ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2010Gesundheitswesen: Lob des Unterlassens
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Lange habe ich beim Lesen eines politischen (!) Artikels im DÄ nicht mehr so oft gedacht „Genau so sollte es sein!“. Kamps schafft es mit seiner langjährigen Erfahrung in der primärärztlichen Versorgung, den positiven „gesunden Menschenverstand“ ebenso zu würdigen wie den weit verbreiteten Aktionismus von uns medizinischen Spezialisten zu relativieren. Dabei formuliert er eine Vision, die guttut und doch an Lobbyismus, Partikularinteressen und dem Diktat der betriebswirtschaftlichen Ökonomie scheitern würde, fänden sich überhaupt genügend Akteure zusammen, die sie denn umsetzen wollten. Das Unterlassen ist in unserer Kultur immer schwieriger zu begründen als das Tun – und sei das Tun noch so sinnlos. Dass Unterlassen aber nicht Handlungslosigkeit bedeutet, dass Begleitung und das Ergründen eines adäquaten Vorgehens für ein Individuum mit diesem gemeinsam, vor dem Hintergrund seiner Biografie, Wertvorstellungen und Lebenssituation ureigenste ärztliche Aufgaben sind, sollten wir uns immer wieder bewusstmachen und vor allem auch vermitteln. Das erfordert allerdings eine gewisse Bescheidenheit, ein Einordnen der eigenen Kompetenzen in die der anderen beteiligten Akteure (Pflege, therapeutische Berufe, Verwandte, Bezugspersonen), mithin Eigenschaften, die von uns Ärzten sicher zu selten gelebt werden. Warum Kollege Kamps aber ausgerechnet den liberalen Ge­sund­heits­mi­nis­ter zum Adressaten seiner Wünsche macht, bleibt mir schleierhaft. Dessen Partei war mir bisher nicht als Förderin einer Kultur der Partizipation, frei vom mächtigen Druck der Pharmaindustrie, aufgefallen.

Dr. med. Thomas Müller, 72070 Tübingen

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