ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Das Gespräch mit Schwester Edith-Maria Magar, Aufsichtsratsvorsitzende der Marienhaus GmbH, und Christa Garvert, Sprecherin der Geschäftsführung der Marienhaus GmbH: „Wir leisten uns auch humane Rendite“

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Das Gespräch mit Schwester Edith-Maria Magar, Aufsichtsratsvorsitzende der Marienhaus GmbH, und Christa Garvert, Sprecherin der Geschäftsführung der Marienhaus GmbH: „Wir leisten uns auch humane Rendite“

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1510 / B-1340 / C-1320

Flintrop, Jens

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27 Krankenhäuser, 12 500 Beschäftigte, 620 Millionen Euro Umsatz – die Marienhaus GmbH ist der größte christliche Krankenhausträger. Sie ist profitabel und wächst durch Zukäufe und Geschäftsbesorgungen weiter. Die Führungsspitze über ihr Erfolgsrezept

Schwester Edith-Maria Magar, geboren 1955, ist seit 1977 Franziskanerin von Waldbreitbach. Die gelernte Krankenschwester und studierte Lehrerin für Pflegeberufe war Schulleiterin und Bildungsreferentin der Marienhaus GmbH. Seit 2000 gehört sie der Generalleitung ihrer Ordensgemeinschaft an. Den Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm sie 2003. Schwester Edith-Maria ist auch Vizepräsidentin des Deutschen Caritasverbandes und Beraterin der Deutschen Bischofskonferenz in der Kommission für karitative Fragen. Fotos: Jens Flintrop

Auf diese Frage hat Schwester Edith-Maria Magar gewartet: Wie es denn zusammenpasse, dass die Marienhaus GmbH trotz des zunehmenden Kostendrucks in den Krankenhäusern immer noch Gewinne erziele und durch Zukäufe sogar weiter wachse, obwohl doch Zuwendung im Sinne des christlichen Auftrags viel Zeit und somit Geld koste? Die Aufsichtsratsvorsitzende lächelt, lehnt sich zurück und redet liebevoll über die Menschen, die in den Einrichtungen der Gruppe arbeiten: „Unsere Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg. Wir als Träger investieren in die Menschen, die bei uns arbeiten, – und bekommen dafür viel zurück.“ Einerseits bringe man die Mitarbeiter zusammen, etwa indem man gemeinsame Fahrten nach Assisi organisiere, andererseits kümmere man sich um die einzelne Person.

Wenn sie etwa einen neuen Chefarzt eingestellt habe, erzählt Schwester Edith-Maria weiter, rufe sie ihn nach 14 Tagen einfach privat einmal an und frage, wie es ihm denn so gehe: „Der sitzt doch dann in so einem schrecklichen Personalwohnheimzimmer – die Familie ist noch in Kiel oder München – und stellt sich die Sinnfrage. Da will ich einfach wissen, ob ich etwas für ihn tun kann.“ Dieser persönliche Bezug unterscheide die Marienhaus GmbH von anderen Krankenhausträgern und sei ausschlaggebend für besondere Leistungen. Dazu passt, dass der Krankenhausträger nach eigenen Angaben noch nie eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen hat.

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Christa Garvert, geboren 1954, ist gelernte Krankenschwester. Sie studierte Pädagogik, Sozialwissenschaft, Betriebswirtschaft und Organisationsentwicklung. Seit 1980 arbeitet sie für die Marienhaus GmbH – ab 1995 als erste weltliche Oberin; seit 2000 als Geschäftsführerin. Seit 2007 ist sie Sprecherin der Geschäftsführung der Marienhaus GmbH. Christa Garvert gehört auch dem Vorstand des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands an.

Damit die Zuwendung zum Patienten im Klinikalltag nicht zu kurz komme, sei man sogar bereit, auf x Prozent der Rendite zu verzichten, ergänzt Christa Garvert, die Sprecherin der Geschäftsführung: „Ein Stückchen leisten wir uns so auch humane Rendite.“ Menschen dürften nicht durchs Raster fallen. Ja, sagt sie auf Nachfrage, man habe intern definiert, wie hoch das X sei, auf das man aus humanitären Gründen verzichte – „aber das ist nichts für die Öffentlichkeit“. Für die Einrichtungen gebe es unterschiedliche Vorgaben.

