ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Universitäten: Hochschulmedizin im Umbruch

POLITIK

Universitäten: Hochschulmedizin im Umbruch

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1502 / B-1333 / C-1313

Hibbeler, Birgit

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Die Forschung an den Universitäten steht im Wettbewerb – auch mit außeruniversitären Einrichtungen. Ein ungleicher Kampf, sagen Hochschulmediziner. Sie sehen sich durch die Föderalismusreform und die Finanznot der Länder geschwächt.

Will die besten Köpfe fördern und vernetzen: Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (CDU) Foto: VUD
Will die besten Köpfe fördern und vernetzen: Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (CDU) Foto: VUD

Manche sprechen von einer „Klassengesellschaft der Universitäten“, andere nennen es „Ausdifferenzierung“. Wissenschaft in Deutschland findet auf unterschiedlichem Niveau statt. Die Ausstattungen der Hochschulen variieren, ebenso die Möglichkeiten der einzelnen Bundesländer zur Finanzierung von laufenden Kosten und Investitionen. Das wirkt sich auf die Einwerbung von Drittmitteln aus und auch darauf, wie die Standorte im Wettbewerb untereinander abschneiden, etwa bei der Exzellenzinitiative.

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Der Grundsatz, den Leistungsstarken weiter zu fördern, setzt sich auch in dem Konzept der Nationalen Gesundheitsforschungszentren fort. Sechs dieser Zentren sollen in Deutschland entstehen. Sie werden zu 90 Prozent vom Bund finanziert. Im Fokus stehen dabei die Volkskrankheiten (siehe Kasten). Für Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (CDU) ist das ein entscheidender Schritt, damit die Potenziale der deutschen Wissenschaft besser ausgeschöpft werden. „Die Forschungskompetenz war in der Vergangenheit zergliedert“, sagte Schavan beim Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin. Diese Fragmentierung müsse überwunden werden.

In den Gesundheitsforschungszentren sollen nun die besten Köpfe zusammenarbeiten. Einrichtungen aus ganz Deutschland werden über die Institutsgrenzen hinweg kooperieren. Eine Sonderrolle wird das Deutsche Konsortium für translationale Krebsforschung haben. Denn mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg existiert bereits ein „nationales Zentrum“. Im Konsortium soll sich das DKFZ nun mit ausgewählten Partnern vernetzen. „Durch diese Interaktion wird es möglich, Forschungsergebnisse rasch aus dem Labor in den klinischen Alltag zu überführen“, heißt es in einem Faktenblatt des Ministeriums.

Zwei der sechs Zentren existieren bereits: das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung. Sie sind dezentral organisiert. So hat beispielsweise das DZNE seinen Kernsitz in Bonn, die Partnerstandorte sind in Göttingen, Magdeburg, München, Rostock/Greifswald, Tübingen und Witten. Die vier noch fehlenden Zentren sollen 2011 entstehen. Für sie läuft zurzeit die Bewerbungsphase. Die Ausschreibung sei nach transparenten Kriterien gelaufen, sagte Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Der Prozess sei ein Beispiel für einen „konstruktiven Dialog“.

Hochschulen und Helmholtz: unfairer Wettbewerb?

In den nationalen Zentren werden die leistungsstärksten Standorte in Deutschland vernetzt. Ein ganz wichtiger Punkt für Ministerin Schavan ist dabei: Universitäten und außeruniversitäre Einrichtungen sollen kooperieren. Das traditionelle Nebeneinander müsse überwunden werden. „Die Versäulung des Wissenschaftssystems hat keine Zukunft“, betonte die CDU-Politikerin.

Kooperation ist zunächst einmal eine gute Sache. Allerdings – so fürchten die Vertreter der Hochschulmedizin – ist der Wettbewerb zwischen universitären und nicht-universitären Standorten kein Kampf mit gleich langen Spießen. Es sei offen, ob unterfinanzierte Universitäten mit bestens ausgestatteten außeruniversitären Einrichtungen konkurrieren könnten. Gemeint sind damit unter anderem die Helmholtz-Zentren, die zu 90 Prozent vom Bund finanziert werden. Diese Ansicht vertritt die „Deutsche Hochschulmedizin“ – ein Zusammenschluss von MFT und dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD).

Schavan sieht in den Gesundheitsforschungszentren hingegen vor allem „eine große Chance für die Stärkung der Hochschulmedizin“. Medizin und Gesundheit sei ein zentrales Thema der Forschungspolitik. Im Übrigen gehe ein Großteil der Fördermittel aus diesem Bereich an die Hochschulen. „Die Universitäten sind das Herzstück des Wissenschaftssystems“, sagte sie. Sie ließ allerdings auch keinen Zweifel daran, dass sie eine Profilbildung für unerlässlich hält. Auch Prof. Dr. med. Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, sieht keinen anderen Weg. Es gehe nicht um Konkurrenz zwischen Helmholtz und den Universitäten oder Hamburg und Dresden. Der Wettbewerb finde auf internationaler Ebene statt.

Die Vertreter der Hochschulmedizin fordern unterdessen faire Rahmenbedingungen. Und dabei geht es auch um Geld. Die Universitäten sehen sich geschwächt – nicht zuletzt wegen der Föderalismusreform. Durch sie änderte sich die Aufgabenverteilung von Bund und Ländern in der Finanzierung. Heute sind die Bundesländer allein für die laufenden Kosten von Forschung und Lehre sowie die Investitionen in der Hochschulmedizin zuständig. „Das erweist sich für die Länderhaushalte zunehmend als Überforderung“, heißt es in einer Erklärung von MFT und VUD.

Welche dramatischen Folgen die Geldnot haben kann, zeigte sich am Beispiel Schleswig-Holsteins. Ende Mai war bekanntgeworden, dass das Land die Medizinische Fakultät in Lübeck aus Kostengründen schließen wollte. Die Empörung war groß. Für die Bun­des­for­schungs­minis­terin eine schwierige Situation: Lübeck ist ein Standort mit einem guten Ruf und nicht „irgendeine Klitsche“, wie Schavan sagte. Außerdem hatte ihr Kabinettskollege und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) erst gerade angekündigt, die Zahl der Medizinstudienplätze solle steigen. Nach wochenlangen Protesten wurde die Fakultät dann schließlich gerettet. Und indirekt springt nun doch der Bund finanziell ein: Das Kieler Leibniz-Institut für Meereskunde wird in eine Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft umgewandelt. Das Land trägt nun nicht mehr die Hälfte der Kosten, sondern nur noch zehn Prozent. Die Zahl der Medizinstudienplätze soll im Gegenzug stabil bleiben.

„Universitätsklinikum“ als begehrter Titel

Die Pläne, die Lübecker Fakultät zu schließen, waren mit Unverständnis aufgenommen worden. Zumal in anderen Städten neue akademischen Ausbildungsgänge geplant sind. Damit verbunden ist auch das Ziel, den Status eines Universitätsklinikums zu erhalten. Es gebe regelrecht „einen Run“ auf diesen prestigeträchtigen Titel, erklärte der VUD-Vorsitzende, Prof. Dr. med. Jörg Rüdiger Siewert. Auch um Zugang zum ärztlichen Nachwuchs zu bekommen. Oldenburg, Bielefeld und Augsburg haben solche Ambitionen – und auch die Asklepios-Kliniken in Hamburg. Erfolgaussichten gibt es mancherorts durchaus. Aber was ist eigentlich ein Universitätsklinikum? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Mit der Föderalismusreform wurde es Ländersache, diesen Status zu vergeben. Eine bundeseinheitliche Instanz fehlt. Diese Rolle hatte zuvor der Wissenschaftsrat.

MFT und VUD plädieren dafür, den Begriff Universitätsklinikum nicht inflationär zu verwenden, sondern bestehende Standorte zu stärken. Um die Uniklinik als „Marke“ zu schützen, haben sie zudem gemeinsam einen Kriterienkatalog aufgestellt. Er sieht unter anderem eine Zahl von mindestens 150 Studierenden pro Jahr vor und 60 hauptamtliche Professoren. Diese Kriterien sind für Prof. Dr. med. Hans-Rudolf Raab, Klinikum Oldenburg, allerdings völlig willkürlich gewählt. Er warb auf dem Innovationskongress dafür, das Medizinstudium insgesamt neu zu konzipieren. In Kooperation mit der Universität im niederländischen Groningen sollen in Oldenburg künftig Ärzte in einem Bachelor-/Masterstudiengang ausgebildet werden.

Für VUD und MFT steht unterdessen fest: Zwischen den „widersprüchlichen Ansätzen“ in Forschungs- und Gesundheitspolitik werden die Fakultäten und Unikliniken aufgerieben. Sie plädieren unter anderem dafür, dass Bund und Länder das kostenintensive Medizinstudium wieder als gemeinsame Aufgabe sehen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Nationale Forschungszentren

Sechs „Deutsche Zentren für Gesundheitsforschung“ soll es künftig geben.
Bereits gegründet wurden:

  • Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (www.dzne.de), Kernzentrum in Bonn
  • Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (www.dzd-ev.de), Geschäftsstelle in München.

Vier weitere werden 2011 entstehen:

  • Infektionsforschung
  • Herz-Kreislauf-Forschung
  • Lungenforschung
  • Konsortium für translationale Krebsforschung.

Die Zentren bestehen aus mehreren Einrichtungen. Die besten Standorte in Deutschland kooperieren – universitäre und außeruniversitäre.

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