ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Traumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin: Anwendungsnahe Forschung

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Traumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin: Anwendungsnahe Forschung

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1500 / B-1332 / C-1312

Bühring, Petra

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Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten nach Auslandseinsätzen haben deutlich zugenommen. Im neuen Traumazentrum wird nicht nur behandelt, sondern auch geforscht, wie man ihnen besser helfen kann.

Foto: ddp
Foto: ddp

Das Bundeswehrlager in Kunduz, Afghanistan, wird nachts immer wieder von Raketen beschossen. Die Soldaten werden aus dem Schlaf gerissen, rennen zu den Bunkern in der Hoffnung, dass die Rakete erst einschlägt, nachdem sie den schützenden Raum erreicht haben. Diese beständige Bedrohung habe „eine erhebliche psychotraumatologische Wirkung“, betont Oberstarzt Dr. med. Peter Zimmermann. Er zeigt auf eine Einkerbung in der Wand seines Therapieraums, wo sich die Anspannung der erkrankten Soldaten im Stuhlwippen Raum verschafft. Zimmermann ist Psychiater und ärztlicher Leiter des neuen Traumazentrums am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, das am 1. Juni den Betrieb aufgenommen hat.

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Die Raketenangriffe auf den derzeitigen „Hotspot“ Kunduz sind eine mögliche Ursache für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Die Latenzzeit kann aber auch viel länger sein. „Wir haben auch Soldaten hier, die 1999/2000 im Kosovo beispielsweise bei der Aushebung von Massengräbern schwer traumatisiert wurden“, berichtet Zimmermann. Erkennbar sei auf jeden Fall eine deutlich steigende Zahl behandlungsbedürftiger Soldaten. An Bundeswehrkrankenhäusern wurden im vergangenen Jahr 466 wegen PTBS behandelt; 2008 waren es noch 245 Fälle. Zimmermann führt dies unter anderem „auf die zunehmende Härte der Kampfhandlungen in Afghanistan“, aber auch auf die Dauer der Einsätze zurück.

Therapie und Forschung sollen im neuen Traumazentrum stärker als bisher verzahnt werden. Dazu wurde die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Fachbereich Psychische Gesundheit im Institut für medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr fusioniert. 45 Mitarbeiter sollen hier künftig Behandlungstechniken entwickeln und evaluieren. Die stationäre Behandlung von PTBS bieten auch die Bundeswehrkrankenhäuser in Hamburg, Koblenz und Ulm. „Die klinische Behandlung erfolgt in der Fläche“, erläutert Zimmermann, während das Traumazentrum zusätzlich den Schwerpunkt auf komplexe Fälle, Begutachtungen und Forschung legt. Zurzeit laufen beispielsweise Studien zu den Risikofaktoren von Suizidalität bei Soldaten und zur Wirksamkeit von Akupunktur bei Schlafstörungen.

Forschung soll Prävalenz und Risikofaktoren klären

Gespannt wartet die Öffentlichkeit auch auf die Ergebnisse der „Dunkelzifferstudie“ (Prävalenzstudie über psychische Belastungen von Soldaten nach Auslandseinsätzen), die das Traumazentrum zusammen mit der Technischen Universität Dresden unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Ullrich Wittchen durchführt. Diagnostische Interviews mit mehr als 3 000 von Auslandseinsätzen zurückgekehrten Soldaten sollen Erkenntnisse über die Prävalenz von PTBS und über Risikofaktoren vermitteln.

Schließlich betreiben Zimmermann und sein Team auch Öffentlichkeitsarbeit. Sie halten Vorträge an den Standorten der Bundeswehr und leiten Diskussionsveranstaltungen, um über die psychischen Belastungen der Auslandseinsätze aufzuklären. Dies soll dazu beitragen, dass die Akzeptanz der Erkrankung in der Truppe zunimmt. „Eine Tendenz zur Entstigmatisierung lässt sich auf jeden Fall feststellen“, sagt Zimmermann. Grund dafür sind sicherlich auch die Internetauftritte der Bundeswehr. Unter www.ptbs-hilfe.de erhalten Soldaten Information zum Krankheitsbild, zum medizinisch-psychologischen Stresskonzept ihres Arbeitgebers sowie gezielte Hilfsangebote. Ähnliche Aufklärung leistet www.angriff-auf-die-seele.de. In diesem Forum eines privaten Trägers stehen die Psychiater und Psychotherapeuten des Traumazentrums mit fachlichen Antworten zur Verfügung.

Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin – auch Lehrkrankenhaus der Charité – ist durch die Möglichkeit, klinische Tätigkeit und Forschung zu verbinden, für die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie beliebt. Alle Weiterbildungsstellen sind besetzt. Damit sind die Berliner durchaus privilegiert: An vielen Fachsanitätszentren der nicht immer attraktiv gelegenen Standorte herrscht Psychiatermangel. Die Bundeswehr konkurriert mit den zivilen Krankenhäusern um den knappen Nachwuchs.

Petra Bühring

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