Der Kostendruck in den Kliniken habe mit dem DRG-System noch einmal zugenommen, meint Garvert, „aber die zuwendungsorientierte Medizin unterliegt nicht zwangsläufig diesem System. Das ist eine Haltung und eine Einstellung“. Als Träger gehe es in dieser Situation darum, einen Weg zu finden, den Ärzten und Pflegekräften trotzdem noch gewisse Freiräume zu geben – „und nicht den Druck so zu erhöhen, dass nichts mehr geht“. Als Träger könne man den Ärzten nur immer wieder sagen: „Du bist nicht alleine mit diesem Problem, sondern wir wollen gemeinsam eine Lösung finden.“ Das Unternehmen biete hier zahlreiche Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch an.

Aber auch die Marienhaus GmbH hat Probleme, ihre Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen. Spielt es denn in Zeiten des Ärztemangels noch eine Rolle, welcher Konfession eine Bewerberin, ein Bewerber angehört? „Uns liegt sehr daran, Frauen und Männer als Mitarbeitende zu gewinnen, die unsere Grundausrichtung bejahen können“, sagt Schwester Edith-Maria. „Für die Führungspersönlichkeiten bedeutet das, christlich geprägte Kultur authentisch und glaubwürdig im Alltag zu gestalten. Gleichwohl kommen viele Mitarbeiter aus unterschiedlichen Kulturen und Ethnien.“ Zuletzt habe man sogar einen muslimischen Chefarzt eingesetzt. „Es kommt auf die Persönlichkeit des Arztes an“, betont die Ordensschwester. Dabei gehe es auch um Personalentwicklung. „Wir betrachten es als unsere Aufgabe, Persönlichkeiten heranzubilden, die neben der Fachlichkeit auch die menschliche Zuwendung einbringen können.“

Um dem Ärztemangel zu begegnen, hat die Marienhaus GmbH als einer der ersten katholischen Träger den Ärzten Zulagen gezahlt, so dass ihre Gehälter mit denen der Ärzte in kommunalen Krankenhäusern im Bereich der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) mithalten können. In ihrer Funktion als Vizepräsidentin der Caritas hat sich Schwester Edith-Maria zudem dafür stark gemacht, alle vergütungsrelevanten Bestandteile des TV-Ärzte VKA in die Arbeitsvertragsrichtlinien der Caritas zu übernehmen. „Wir haben verstanden, dass ein Krankenhaus wesentlich von den Ärzten lebt“, sagt sie. Leitende Ärzte verdienten zwar viel, aber das seien auch die Leistungsträger. „Ohne die Ärztinnen und Ärzte geht das Krankenhaus bankrott. Da nutzt es der Pflege nichts, wenn sie Gehaltssteigerungen der Ärzte verhindert hat.“

Einzige Gesellschafterin der Marienhaus GmbH ist die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Waldbreitbach. Dementsprechend wandere der Gewinn nicht in die Taschen von Einzelnen, sondern komme wieder dem Versorgungsauftrag zugute, stellt Schwester Edith-Maria klar. „Statt für das obere Marktsegment Schönheitschirurgie anzubieten, ist es für uns deshalb selbstverständlich, auch für sterbende Menschen etwas zu tun: im Hospizbereich oder auch im Palliativbereich.“ Es sei ein wichtiger Auftrag christlicher Provenienz, Menschen mit unheilbaren Krankheiten nicht alleine zu lassen, sondern sie bis zum Tod zu begleiten: „Dem fühlen wir uns verpflichtet.“

Doch die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Waldbreitbach plagen Nachwuchssorgen. Gehörten der Gemeinschaft zu Spitzenzeiten knapp 1 000 Schwestern an, sind es heute nur noch 313. „Und wir schrumpfen weiter, weil wir überaltert sind“, berichtet Schwester Edith-Maria. Die meisten Schwestern seien bereits verrentet und deshalb lediglich ehrenamtlich in Konventen tätig. In zwei Einrichtungen mussten diese aber auch bereits aufgelöst werden, weil „die Schwestern das nicht mehr schafften“. Früher sei auf jeder Krankenhausstation mindestens eine Ordensfrau tätig gewesen. Die Zeiten seien aber lange vorbei.

