ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2010Sterbekultur: Selbstbestimmung respektieren

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Sterbekultur: Selbstbestimmung respektieren

PP 9, Ausgabe August 2010, Seite 372

Synofzik, Matthis

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„Wie wollen wir sterben?“ – mit aufrüttelnder Eindrücklichkeit führt uns de Ridder diese existenzielle Frage vor Augen. Sein Buch macht deutlich, dass man in Zeiten des medizinisch-technischen Fortschritts nicht mehr nur das Leben, sondern auch das Sterben selbst bestimmen und gestalten muss – und dass die Medizin diese Selbstbestimmung am Lebensende mehr denn je respektieren und fördern muss. Nicht die technischen und therapeutischen Möglichkeiten sollten bei der Behandlung eines Patienten im Vordergrund stehen, sondern die individuellen Ziele und Vorstellungen, die einem Patienten in seiner jeweiligen Lebenssituation wichtig sind. Dieses gilt umso mehr, wenn ein Patient an einer schweren Erkrankung leidet und/oder eine Verlängerung der Lebenszeit für ihn nicht mehr erstrebenswert erscheint.

Dieser Grundgedanke könnte auf den ersten Blick für viele Mediziner selbstverständlich erscheinen und ist in der Theorie sicherlich nicht neu. Doch de Ridder zeigt anhand vieler praktischer Beispiele aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Internist und Rettungs- und Intensivmediziner, dass dieser so selbstverständlich erscheinende Grundgedanke die medizinische Praxis in Deutschland immer noch zu wenig erreicht hat. Gerade in Universitätskliniken und anderen größeren Zentren (miss-)verstehen Ärzte sich oftmals noch als „Garanten für das Weiterleben“, nicht aber als „Garanten für die Umsetzung des Patientenwillens“. Und in diesem Denken hinkt Deutschland vielen anderen westlichen Ländern hinterher.

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Schritt für Schritt stellt de Ridder dar, welche Konsequenzen sich in der Praxis daraus ergeben, wenn man anerkennt, dass die individuellen Wertvorstellungen und Ziele eines Patienten stets behandlungsleitend sind: Patientenverfügungen und – falls diese nicht vorliegen – der mutmaßliche Patientenwille müssen unweigerlich als handlungsleitend anerkannt werden; lebensverlängernde Behandlungen sind konsequent einzustellen, wenn diese nicht mehr durch die Wertvorstellungen des Patienten gedeckt werden; und die althergebrachte standesethische Überzeugung, dass Ärzte keinen ärztlich assistierten Suizid durchführen dürfen, muss grundsätzlich neu diskutiert werden.

Das Buch von de Ridder ist – wie der Klappentext treffend charakterisiert – „ein leidenschaftliches Plädoyer für Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende“. Als solches könnte es den Leser, der eine systematische, ausgewogene und streng sachliche Auseinandersetzung erwartet hat, an manchen Stellen etwas enttäuschen. Aber das wäre eine falsche Erwartung an das Buch. Dieses Buch soll wachrütteln – und in dieser Hinsicht vermag es zu überzeugen: Es gelingt de Ridder, komplexe Sachverhalte medizinethisch überzeugend und doch praxisnah zu vermitteln. Es ist ein Buch, das der Medizin in Deutschland, welche oftmals immer noch einem falsch verstandenen Fürsorgegedanken nachhängt, sehr guttun wird. Matthis Synofzik

Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010, 318 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, 19,95 Euro

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