ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1997Forschungsorientierte Medizin: Chancen für junge Ärzte

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Forschungsorientierte Medizin: Chancen für junge Ärzte

Zrenner, Eberhart

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LNSLNS Die Chancen der forschungsorientierten Medizin sind besser als gemeinhin angenommen. Beispielsweise hat das Bundesministerium für Forschung und Technologie durch die Einrichtung interdisziplinärer klinischer Forschungszentren (IKFZ) in Aachen, Erlangen, Leipzig, Münster, Tübingen und Würzburg derartige Voraussetzungen geschaffen.
Jedes dieser Zentren hat sein eigenes Profil, und das Programm ist so angelegt, daß die Antragsteller die für das jeweilige Klinikum geeignetsten Maßnahmen zur Strukturverbesserung der klinischen Forschung entwickeln. Ähnliche Voraussetzungen wurden vielerorts auch durch klinische Forschergruppen, klinisch ausgerichtete Schwerpunktprogramme und Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geschaffen. Außerdem entwickelt das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung weitere Programme, die die anwendungsbezogene medizinische Forschung fördern sollen.
Lohnende Forschungsfelder
Auch wegen der wissenschaftlichen Gesamtentwicklung ist die Zeit für forschungsmotivierte Ärzte günstig. Die neuen Erkenntnisse beispielsweise der Molekular- und Zellbiologie, der Neurophysiologie und Immunologie haben breite Anwendungsfelder geöffnet, die erst am Beginn einer Umsetzung in die klinische Anwendung stehen, etwa bei degenerativen Erkrankungen, bei immunologischen Prozessen, bei Stoffwechselstörungen, vaskulären Prozessen und bei der Behandlung von Entzündungen und Tumoren. Deshalb öffnen sich für den ärztlichen Nachwuchs jetzt in den Universitätskliniken besonders lohnenswerte Felder. Sinnvoll ist dabei allerdings nur eine auf langfristige wissenschaftliche Arbeit ausgerichtete Planung der jüngeren Assistenzärztinnen und -ärzte und medizinisch interessierten Naturwissenschaftler. Selbstverständlich müssen gerade die Universitätskliniken Spitzenleistungen in der Krankenversorgung erbringen, und doch muß es gelingen, für die begabten und einsatzfreudigen Ärze und Forscher auch erfolgversprechende Rahmenbedingungen und Freiräume für eine erfolgreiche, international kompetitive wissenschaftliche Tätigkeit zu etablieren.
Rahmenbedingungen
Hier ist jeder einzelne Ordinarius jetzt mehr denn je gefordert, denn diese Rahmenbedingungen werden den Stellenwert der universitären Medizin in Deutschland im Wettstreit mit den anderen Fächern um die Forschungsmittel bestimmen. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören auch die enge Interaktion zwischen Naturwissenschaftlern und Ärzten bei der Bearbeitung gemeinsamer Forschungsprojekte und der Aufbau von "Research Wings" an forschungsorientierten Kliniken. Zur erfolgreichen Forschung von Medizinern gehört auch die Möglichkeit, in Tandems mit anderen Klinikassistenten eine gewisse Zeit von der Routine befreit zu sein, um sich ausschließlich wissenschaftlichen Arbeiten widmen zu können, gefolgt von Phasen, die der intensiven Weiterbildung in der klinischen Tätigkeit dienen.
Höhere Qualifikation
Darin liegt die Chance für einen jungen Arzt/eine junge Ärztin, sich durch ein- bis zweijährige Arbeit in einem Forschungslabor - sie wird am günstigsten eingeschaltet vor Beginn der Weiterbildung zum Facharzt - eine Basis in der Forschung aufzubauen, mit deren Hilfe er/sie später auch während der Weiterbildungszeit in gewissem Umfang in der Forschung gute Arbeit leisten kann. Dies zeigt auch die Erfahrung derjenigen Universitäten, an denen interdisziplinäre klinische Forschungszentren aufgebaut wurden oder DFG-Sonderforschungsbereiche und DFG-Schwerpunkte unter intensiver Beteiligung von Kliniken im Entstehen begriffen sind.
Beispiel Tübinger IKFZ: Dort sind drei Schwerpunkte angesiedelt: "Sensorische Systeme und Zentralnervensystem", "lmmunologisches und hämatopoetisches System" und "Viscerales System". Mit einem Dreijahresetat von etwa elf Millionen DM können über 70 junge Wissenschaftler aus 14 Kliniken forschen.
Besonders interessant dabei erscheint auch das Programm für junge Ärzte, sich mit Hilfe eines Stipendiums des IKFZ in Labors Techniken aneignen zu können, die während des Studiums nicht vermittelt werden, und damit durch eine Postdoc-Phase eine Ausbildung zu erhalten, die sie für die Assistentenstellen in den Kliniken besser qualifiziert.
Parallel dazu laufen spezielle Weiterbildungsveranstaltungen für die jungen Nachwuchswissenschaftler, auch in den Naturwissenschaften. Diese Forschungsrichtungen sind auch eng verbunden mit den in Tübingen etablierten oder in Voranträgen konzipierten Sonderforschungsbereichen, etwa dem SFB 430 "Zelluläre Mechanismen sensorischer Prozesse und neuronaler Interaktionen".
Zusatzausbildung
Der wissenschaftlichen Zusatzausbildung kommt im Verbund mit der Biologie eine ganz besondere Rolle zu. Universitäre Medizin darf sich nicht darauf beschränken, Krankenversorgung auf höchstem Niveau zu betreiben, sondern sie muß neue Felder bearbeiten, bereit sein, die Erkenntnisse der Grundlagenwissenschaften in die klinische Anwendung auch umzusetzen und andererseits Fragen aus der Klinik in die grundlagenwissenschaftliche Arbeit einbringen.
Hier ergeben sich neue Felder für den wissenschaftlichen Nachwuchs, besonders wenn er bereit ist, aus der inneren Berufung zum Wissenschaftler/zur Wissenschaftlerin heraus für ein bis zwei Jahre, etwa als Stipendiat mit 3 200 bis 3 600 DM pro Monat (steuerfrei), eine zusätzliche qualifizierte Weiterbildung in wissenschaftlichen Labors zu erwerben, die durch das Stipendium erworbene Freiheit in der Forschung zu nutzen und sich nicht primär auf eine schnelle Ableistung der Weiterbildungszeit zum Facharzt zu versteifen. Eine Altersgrenze für die Weiterbildung gibt es nicht, für die Ausbildung zu einem/einer erfolgreichen Wissenschaftler/in gibt es diese faktisch sehr wohl. Die Stipendien sind so angelegt, daß der erfolgreiche Forscher und Arzt die während der wissenschaftlichen Tätigkeit erworbenen Kenntnisse, auch zu den Möglichkeiten und Grenzen der Labors vor Ort, einsetzen kann, um während der klinischen Weiterbildung die Kontakte zur Forschung halten zu können, Anstöße aus der Klinik heraus zu wissenschaftlichen Projekten geben zu können und damit eine zentrale Rolle in der künftigen Entwicklung der medizinischen Forschung an Universitätskliniken zu übernehmen.


Prof. Dr. med. Eberhart Zrenner
Universitäts-Augenklinik Tübingen
Sprecher des SFB 430
Schleichstraße 12-16
72076 Tübingen

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