SCHLUSSPUNKT

Schach: Das Haar muss ziehen

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): [128]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Heidelberg und Bamberg haben zweierlei gemeinsam, etwas Gutes und etwas Schlechtes. Zuerst das Gute: Beide sind in hohem Maße liebens- und lebenswerte Städte. Und nun das Schlechte: Schachlich haben beide schon bessere Tage gesehen. Früher waren die Kämpfe des dreifachen Deutschen Mannschaftsmeisters Schachklub Bamberg von 1868 gegen den Heidelberger Schachklub immer etwas Besonderes. Eine kleine Reminiszenz. Der Bamberger Großmeister Lothar Schmid monierte dabei einmal, dass sein Gegner einen seiner Türme berührt hätte. Berührt – geführt?! Besagter Gegner meinte lapidar, er hätte nur ein Haar vom Turm entfernt. Der Schiedsrichter war ratlos. Doch da kam der Bamberger Meister Kestler, Richter von Beruf, hinzu und verkündete salomonisch: „Der Fall ist klar – das Haar muss ziehen!“ In dieser schönen Stadt am Neckar, in der Haare ziehen müssen und angeblich schon viele Herzen verloren gingen, schrieb denn auch der hoffnungsvolle Sprössling des bekannten Spielers Ludenz einen Schulaufsatz über das Thema: „Welches ist das schönste Spiel?“

Ich zitiere: „Das schönste Spiel ist das Schachspiel. Drum wird es immer wieder gespielt, und zwar schon sehr lang. Es ist so alt, dass man gar nicht weiß, wie alt es ist. Wahrscheinlich ist es auch noch älter. Ich habe es von meinem Papa gelernt, der Klubmeister ist bei den Gambitfreunden . . . Am Sonntag nach dem Sportplatz gehe ich mit meinem Papa ins Cafe Müller. Da ist es lustig. Er sagt, bei Cafehauspartien kann er besser opfern, und es kostet ja nix, wenn er verliert. Er verliert aber sowieso nicht. Man muss nur schauen, dass man möglichst viel Figuren krabscht. Jeder Spieler hat 16 Steine, wo aber aus Holz sind. Der wo schwarze Figuren hat, heißt der Schwarze, und der wo gelbe hat, heißt weiß. Sie werden auf den schwarz-weißen Feldern hin und her geschoben, wo aber im Klub braun und weiß sind. Es ist überhaupt dort alles anders, weil auch das Holzbrett ein Wachstuch ist. Wenn Halbzeit ist, dann hat einer meistens schon die Dame verloren. Das kommt vom Fingerfehler. Der braucht aber nicht verlieren, weil er vielleicht noch eine Gabel geben kann oder ein Quetschmatt, wenn der andere kein Luftloch hat.“

Soweit Ludenz jun. mit seiner präzisen Schilderung schachlichen Lebens, der an und für sich wenig hinzuzufügen ist. Außer vielleicht, dass heutzutage in der Chirurgischen Universitätsklinik dieser schönen Stadt Heidelberg auch der aus Bulgarien stammende Dr. med. Tsvetomir Loukanov als Facharzt für Herzchirurgie arbeitet. Nebenbei ein starker Schachspieler, der bei der letzten Ärztemeisterschaft Vierter wurde und dem dabei manch schöne Partie gelang. Besonders stolz ist er indes auf eine noch in Bulgarien gespielte Simultanpartie gegen Großmeister Kiril Georgiew, der im Februar 2009 einen Weltrekord im Simultanspiel aufstellte, als er gegen 360 Widersacher in 14 Stunden und acht Minuten 284 Partien gewann, 70 remisierte und nur sechsmal verlor.

Mit welch herrlicher Opferkombination (im Gegensatz zu Ludenz jun. „krabschte“ er also nichts, hatte vielmehr vorher schon seinen zweiten Läufer geopfert) setzte er als Schwarzer den weißen König in zwei Zügen matt?

Lösung:

Auftakt war das Damenopfer 1. . . . Dg1+!, was gleichzeitig das Feld h2 für einen Springer freimachte. Nach dem erzwungenen 2. Sxg1 ergab 2. . . . Sgh2 (auch 2. . . . Sfh2 hätte es getan) ein „Ersticktes Matt“ – der Turm e8 nimmt dem weißen König die Fluchtfelder in der e-Linie.

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