ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2010Börsebius: Zu früh gelobt

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Börsebius: Zu früh gelobt

Dtsch Arztebl 2010; 107(33): A-1591 / B-1415 / C-1395

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Noch vor gut acht Wochen habe ich an dieser Stelle unter der Überschrift „Silberstreif“ (DÄ, Heft 25/2010) den Gesetzgeber kräftig gelobt. Verschreckt bis entsetzt durch die (ursprünglichen) Pläne der Politik, bei offenen Immobilienfonds harsche Verkaufsbeschränkungen und einen zehnprozentigen Bewertungsabschlag einzuführen, stießen viele Anleger ihre Fondsanteile ab, von etwa zwei Milliarden war die Rede, aber nur soweit es ihnen möglich war, denn ein erheblicher Anteil der offenen Immobilienfonds war bereits unverkäuflich, es sei denn über die Börse zu hohen Abschlägen.

Es komme nun alles doch nicht so schlimm, signalisierten daraufhin die Herren Politiker, der Bewertungsabschlag sei wohl schon vom Tisch und auch bei den Haltefristen seien Erleichterungen im Gespräch.

So weit, so schlecht. Das neue Gesetz, das eigentlich noch vor der Sommerpause beschlossen werden wollte, hängt bis heute in den Seilen, und die Unsicherheiten bei allen Beteiligten werden immer größer. Es soll nach wie vor der Bewertungsabschlag vom Tisch sein. Gut so. Was aber nach wie vor fehlt, ist offenbar eine klar bessere Version des ursprünglichen Entwurfs hinsichtlich der Mindesthaltedauer und der Ausnahmeregelungen für Privatanleger. Wie zu hören ist, müssen institutionelle Anleger mit einer Mindesthaltedauer von zwei Jahren leben, was dazu führen wird, dass die Profis fürderhin diese Assetklasse ohnehin fürchten (und meiden) werden wie der Teufel das Weihwasser.

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Inzwischen pfeifen die regierungsamtlichen Spatzen von den Berliner Dächern, dass vor Anfang nächsten Jahres mit einer Verabschiedung des Gesetzes nicht mehr zu rechnen sei. Die Verspätung nur zu bedauern, reicht gleichwohl nicht. Sie ist geradezu gefährlich, im Grunde brennt es bereits, denn in gut drei Monaten läuft bei drei offenen Immobilienfonds die maximale Schließungszeit von zwei Jahren ab.

Was folgt daraus? Wenn bis dahin nicht klar ist, nach welchen Regeln die Branche künftig spielt, dann wird es unweigerlich zu einer Abwicklung dieser Fonds kommen. Hinter dem vergleichsweise harmlosen Wort Abwicklung steckt aber die Versilberung von Vermögenswerten unter absolutem Zeitdruck und zu desaströsen Preisen. Katastrophale Verluste wären die Folge. Es kann nicht sein, dass es erstmals in der Geschichte offener Immobilienfonds zu Abwicklungen kommen kann. Eine Branche, deren Produkte über Generationen hinweg als Synonyme für Solidität standen, steht vor unruhigen Zeiten und weiteren Schließungswellen. Nur weil die politisch Verantwortlichen nicht zu Potte kommen. Der Schaden für unsere Volkswirtschaft dürfte immens sein, der Rufschaden erst recht. Aber ist er erst mal ruiniert, leben die Berliner Politiker gänzlich ungeniert.

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