ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2010Johann Wilhelm von Krause, CIM-Fachkraft und Berater an der Hanoi School of Public Health: Der Gestalter

POLITIK: Porträt

Johann Wilhelm von Krause, CIM-Fachkraft und Berater an der Hanoi School of Public Health: Der Gestalter

Dtsch Arztebl 2010; 107(31-32): A-1506 / B-1336 / C-1316

Merten, Martina

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Nach circa 30 Jahren Tätigkeit in der Verwaltung von Krankenhäusern und wissenschaftlichen Instituten in Deutschland packte von Krause seine Koffer – und ging als Berater an die Hanoi School of Public Health.

Neue Freiheit: Flexibilität und Improvisationstalent kommen von Krause im vietnamesischen Alltag zugute. Fotos: Martina Merten
Neue Freiheit: Flexibilität und Improvisationstalent kommen von Krause im vietnamesischen Alltag zugute. Fotos: Martina Merten

Es ist laut auf den Straßen Hanois. Ein Motorrad reiht sich an das nächste. Wild hupend biegen die Fahrer alle paar Sekunden unvorhergesehen links und rechts ab. Dem Rot und Grün vereinzelter Ampeln schenkt kaum ein Vietnamese Beachtung. Inmitten dieses Gewusels taucht Johann von Krause auf. Der 62-Jährige sitzt auf seinem kleinen Motorroller und bahnt sich selbstbewusst den Weg durch die vollgepfropften Gassen Hanois. An der Nummer 138 der Giang Vo Street verlangsamt von Krause das Tempo, manövriert sein Fahrzeug gekonnt entlang der schmalen Pforte der Hanoi School of Public Health (HSPH) und bringt den Roller vorsichtig zum Stehen. „Die Wirtschaft hier in Vietnam funktioniert so, wie die Leute Motorrad fahren“, sagt von Krause lachend, – „anything goes – Hauptsache, das Ziel wird erreicht.“

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Seit neun Monaten lebt der gebürtige Nürnberger mit seiner Frau in der Hauptstadt Vietnams. Es macht den Eindruck, als habe sich von Krause fernab deutscher Kultur bestens akklimatisiert. „Mein Leben, die Erfahrung hat mich gelehrt, dass man abwarten muss und nicht zu schnell abbrechen darf“, erklärt von Krause seine scheinbare Gelassenheit gegenüber der Andersartigkeit Vietnams. Schon beim Vorbereitungskurs auf seine heutige Tätigkeit sei ihm eingetrichtert worden, die „Erwartungen runterzuschrauben“.

Von Krause ist als Integrierte Fachkraft der CIM und Berater im Krankenhausmanagement an der Hanoi School of Public Health angestellt. CIM ist eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Von Krause ist einer von 800 europäischen Fach- und Führungskräften, die in 75 Ländern im Einsatz sind. 2007 entschied sich die HSPH, erstmals ein zweijähriges Masterstudium in Krankenhausmanagement anzubieten. Allerdings wusste niemand vor Ort so genau, was das in der Praxis eigentlich bedeutet. Die Hochschule suchte jemanden wie von Krause, der den Dozenten – allesamt Ärzte – den Praxisbezug vermittelt.

Mit dem Motorroller ins Büro: Statussymbole wie große Autos vermisst von Krause nicht.
Mit dem Motorroller ins Büro: Statussymbole wie große Autos vermisst von Krause nicht.

Von Krause hatte seit Anfang der 90er Jahre an verschiedenen Krankenhäusern in Süddeutschland als Verwaltungsdirektor, Vorstandsleiter und kaufmännischer Direktor gearbeitet. Zuvor hatte er Erfahrungen als kaufmännischer Geschäftsführer am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und als Verwaltungsleiter des Klinischen Instituts des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gesammelt. Der Jurist und Verwaltungswirt, der in München und Harvard, USA, studiert hat, ist durch seine Arbeit vertraut mit Themen wie der DRG-Einführung für Krankenhäuser, Kostenabbau und Strategieentwicklung für Kliniken. Die Vorstellung, sein Wissen weiterzugeben und aktiv am Aufbau eines Curriculums für den Master mitzuarbeiten, gefiel ihm gut. „Schließlich“, betont von Krause, „wollte ich schon immer gestalten und nicht bloß verwalten.“

Dass Gestalten in Vietnam andere Dimensionen hat als Gestalten in Deutschland, begriff der 62-Jährige recht schnell. Als von Krause in Hanoi ankam, stand das Curriculum bereits – und es sollte in dieser Form bestehen bleiben. Was tun? Schrittweise lernte der Krankenhausmanager, sein Wissen auf anderen Wegen einzubringen. Inzwischen entwickelt von Krause Curricula für verschiedene andere Fortbildungen im Krankenhausmanagement, für die die Hochschule Aufträge bekommen hat, konzipiert Module für einzelne Unterrichtsstunden an der HSPH und nimmt an Workshops des vietnamesischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums teil. „Hätte ich vom Dekan verlangt, das bestehende Curriculum im Fach Krankenhausmanagement zu verändern, hätte der mir gegenüber sein Gesicht verloren.“

Gleichzeitig verstand der CIMler schnell, dass die Leute ihn trotz seiner Anstellung als Integrierte Fachkraft „nicht als großen Guru“ aus dem Westen sehen. Und genau das gefällt ihm. Denn es geht einher mit einer Leichtigkeit, die er in Deutschland häufig vermisst hat. Statussymbole, wie er sie aus seiner Heimat kennt, gibt es in seinem jetzigen Leben kaum. Von acht Uhr bis spätnachmittags sitzt der Krankenhausmanager in einem einfachen Raum, den er sich mit Kollegen teilt. Vor ihm ein Holzschreibtisch, neben ihm ein kleiner Ventilator.

Auch die typisch deutschen Konflikte fehlen ihm nicht. „In Deutschland gehen wir keinem Streit aus dem Weg. Dabei verlieren wir vor lauter zu gewinnenden Schlachten leicht aus den Augen, dass wir eigentlich den Krieg gewinnen möchten.“ Hier in Vietnam stehe ein Ergebnis am Ende einer Auseinandersetzung – wenngleich dieses Ergebnis auch bisweilen unausgesprochen bleibe.

Am Ende zahlreicher beruflicher Stationen hat von Krause als Krankenhausmanager in Vietnam vielleicht das gefunden, was er in Deutschland vermisst: Freiheit. Er war 16 Jahre alt, als ihm seine Eltern mitteilten, dass die Familie nach sieben Jahren in Südafrika wieder nach Deutschland zurückkehren müsse. Damit ging für ihn eine Zeit voller Freiheit und Improvisationsgeschick zu Ende. Um sie noch einmal zu erleben, sollte er 46 Jahre warten. Hier in Vietnam, sagt er, bestehe die Möglichkeit, frei von übertriebener deutscher Regelungsdichte und krampfhafter Leistungshektik das zu versuchen, was er am liebsten macht: gestalten.

Martina Merten

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