ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Arzneimittelpreise in der EU: Mehr Gerechtigkeit gefordert

POLITIK

Arzneimittelpreise in der EU: Mehr Gerechtigkeit gefordert

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1508 / B-1338 / C-1318

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Deutsche Patienten geben im Schnitt 20 Prozent mehr für Medikamente aus als andere EU-Bürger. Vertreter des Europäischen Parlaments regen daher an, die Arzneimittelpreise in der EU anzugleichen.

Die Vorschläge von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler zur Neugestaltung der Preise von Arzneimitteln sind Wasser auf die Mühlen zahlreicher Europaabgeordneter. Denn den Mitgliedern des Straßburger Europaparlaments (EP) sind die vergleichsweise hohen Preise für Medikamente in Deutschland schon lange ein Dorn im Auge. Nicht zum ersten Mal fordern sie daher, die Arzneimittelpreise innerhalb der EU anzugleichen.

Eine Preisangleichung würde zudem den „unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wenig sinnvollen“ Parallelhandel mit Medikamenten überflüssig machen, meinen die Befürworter einer Harmonisierung

Anzeige

Aus Sicht von EP-Mitgliedern wie Peter Liese (CDU) und Anja Weisgerber (CSU) sind die EU-weiten Preisunterschiede zudem zutiefst „unsozial“. Deutsche Patienten und Krankenkassen zahlten nämlich selbst bei Medikamenten drauf, die nicht im eigenen Land hergestellt würden.

EU-Staaten regulieren Preise unterschiedlich

„Die Preise für die Behandlung mit lebensnotwendigen Medikamenten liegen in Deutschland teilweise um 70 Prozent höher als in Ländern wie Italien, Belgien, Griechenland oder Spanien“, moniert Liese, der zugleich gesundheitspolitischer Sprecher der größten Fraktion im EP ist. Im Schnitt seien es 20 Prozent mehr.

Grund hierfür sei, dass Pharmaunternehmen in Deutschland die Preise für ihre Innovationen bislang selbst festlegen konnten. So viel Freiheit genießen sonst nur noch die Hersteller in Dänemark und Malta.

In anderen europäischen Ländern, darunter Österreich und Spanien, werden die Preise gesetzlich festgeschrieben. Wieder anders regeln es beispielsweise Italien, Frankreich, Irland und Ungarn: Hier handeln Pharmaunternehmen und Großhändler die Preise mit dem Gesetzgeber aus. In Großbritannien werden die Preise für Arzneimittel des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS auf der Grundlage regelmäßig vereinbarter maximaler Gewinne bestimmt.

Das führt dazu, dass die Krankenkassen für das Mittel Betaferon zur Behandlung der multiplen Sklerose in Deutschland nach Angaben der KKH-Allianz 1 429 Euro bezahlen müssen, während die gleiche Packungsgröße in Italien lediglich 817 Euro kostet.

Das in der Krebstherapie eingesetzte Glivec® (400 mg) wiederum kostet die deutschen Kostenträger 7 806 Euro. In Griechenland schlägt es mit nur 6 914 Euro zu Buche.

Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller kommt indes zu anderen Ergebnissen. „Die Arzneimittelpreise in Deutschland liegen im europäischen Mittelfeld. Laut einer Studie des norwegischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums vom Mai 2008 sind wir bei den Preisen der 200 meist verordneten Wirkstoffe auf gleicher Höhe wie Dänemark, Schweden und Österreich – weit hinter Belgien und Irland“, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes, Cornelia Yzer.

Hinzu komme, dass Medikamente in Deutschland dem vollen Mehrwertsteuersatz unterlägen, während in fast allen anderen europäischen Staaten keine oder nur ermäßigte Mehrwertsteuersätze gelten.

Um mehr Transparenz über die Preissituation in allen 27 EU-Mitgliedstaaten zu bekommen, hat der Gesundheitsausschuss des EP unlängst eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Die Studie soll zugleich Ansatzpunkte für eine mögliche EU-weite Regelung liefern. Mit Ergebnissen ist frühestens im Herbst zu rechnen.

Denkbar wäre aus Sicht von Liese zum Beispiel ein Modell, bei dem eine einheitliche Preisgestaltung für auf dem europäischen Markt zugelassene Medikamente durch die in London ansässige Europäische Arzneimittelbehörde EMA erfolgen könnte.

Studie soll mehr Transparenz über Preissituation bringen

Die Idee, den europäischen Arzneimittelmarkt weiter zu harmonisieren, dürfte bei der EU-Kommission auf offene Ohren stoßen. Immerhin liebäugelt die Brüsseler Behörde schon lange mit einem einheitlichen Binnenmarkt für Arzneimittel. Ein Beleg hierfür ist das sogenannte Pharmapaket, das in Teilen bereits verabschiedet wurde und zu mehr Markttransparenz, Wettbewerb und Sicherheit von Arzneimitteln beitragen soll.

Wegbereiter dieser Entwicklung war übrigens der deutsche Politiker Martin Bangemann, der als Industriekommissar Anfang der 90er Jahre in Brüssel erstmals einen runden Tisch für eine neue europäische Pharmapolitik einberufen hatte.

Einheitliche Arzneimittelpreise kämen aus Sicht der Gesundheitsexperten im EP jedoch nicht nur den Patienten zugute, sondern würden auch die Industrie entlasten. „Derzeit benötigen die Pharmafirmen ganze Stäbe von Mitarbeitern, um die unterschiedlichen Preisregulierungssysteme in den 27 Mitgliedstaaten zu verstehen und zu bearbeiten. Diese Leute sollten besser in der Forschung und Entwicklung arbeiten“, meint Liese.

Petra Spielberg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema