: Falsche Annahme

POLITIK: Kommentar

Arztbewertungsportale: Falsche Annahme

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1507 / B-1337 / C-1317

Obermann, Konrad; Müller, Peter

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Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Konrad Obermann, Dr. phil. Peter Müller
Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Konrad Obermann, Dr. phil. Peter Müller

Die Ankündigung der AOK, ein deutschlandweites Arztbewertungsportal zu etablieren, hat eine intensive Diskussion über die Rolle und Möglichkeiten von Arztbewertungen durch Patienten im Internet ausgelöst. Ein Großteil der Diskussion geht jedoch an der Kernproblematik vorbei.

Das Kernproblem liegt in der Annahme, es gebe „den“ guten Arzt oder „die“ gute Ärztin. Wie von Teilen der Ärzteschaft zu Recht kritisiert, werden einseitige, nur auf den Arzt beschränkte Fragebögen der zentralen Frage der Interaktion zwischen Arzt und Patient nicht gerecht.

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Denn die Frage muss lauten: „Welcher Arzt ist für mich der Richtige oder der Beste?“ Es leuchtet unmittelbar ein, dass diese Frage sowohl von der Person des Patienten als auch von der Attitüde und den Fähigkeiten des Arztes abhängt. Ein älterer chronisch kranker Patient mag mehr Bedürfnisse nach Geborgenheit und Zutrauen haben, ein junger Sportverletzter möchte eine technisch optimale Therapie, für einen zeitknappen Manager mit viraler Infektion steht die schnelle und effiziente Behandlung im Vordergrund. Sicherlich, ein gewisses Maß an Empathie und ein hohes Niveau an medizinischer Sachkenntnis wird sich jeder Patient wünschen, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass darüber hinausgehende Kompetenzen des Arztes wesentlich die Wahrnehmung und Zufriedenheit des einzelnen Patienten beeinflussen.

Patienten haben ein sehr breites Spektrum von kognitiven und emotionalen Dispositionen sowie Präferenzen und Erwartungen an Arzt und Therapie. Zusätzlich spielt es eine Rolle, warum ein Patient eine Praxis aufsucht. Auch hier lässt die Alltagserfahrung vermuten, dass es von wesentlicher Bedeutung für die Interpretation einer Patientenbeurteilung ist, ob etwa eine Routineuntersuchung erwünscht war, ein Notfall vorliegt oder ob es um eine langfristige intensive Betreuung bei einer chronischen Erkrankung geht.

Heute kommt es vielfach nicht zu einer optimalen Verbindung von Patientenpräferenzen und tatsächlichem Arztprofil. Dies kann zu erschwerter Kommunikation, zu verminderter Therapiecompliance, zu „Doctor-Hopping“ und insgesamt einem suboptimalen Behandlungserfolg führen.

Es kommt deshalb darauf an, eine Patiententypologie zu entwickeln, die eine Zuordnung von einem bestimmten „Typus“ Patient mit einem bestimmten „Typus“ Arzt ermöglicht – mithin ein „Matching“ von Patient und Arzt. Die zu entwickelnden Indikatoren eines Arztprofils würden ausdrücklich keine Wertung im Sinne von „gut“ oder „schlecht“ darstellen, sondern dienten einer Orientierung und einem Abgleich der individuellen Patientenpräferenzen mit dem einzelnen Arzt. Das wichtigste Kriterium für die dauerhafte Arztwahl bleibt weiterhin: „Habe ich Vertrauen zu dem Arzt?“ Denn das ist die fundamentale Grundlage einer erfolgreichen Arzt-Patient-Beziehung. Und diese lässt sich durch nichts ersetzen.

Wissenschaftlich muss schließlich der Zusammenhang zwischen Patientenwahrnehmung, Zufriedenheit, „Matching“ und den dann ökonomisch relevanten Handlungen des Patienten geprüft werden: Verhalten sich „gematchte“ anders als „nichtgematchte“ Patienten? Folglich lässt sich dies nur über das wirkliche Verhalten des Patienten abbilden, zum Beispiel anhand der Häufigkeit von Arztwechseln, der Anzahl von Beschwerden/Klagen oder der Compliance mit der Therapie.

1Mannheimer Institute of Public Health, Universität Heidelberg

2Stiftung Gesundheit, Hamburg

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