ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Medizin im Kosovo: Ein vergessenes Land

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Medizin im Kosovo: Ein vergessenes Land

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1514 / B-1344 / C-1324

Berisha, Salih; Herold, Alexander; Kienle, Peter; Post, Stefan; Niedergethmann, Marco

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Die chirurgische Universitätsklinik Mannheim engagiert sich seit vier Jahren auf dem Balkan. Ziel ist es, die Weiter- und Fortbildung der Kollegen im Kosovo zu fördern und die medizintechnische Ausstattung zu verbessern.

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images

Seit dem Ende des Krieges im Juni 1999 hat das Gesundheitswesen im Kosovo mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Bereits zehn Jahre zuvor hatte sich mit der Neuorientierung der jugoslawischen Innenpolitik und der damit verbundenen Unterdrückung der albanischen Bevölkerung die medizinische Ausbildung in der damals zu Exjugoslawien gehörenden autonomen Provinz Kosovo erheblich verschlechtert (1, 4).

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Viele öffentliche Einrichtungen, darunter Krankenhäuser der albanischen Bevölkerung, wurden geschlossen, und albanischstämmigen Ärzten und Pflegekräften wurde der Zugang zu Aus- und Weiterbildung verwehrt. In der Interimszeit, unter der Verwaltung der Vereinten Nationen, bis zur Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008 wurde der Investitionsstau im medizinischen Bereich nicht behoben. Seither sind allenfalls zaghafte Verbesserungen spürbar, beispielsweise in der Energieversorgung, der Infrastruktur und der Bildung, nicht jedoch in der medizinischen Versorgung (6). Ein Kran­ken­ver­siche­rungssystem existiert nach wie vor nicht (4).

Der Gesundheitssektor ist in diesem Jahr mit einem Etat von 71 Millionen Euro ausgestattet, was etwa 30 Euro je Einwohner entspricht. Die grundlegenden Probleme des kosovarischen Gesundheitswesens sind die mangelhafte Infrastruktur, das schlechte Krankenhausmanagement und der Investitionsstau bei medizinischen Geräten.

Eine ernstzunehmende Gefahr ist die Verschlechterung der Arbeitsmoral bei Ärzten und Pflegepersonal. Immer häufiger werden von Patienten inoffizielle Zahlungen verlangt, die die Betroffenen finanziell an den Rand des Ruins treiben (1, 2, 7). In der medizinischen Wissenschaft herrscht Stillstand, denn es mangelt sowohl an Geld als auch an ausgebildetem Personal (2). Dennoch bemühen sich internationale Stiftungen und Organisationen, in Zusammenarbeit mit den Universitäten im Kosovo die Forschung voranzubringen. Gefördert werden jedoch in erster Linie Projekte, die sich mit der Demokratisierung, den Rechtswissenschaften und Menschenrechten befassen.

All diese Missstände haben zu einem großen Vertrauensverlust in die Medizin geführt. Medizinische Hilfe sucht die Bevölkerung deshalb häufig im benachbarten Ausland. Kosovarische Patienten geben in ihren Nachbarländern zwischen 45 und 90 Millionen Euro für oft überteuerte medizinische Behandlungen aus (2, 3, 5).

Die chirurgische Versorgung steht im Vergleich zu anderen Disziplinen besonders schlecht da: So versorgt im Kosovo ein Chirurg etwa 22 000 Einwohner; in Deutschland kommen auf einen Chirurgen dagegen nur 4 100 Einwohner. Eine flächendeckende Versorgung ist nur im Rahmen der chirurgischen Grundversorgung zu erkennen (sechs lokale Krankenhäuser, eine Universitätsklinik der „Maximalversorgung“).

In den lokalen Krankenhäusern können allenfalls kleinere Eingriffe durchgeführt werden. Größere Operationen oder onkologische Eingriffe sind nur in Pristina möglich. Nur dort werden auch die Subdisziplinen wie Gefäß-, Unfall- oder Thoraxchirurgie vorgehalten. Wartezeiten von mehreren Wochen sind hier an der Tagesordnung. Onkologische Standardeingriffe, wie die tiefe anteriore Rektumresektion bei Rektumkarzinom oder die Whipple-Operation bei Pankreaskarzinom, können nicht durchgeführt werden, weil eine perioperative Versorgung fehlt und es den Chirurgen an Erfahrung mangelt.

Hilfe gegen den Mangel: Für die spärlich ausgestatteten Patientenzimmer in kosovarischen Krankenhäusern (l.) wird in Mannheim ein Bettentransport vorbereitet (r.). Fotos: privat
Hilfe gegen den Mangel: Für die spärlich ausgestatteten Patientenzimmer in kosovarischen Krankenhäusern (l.) wird in Mannheim ein Bettentransport vorbereitet (r.). Fotos: privat

In der Chirurgischen Klinik im Universitätsklinikum Pristina arbeiten zurzeit 40 Chirurginnen und Chirurgen. Das Gebäude wurde Anfang der 70er Jahre in mäßiger Qualität und mit mangelhaften sanitären Einrichtungen errichtet. Renoviert wurde nie. Ebenso wenig entsprechen die Weiter- und Fortbildung sowie die Forschung europäischen Standards.

Seit 2008 unterstützt das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland ein bilaterales Projekt der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Mannheim und der Chirurgischen Klinik der Universitätsklinik Pristina zur Förderung der Weiter- und Fortbildung in der Chirurgie sowie zum Austausch von Medizinstudierenden. 2008 und 2009 standen dafür 138 000 Euro zur Verfügung. Schwerpunkt des Projekts war es, die chirurgische Weiterbildung zu strukturieren, die Lehre zu verbessern und ein Fortbildungssystem aufzubauen. Dabei lag der Fokus auf der onkologischen Chirurgie, denn hier sind die Mängel eklatant. Außerdem flossen Mittel in die verbesserte Einrichtung von Intensiv- und peripheren chirurgischen Stationen.

Seit vier Jahren unterstützen die Chirurgische Klinik der Universitätsmedizin Mannheim und das Enddarmzentrum Mannheim den Aufbau der Chirurgie im Kosovo. Gefördert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Auswärtigen Amt, konnten 18 Chirurginnen und Chirurgen aus Pristina jeweils für vier bis acht Wochen in Mannheim hospitieren. Sieben Medizinstudierende haben inzwischen den chirurgischen Teil ihres praktischen Jahres in der Chirurgischen Klinik absolviert. Seit 2006 wurden vier internationale Symposien zur chirurgischen Fortbildung in Pristina organisiert. Die Veranstaltungen waren stets gut besucht, und auch die hohe Beteiligung von Chirurgen benachbarter Länder wie Mazedonien, Albanien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sowie der deutschen Bundeswehrärztinnen und -ärzte vor Ort haben einen entscheidenden Beitrag zur Fortbildung in der Region geleistet.

Im Rahmen der strukturierten Weiterbildung wurde bereits ein Workshop zu operativen Techniken in der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie veranstaltet. Gemeinsam mit den Kollegen in Pristina wurden auch 16 größere onkologische Operationen durchgeführt.

Ziel aller Maßnahmen ist es, dass die kosovarischen Kolleginnen und Kollegen in ihrer Heimat das Vertrauen ihrer Patienten wiedererlangen und dadurch mittelfristig der „Medizintourismus“ in andere Länder verringert wird. Ohne eine Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft, insbesondere mit Deutschland und der Europäischen Union, wird dieses kleine Land mit den großen Problemen sicher nicht alleine fertig werden. Trotz aller bisherigen Erfolge und der guten Zusammenarbeit mit den kosovarischen Kolleginnen und Kollegen sind die bisherigen Hilfsmaßnahmen noch nicht ausreichend und können sicherlich keine adäquate medizinische Grundversorgung gewährleisten, wie sie in einem europäischen Land eigentlich Standard sein sollte.

Dr. med. Salih Berisha
Prof. Dr. med. Alexander Herold
Prof. Dr. med. Peter Kienle
Prof. Dr. med. Stefan Post
Prof. Dr. med. Marco Niedergethmann
E-Mail: marco.niedergethmann@umm.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3110

1.
Bislimi, Besnik et al. (2006): Financial Sustainbility of a Health Insurance Fund for Kosovo. Consultancy work on the „Strengthening capacity in the Ministry of Health, kosovo“
2.
Holst, Jens : Auszüge aus dem Evaluierungsbericht über die Technische Zusammenarbeit der Regierung Luxemburg zum Aufbau des Gesundheitswesens im Kosovo, Rapport final Februar 2007
3.
Muja, Shaip, Gesundheitspolitischer Berater des Ministerpräsidenten des Kosovo, persönliches Gespräch Oktober 2009
4.
Raka, Lul et al. National Backround on Health Research for Kosovo, Pristina May 2009
5.
Seitz, H.J. Bericht „Medizinische Aus- und Fortbildung in Südosteuropa“ DAAD-Stabilitäts-Pakt, Februar 2009
6.
Komission der Europäischen Gemeinschaften, Kosovo-Verwirklichung der europäischen Perspektive. Mitteilung der Komission an das Europäische Parlament und den Rat, Brüssel 14. 10. 2009
7.
World Bank, Kosovo Poverty Assessment Report, May 2008
1.Bislimi, Besnik et al. (2006): Financial Sustainbility of a Health Insurance Fund for Kosovo. Consultancy work on the „Strengthening capacity in the Ministry of Health, kosovo“
2.Holst, Jens : Auszüge aus dem Evaluierungsbericht über die Technische Zusammenarbeit der Regierung Luxemburg zum Aufbau des Gesundheitswesens im Kosovo, Rapport final Februar 2007
3.Muja, Shaip, Gesundheitspolitischer Berater des Ministerpräsidenten des Kosovo, persönliches Gespräch Oktober 2009
4.Raka, Lul et al. National Backround on Health Research for Kosovo, Pristina May 2009
5.Seitz, H.J. Bericht „Medizinische Aus- und Fortbildung in Südosteuropa“ DAAD-Stabilitäts-Pakt, Februar 2009
6.Komission der Europäischen Gemeinschaften, Kosovo-Verwirklichung der europäischen Perspektive. Mitteilung der Komission an das Europäische Parlament und den Rat, Brüssel 14. 10. 2009
7.World Bank, Kosovo Poverty Assessment Report, May 2008

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