Wie andere Ordensgemeinschaften ihre Krankenhäuser wegen Nachwuchsmangels einfach abzugegeben, ist für die Franziskanerinnen keine Alternative. „Wir gehen einen anderen Weg“, sagt Schwester Edith-Maria, „wir möchten, solange wir es können, ein Übergangsmodell gestalten mit Frauen und Männern, die in unserem Sinne die Organisation in die Zukunft führen.“ In den Einrichtungen seien inzwischen viele Menschen, die das christliche Profil weitertragen, ohne dem Orden anzugehören.

Ein großer Schritt hin zu diesem Paradigmenwechsel erfolgte im Jahr 1995, als die heutige Sprecherin der Geschäftsführung, Garvert, ihre Stelle als erste weltliche Krankenhausoberin der Marienhaus GmbH antrat. Die Oberin ist in den Marienhaus-Krankenhäusern seit jeher Teil eines gleichberechtigten Viererdirektoriums; bestehend aus dem ärztlichen Direktor, dem kaufmännischen Direktor, dem Pflegedirektor und eben der Oberin. „Die Oberinnen waren traditionell Mitschwestern, die die Trägerintention in den Krankenhäusern wach gehalten haben“, erläutert Schwester Edith-Maria. Nach und nach habe es aber Probleme gegeben, diese Positionen mit Ordensschwestern zu besetzen: „Die Rolle war uns aber so wichtig, dass wir sie nicht aufgeben wollten.“ Heute gibt es nur noch zwei Krankenhausoberinnen, die aus dem Orden kommen. Die anderen Oberinnen seien „engagierte Frauen, Christinnen, die eine hohe soziale Kompetenz mitbringen“. Aufgabe der Oberin sei es, die Synchronizität zwischen den Berufsgruppen sicherzustellen und für einen interdisziplinären interprofessionellen Dialog zu sorgen, erklärt Schwester Edith-Maria. Es gehe darum, Kommunikationsprozesse anzustoßen und zwischen den Berufsgruppen zu moderieren, berichtet Garvert von ihren Erfahrungen: „Neben der Organisations- und Personalentwicklung ist es die besondere Aufgabe der Oberin, das, was eine Ordensgemeinschaft an Spiritualität in Prozesse einbringen möchte, zu vermitteln.“

„Unser Erfolgsrezept lautet fusionieren und spezialisieren“, sagt die Sprecherin der Geschäftsführung zum Abschluss des Gesprächs. Gerade auch nach Übernahmen seien viele Krankenhäuser nur zu halten, wenn man sie zusammenführe. Garvert: „Unser Ansatz ist es, die Abteilungen in eine strategische Landkarte einzuordnen, aber dabei die Menschen mitzunehmen.“ Denn: „Berufliche Bindung braucht auch Identifikation“, betont Schwester Edith-Maria.

Jens Flintrop

Der Not praktisch begegnen

Zur Marienhaus GmbH zählen 27 Krankenhäuser, 29 Pflegeheime, zwei Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sowie neun Hospize. Darin arbeiten circa 12 500 Menschen. Der Sitz der Geschäftsführung befindet sich in Waldbreitbach, Rheinland-Pfalz, nahe dem Mutterhaus der Franziskanerinnen. Die Ordensgemeinschaft ist Gesellschafterin der GmbH und fühlt sich dem Motto der Gründerin, Mutter Rosa Flesch, verpflichtet: „Der Not praktisch begegnen und das Risiko nicht scheuen.“

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