ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2010HIV-Diagnostik: Normalisierung
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. . . Von den Autoren wird zwar auf den hohen Anteil zu spät diagnostizierter HIV-Infektionen hingewiesen, nicht erwähnt wird dagegen die infektions-epidemiologische Brisanz der Situation, wenn die HIV-Neudiagnose erst in fortgeschrittenen Stadien erfolgt. Sie betrifft eben jene „Risikopersonen“, die von ihrer HIV-Infektion nicht wissen, die aber entsprechend ihrem Lebensstil diese auf Partner verbreiten. Die Autoren verweisen auf „ . . . ein Recht auf Nichtwissen“ um die mögliche eigene HIV-Infektion. Damit wird die Entscheidung gegen die Durchführung eines HIV-Tests durch den Patienten erneut propagiert. Dieser Standpunkt spricht gegen alle Erkenntnisse der Infektiologie – und richtet sich gegen die Interessen der Gesellschaft; denn durch die HIV-Infektion wird nicht nur die Gesundheit des betroffenen Individuums, sondern bei weiterer HIV-Übertragung auch die weiterer Menschen gefährdet; vgl. die Entscheidung des BGH/1988, wonach „ . . . die Infektion mit HIV eine Gesundheitsbeschädigung ist“ . . .

Das „Recht auf Nichtwissen“ hat bei Infektionskrankheiten keinen Stellenwert – insbesondere bei einer Pandemie dieser Dimension. Und gerade wegen der Nichtheilungsmöglichkeit, wohl aber mittels medikamentöser Intervention (ART) durch Senkung der HI-Viruslast und damit auch der Infektiosität und dieselbe auf statistischer Basis zu reduzieren, muss die individuelle Kenntnis um die mögliche eigene HIV- Infektion gesundheits- und gesellschaftspolitisch eine maßgebende Richtlinie zu verantwortungsvollem Verhalten werden. Mit der generellen Forderung nach dem „Recht auf Nichtwissen“ gerade bei dieser Infektionskrankheit wird deren Verbreitung befördert . . .

Der AIDS-Ausschuss der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern – dem zwei Unterzeichner dieses Briefes angehören – plädiert seit Jahren für eine „Normalisierung“ der HIV-Infektion, wie die reguläre Gleichstellung mit der HBV- oder HCV-Infektion mit i.w. gleichen Transmissionswegen. Einen Weg zur Normalisierung sehen wir, wie auch die oben genannten Autoren, in der strikten Beachtung sogenannter Indikatorerkrankungen bei arztinitiierter HIV-Testung. Liegt eine solche Erkrankung vor, muss es für den Arzt möglich sein, nach entsprechender Aufklärung, ohne dass der Patient die Opt-out-Regel wählen kann, die notwendigen Untersuchungen durchzuführen . . .

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. M. Lafrenz, 18057 Rostock

Prof. Dr. rer. nat. habil. R. H. Dennin, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene , Universitätsklinikum SH, Campus Lübeck, 23562 Lübeck

Prof. Dr. jur. utr. R. Weber, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Universität Greifswald, 17489 Greifswald

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