ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Ärztemangel: Flexible Ärzte, flexible Zentren

POLITIK: Kommentar

Ärztemangel: Flexible Ärzte, flexible Zentren

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1499 / B-1331 / C-1311

Helming, Hans-Joachim

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Dr. med. Hans-Joachim Helming, Vorstand der KV Brandenburg
Dr. med. Hans-Joachim Helming, Vorstand der KV Brandenburg

Täglich belegen übervolle Wartezimmer in den ländlichen Regionen Brandenburgs den Mangel an Ärztinnen und Ärzten in der ambulanten Versorgung. Dass in Zukunft die Inanspruchnahme der Sprechstunden zurückgehen wird, ist angesichts der demografischen Entwicklung illusorisch. Eine älter werdende Bevölkerung wird von der Politik jedoch immer vehementer fordern, ihren Versorgungsbedarf zu bedienen.

Was tun? Baustellen, die die Versorgungslage verbessern sollen, sind einige aufgemacht. Dazu zählen die Überarbeitung der Bedarfsplanungs-Richtlinie und der Ausbau mannigfaltiger pekuniärer Anreize, welche Nachwuchsmediziner in die Peripherie locken sollen, um nur zwei zu nennen. Diese Baustellen sind richtig und wichtig.

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Doch machen wir uns nichts vor: Das ohnehin geringe Interesse junger Ärztinnen und Ärzte, selbstständig eine Praxis zu führen, kann beispielsweise für Standorte in den ländlichen Regionen Brandenburgs nicht signifikant gesteigert werden. Darüber hinaus kann man einer bereits lückenhaften Infrastruktur kaum etwas entgegensetzen. Somit sind selbst Niederlassungswillige nicht allein mit monetären Anreizen von einer Praxis in einer ländlichen Region zu überzeugen.

Die Engpässe bieten aber auch Chancen, möglicherweise bundesweit adaptierbare neue Versorgungsstrukturen zu entwickeln. Diese Einsicht haben die KV Brandenburg und die dortige AOK bewogen, die Arbeitsgemeinschaft „Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg (IGiB)“ zu gründen. Deren Zweck ist es, den bislang meist konfliktträchtigen Umgang miteinander durch einen kooperativen Stil zu ersetzen und gemeinsam neue Versorgungsmodelle zu entwickeln.

Wichtig ist dabei eine realitätsnahe Problemanalyse. So ist offenkundig, dass die althergebrachten sektoralen Denkweisen realitätsferner denn je sind. Auch hier kann nur ein kooperativer Ansatz weiterführen. Dies sei an einem Modell, das maßgeblich zu einer Optimierung der medizinischen Versorgung in den ländlichen Regionen beitragen würde, erläutert.

Strukturell muss eine Art Nukleus vorhanden sein, ein Zentrum. Es sollte einerseits die ambulante Versorgung mit der stationären Grundversorgung verzahnen und es andererseits ermöglichen, dass Ärzte der grundversorgenden Fachrichtungen flexibel, das heißt nur zeitweise, Sprechstunden anbieten können. Schließlich dürfen diejenigen, die in ihrer beruflichen Tätigkeit von der eines Vertragsarztes abhängig sind, nicht außer Acht gelassen werden.

Idealerweise würde bei Existenz eines solchen fachübergreifenden ärztlichen Kooperationszentrums (FÄKZ) der behandelnde Vertragsarzt die stationäre Behandlung veranlassen oder, je nach Fachrichtung, auch selbst operieren. Darüber hinaus würde er dem Versicherten als Arzt seines Vertrauens und als Dolmetscher des medizinischen Geschehens zur Verfügung stehen. Er würde so Schnittstellenprobleme vermeiden und könnte proaktiv sowohl die nachstationäre ambulante beziehungsweise pflegerische Behandlung auslösen.

Dadurch, dass im Einzelfall die im FÄKZ tätigen Ärzte selbstständig sind und auf der Basis vertraglicher Bindungen den stationären wie ambulanten Leistungsbedarf abdecken, würden ärztliche Ressourcen optimal genutzt. Ärztinnen und Ärzte könnten so dem Bedarf entsprechend stationär, ambulant im FÄKZ oder flexibel in der Versorgungsregion tätig werden.

Ein Problem in den teilweise stark zersiedelten Regionen Brandenburgs ist der schlechte öffentliche Personennahverkehr. Der Weg zur Arztpraxis gleicht für immer mehr Patienten einer Tagesreise. FÄKZ müssten deshalb zentral etabliert werden, wobei die Vertragsärzte in den umliegenden Ortschaften ein Filialnetz dafür schaffen würden. Gekoppelt mit einem Sprechstundenmanagement, wonach nur an einzelnen Tagen eine bestimmte fachärztliche Versorgung vor Ort im FÄKZ und in den Filialen angeboten wird, ließe sich so ein effizientes, bedarfsgerechtes Angebot schaffen. Regional organisierte Hol- und Bringdienste könnten die Strukturen verbessern helfen.

Beim Aufbau eines fachübergreifenden ärztlichen Kooperationszentrums sollten sowohl diejenigen, die arztentlastende Tätigkeiten übernehmen (Fallmanager), wie auch Heil- und Hilfsmittelerbringer (Apotheken, Sanitätshäuser) und Pflegedienste hinreichend einbezogen werden. So könnte man Transparenz schaffen und Schnittstellenprobleme von vornherein vermeiden.

Die Etablierung eines solchen Zentrums ist ohne Kooperationspartner auf politischer Seite unvorstellbar. Denn gerade im Hinblick auf einen sektorenübergreifenden Versorgungsansatz ist zu erwarten, dass Vorbehalte aufseiten der regionalen Krankenhäuser bestehen. Dazu kann mitunter beim Aufbau neuer Strukturen auch ein größerer Mitteleinsatz vonnöten sein als bisher. Zudem wird der eigentliche Benefit, eine besser versorgte Bevölkerung, erst mittelfristig erkennbar.

Um FÄKZ erfolgreich zu etablieren, bedarf es neuartiger vertraglicher Strukturen mit Krankenkassen, die im Kollektivvertragssystem nicht abgebildet werden können. Abzuwarten bleibt, inwieweit Kassen bereit sein werden, sich angesichts der Vielzahl der oben genannten Partner und der dadurch erforderlichen Kompromissfähigkeit für einen solchen Ansatz zu engagieren.

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