ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2010Patienteninformationen: „Beipackzettel“ für die Psychotherapie

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Patienteninformationen: „Beipackzettel“ für die Psychotherapie

PP 9, Ausgabe August 2010, Seite 353

Sonnenmoser, Marion

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Bei den meisten Behandlungen oder Medikamenten gibt es einen Beipackzettel, eine Aufklärung durch eine Broschüre oder den Arzt. In der Psychotherapie sind solche Patienteninformationen allerdings nur wenig verbreitet.

Fertigarzneimittel müssen eine Packungsbeilage enthalten. Operationen dürfen nicht ohne Patienteninformation durchgeführt werden, und auch Psychotherapien unterliegen einer Aufklärungspflicht. Dennoch scheint es darüber hinausgehenden Informationsbedarf zu geben, vor allem im Vorfeld einer Psychotherapie. Zu diesem Ergebnis kamen österreichische Wissenschaftler um Prof. Dr. Anton Leitner von der Universität Krems. Sie stellten fest, dass Patienten, die bereits Erfahrungen mit einer Therapie gesammelt hatten, eine zweite Therapie seltener abbrachen, erfolgreicher beendeten und zufriedener damit waren als mit ihrer Ersttherapie. Die Wissenschaftler führten diesen Effekt darauf zurück, dass die Patienten im Rahmen ihrer ersten Therapie Inhalte, Abläufe, Anforderungen, Methoden und Ziele von Psychotherapien kennenlernen konnten und dementsprechend besser informiert waren. Die Informiertheit scheint also eine Schlüsselrolle beim Therapieerfolg zu spielen.

Therapien bei informierten Patienten sind erfolgreicher

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Diese Erkenntnis veranlasste Leitner und sein Team, eine schriftliche Patienteninformation („Beipackzettel“) zu erstellen. Sie basiert auf empirischen Erkenntnissen und enthält Informationen unter anderem über Psychotherapie allgemein, Wirkungsweisen, Verlauf, Frequenz, Dauer, Indikationen, Kontraindikationen, Neben- und Wechselwirkungen, Vorsichtsmaßnahmen und Adressen. Einerseits dient sie Patienten dazu, sich einen knappen Überblick über die Behandlungsform „Psychotherapie“ zu verschaffen, andererseits können Psychotherapeuten sie als Vorlage zur Aufklärung von Patienten heranziehen. Ob Psychologen und Psychotherapeuten verpflichtet werden sollten, Patienten vor Beginn einer Behandlung einen „Beipackzettel“ auszuhändigen, steht zurzeit zur Diskussion.

Auch im Internet sind verschiedene Patienteninformationen zur Psychotherapie zu finden. Sie werden beispielsweise von Universitäten oder von staatlichen und privaten Gesundheitsinstitutionen angeboten. Manche Websites beziehen sich hauptsächlich auf psychische Erkrankungen und gehen nur knapp auf psychotherapeutische Behandlungsoptionen ein, während andere eher den Schwerpunkt auf einzelne Psychotherapieverfahren setzen. Die Mehrzahl ist in englischer Sprache verfasst und noch im Aufbau. Inhaltlich sind diese Angebote noch sehr uneinheitlich. Insgesamt gesehen sind „Beipackzettel“ mit fundierten, evidenzbasierten Informationen über Psychotherapie im Vergleich zu Informationen über medizinische Behandlungen rar. Risiken und Nebenwirkungen werden kaum erwähnt, und auch über Rechte und Pflichten der Patienten sowie über Anlaufstellen bei Fragen und Problemen wird zu wenig informiert. Hier sind weitere Initiativen wünschenswert.

Patienteninformationen sind sinnvoll und notwendig, damit Patienten gut begründete Entscheidungen für oder gegen eine Psychotherapie oder spezifische Verfahren treffen können und wissen, was sie im Rahmen einer Behandlung erwartet („informed consent“). Sie können dazu beitragen, dass Patienten ihre Krankheit besser verstehen und die Therapie aktiver unterstützen. Außerdem vermitteln sie Offenheit und Transparenz, vermindern das Therapeut-Patient-Gefälle, billigen dem Patienten das Recht auf umfassende Information zu und reduzieren Missverständnisse, falsche Erwartungen und vorzeitige Therapieabbrüche.

Trotz dieser Vorteile sind Patienteninformationen zum Teil umstritten. Studien, die sich mit Packungsbeilagen bei Medikamenten befassen, weisen beispielsweise darauf hin, dass der Text sprachlich oft zu komplex ist und zu viele Fachbegriffe enthält und daher von vielen Patienten nicht verstanden wird. Außerdem fühlen sich Patienten von den genannten Nebenwirkungen und möglichen Komplikationen teilweise bedroht und verzichten daher auf die Einnahme von Medikamenten oder schränken sie ein („non-compliance“). Es ist demnach damit zu rechnen, dass auch potenzielle Psychotherapiepatienten von einer Psychotherapie Abstand nehmen, wenn sie durch „Beipackzettel“ von möglichen Nebenwirkungen und Risiken erfahren.

Informationen sollten ehrlich und leicht zu verstehen sein

„Patienteninformationen sollten ehrlich, korrekt und leicht verständlich sein, aber keine Angst auslösen oder abschreckend wirken“, meint der Mediziner Fernando Verdú von der Universität Valenzia. Da die genannten Kritikpunkte und Schwierigkeiten die Qualität und den Nutzen von Patienteninformationen einschränken können, sollten sie bei der Erarbeitung von „Beipackzetteln“ und anderen Patienteninformationen für Psychotherapie berücksichtigt werden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Sawamura K et al: The effect of an educational leaflet on depressive patients’ attitudes toward treatment. Psychiatry Research 2010; 177(1, 2): 184–7. MEDLINE
2.
Verdú F, Castelló A: Non-compliance: A side effect of drug information leaflets. Journal of Medical Ethics 2004; 30(6): 608–9. MEDLINE
1.Sawamura K et al: The effect of an educational leaflet on depressive patients’ attitudes toward treatment. Psychiatry Research 2010; 177(1–2): 184–7. MEDLINE
2.Verdú F, Castelló A: Non-compliance: A side effect of drug information leaflets. Journal of Medical Ethics 2004; 30(6): 608–9. MEDLINE

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