ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2010Medizintechnik: Robust in der Krise

WIRTSCHAFT

Medizintechnik: Robust in der Krise

Dtsch Arztebl 2010; 107(33): A-1588

Prenzel, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: bvmed
Foto: bvmed

Schuldner zahlen immer später, und Krankenhäusern fehlt Geld für Investitionen – trotzdem verdient die Medizintechnikbranche gut.

Drastischer kann der Nutzen von Medizintechnikprodukten wohl nicht vor Augen geführt werden: Der Fußballspieler Anthony van Loo, gerade einmal Anfang Zwanzig, sackt während eines belgischen Erstligaspiels plötzlich ohne erkennbaren Grund in sich zusammen und bleibt reglos auf dem Platz liegen. Wenige Minuten später steht er wieder auf den Beinen. Ein implantierter Cardioverter-Defibrillator (ICD) hat ihm das Leben gerettet.

Anzeige

Wenn das kleine Gerät, das im Brustbereich unter der Haut implantiert ist, eine Herzrhythmusstörung erkennt, gibt es einen Gleichstromimpuls ab, der den regelmäßigen Herzschlag wiederherstellt.

Der ICD sei die „einzig wirksame Waffe im Kampf gegen den plötzlichen Herztod“, schreibt der Bundesverband Medizintechnik BVMed auf seiner Homepage mit einem Hinweis auf die Plattform Youtube, auf der ein kurzes Video der Lebensrettung van Loos zu sehen ist.

Die Medizintechnikbranche ist sehr heterogen: Das Angebot reicht von einfachen Verbandmitteln bis zu Hightechprodukten. Neben Hunderten von mittelständischen Unternehmen dominieren börsennotierte Konzerne, wie zum Beispiel Carl-Zeiss-Meditec, Fresenius Medical Care, Drägerwerk, die Me-dizintechniksparte von Siemens, und große Familienunternehmen wie B. Braun und Paul Hartmann, den Markt.

Hochinnovative Branche

Insgesamt arbeiten in Deutschland 170 000 Menschen in mehr als 11 000 Unternehmen der Medizintechnik. Die Branche ist hochinnovativ. Sie investiert im Durchschnitt circa neun Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung und führt die Liste der angemeldeten Patente beim Europäischen Patentamt in München mit mehr als 16 700 Patenten an.

Die Ausgaben für Medizinprodukte insgesamt betrugen in Deutschland im vergangenen Jahr etwa 23 Milliarden Euro. Deutschland ist hinter Japan mit 25 Milliarden Euro und den USA mit 90 Milliarden Euro der weltweit drittgrößte Markt. Das Volumen des Weltmarkts insgesamt umfasst ungefähr 220 Milliarden Euro.

Insbesondere die Hersteller von Hightechprodukten sind stark vom Export abhängig. Im vergangenen Jahr habe die Exportquote 65 Prozent betragen, sagt Thomas Weiler, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbands Spectaris. Der Verband vertritt 160 deutsche Unternehmen des Investitionsgüter- und Hilfsmittelsektors.

Die Schlüsselmärkte der Zukunft sieht Weiler im Nahen Osten, in Asien und in Osteuropa. Carl-Zeiss-Meditec zum Beispiel erwirtschaftet bereits 28 Prozent seines Umsatzes in Asien. Allerdings schwankt das Geschäft in diesen Regionen oft sehr stark, wie die jüngsten wirtschaftlichen Einbrüche in Russland zeigen.

Bisher hat die Medizintechnikbranche der Finanz- und Wirtschaftskrise relativ erfolgreich getrotzt. Der Auslandsumsatz ging nach Zahlen von Spectaris im Jahr 2009 um 2,6 Prozent auf 12,2 Milliarden Euro zurück. Für dieses Jahr erwartet der Verband einen Zuwachs um sieben Prozent im Jahresvergleich, der inländische Umsatz werde um fünf Prozent wachsen. Für die Branche insgesamt rechnet Spectaris mit einem Plus von sechs Prozent.

Etwas zurückhaltender schätzt Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer des Branchenverbandes BVMed, die weitere Entwicklung ein: „Bei der Nachfrage aus dem Inland werden durchschnittlich vier Prozent erwartet, beim Export wird es allerdings leichte Einbrüche geben.“ Der BVMed vertritt 230 Industrie- und Handelsunternehmen der Medizintechnologiebranche.

Schmitt warnt: „Die Zahlungsmoral hat sich weiter verschlechtert. Einige Krankenhäuser zahlen ihre Rechnungen erst zwei Jahre verspätet.“ Schwierig sei die Lage vor allem in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, in der Türkei sowie in einigen Ländern des Ostblocks.

Infolge der Finanzkrise treten viele Staaten auf die Kostenbremse und engen auch den Spielraum der von ihnen finanzierten Krankenhäuser ein. In Deutschland werde dagegen nach wie vor pünktlich gezahlt. „Das ist ein großer Standortvorteil“, sagt Schmitt.

Hinzu komme das Problem der in den letzten Monaten stark gestiegenen Rohstoffpreise: „In den vergangenen zwölf Monaten sind die Rohstoffpreise vor allem für Zellstoffe, Baumwolle, Vliesstoffe und medizinische Granulate für Kunststoffe zwischen 30 und 65 Prozent gestiegen.“ Das betrifft eine breite Palette von Medizinprodukten.

Unterschiedliche Gewinne

Letztlich klagt die Branche allerdings auf hohem Niveau. „Wir wissen, dass wir in einer glücklichen Branche tätig sind“, lautet ein oft zitierter Satz von Georg Ludwig Braun, Chef des Unternehmens B. Braun aus Melsungen. Medizinprodukte wie Verbände, Spritzen und Infusionen werden eben immer gebraucht.

Anders sieht es bei teuren Hightechprodukten aus. Schon jetzt gebe es in deutschen öffentlichen Krankenhäusern einen Investitionsstau in Höhe von circa 50 Milliarden Euro – davon entfalle die Hälfte auf den Bereich Medizintechnik, kritisiert Weiler.

Zu diesen Ergebnissen komme eine aktuelle Emnid-Umfrage unter 100 öffentlichen Krankenhäusern, die der Verband in Auftrag gegeben habe. Als Folge davon könnten Patienten nicht mit den neuesten Methoden behandelt werden, die Behandlungsdauer steige und die Krankenhausmitarbeiter würden stärker belastet. Eine Verschärfung der Situation erwarten der Umfrage zufolge 59 Prozent der Befragten. Elf Prozent gehen von einer Verbesserung aus, während rund ein Viertel die Auffassung vertritt, es gebe in ihrem Krankenhaus keinen Investitionsstau im Bereich der Medizintechnik. Den größten Nachholbedarf für eine moderne medizintechnische Ausstattung sehen die Befragten in der Chirurgie (56 Prozent), der Inneren Medizin (51 Prozent) und in der Radiologie (50 Prozent).

Für die deutschen Medizintechnikhersteller ist das Geschäft in der ersten Jahreshälfte 2010 unterschiedlich verlaufen. Auf der Sonnenseite steht der Dialysespezialist Fresenius Medical Care. Der Konzern aus Bad Homburg konnte den Gewinn im ersten Halbjahr währungsbereinigt um 302 Millionen Euro steigern. Das entspricht einer Zunahme um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ende Juli hat das Unternehmen seine Gewinnprognose für das laufende Jahr erhöht. Das Konzernergebnis dürfte in diesem Jahr währungsbereinigt um zehn bis fünfzehn Prozent steigen, erwartet der Vorstand. Bisher war ein Plus von acht bis zehn Prozent in Aussicht gestellt worden.

Das Unternehmen, das etwa zwei Drittel seiner Umsätze in den USA erwirtschaftet, ist im amerikanischen Dialysegeschäft Marktführer vor dem US-Konzern Davita. Fresenius dürfte davon profitieren, dass die staatliche US-Kran­ken­ver­siche­rung Medicare die Behandlung von Dialysepatienten künftig pauschal abrechnen wird. Schlechter ist das Geschäft bisher für Carl-Zeiss-Meditec verlaufen. Zur Mitte des Geschäftsjahres (das bis zum 30. September läuft) lag der Umsatz mit 321 Millionen Euro etwa 4,6 Prozent unter dem Vorjahreswert. Grund hierfür waren vor allem die schwach verlaufenen Geschäfte im ersten Quartal.

Der Medizintechnikhersteller Carl-Zeiss-Meditec gehört mehrheitlich zur Carl Zeiss AG. Er produziert Geräte für die Augen- und Neurochirurgie sowie künstliche Augenlinsen. Der neue Vorstandsvorsitzende, Ludwin Monz, hat sich ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt: Sein Unternehmen soll in den nächsten Jahren schneller als der Markt wachsen und mittelfristig eine EBIT-Marge von 14 bis 15 Prozent erreichen.

Zurzeit liegt sie bei circa zwölf Prozent. Künftig sollen verstärkt nicht nur einzelne medizinische Geräte, sondern komplette Lösungen verkauft werden, die das Datenmanagement einschließen. Große Hoffnungen setzt Monz auch in einen neu entwickelten integrierten Behandlungsraum, der minimalinvasive Laseroperationen am Auge ermöglicht.

Dass zu ehrgeizige Ziele den guten Ruf schädigen können, musste Drägerwerk in den vergangenen Jahren erfahren. Das Lübecker Familienunternehmen stellt Anästhesie- und Beatmungsgeräte, OP-Leuchten, Gasmesstechnik und Feuerwehrausrüstungen her. Im Jahr 2002 sollte mit dem System „Infinity“ die gesamte bisher mechanisch geprägte Produktpalette auf Elektronik umgestellt werden. Aber der Zeitplan geriet außer Kontrolle. Statt wie angekündigt im Jahr 2006 kommt eine wesentliche Komponente des Systems erst im zweiten Halbjahr dieses Jahres auf den Markt.

Dräger erlitt im vergangenen Jahr einen Gewinneinbruch von 34 Prozent auf 32,5 Millionen Euro bei einem fast stabilen Umsatz in Höhe von gut 1,9 Milliarden Euro. In diesem Jahr werden Umsatz und Gewinn wieder kräftig steigen, erwartet Vorstandsmitglied Herbert Fehrecke.

Petra Prenzel

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema