ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2010Humanitäre Hilfe: „Es gibt keine absolute Sicherheit“

POLITIK

Humanitäre Hilfe: „Es gibt keine absolute Sicherheit“

Dtsch Arztebl 2010; 107(33): A-1551 / B-1383 / C-1363

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Rote Kreuz steht für neutrale, unabhängige, unparteiische Hilfe. Viele Hilfsorganisationen, darunter die IAM, haben sich auf diese Grundsätze verpflichtet. Sie schützen Patienten und Helfer. Foto: AP
Das Rote Kreuz steht für neutrale, unabhängige, unparteiische Hilfe. Viele Hilfsorganisationen, darunter die IAM, haben sich auf diese Grundsätze verpflichtet. Sie schützen Patienten und Helfer. Foto: AP

In Afghanistan sind am 5. August zehn Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ermordet worden. Das hat Diskussionen über den Sinn solcher Hilfseinsätze und den Schutz der Helfer neu entfacht.

Taliban kennen keine Helfer mehr“, „Der Fluch der guten Tat“, „Lebensgefährlich naiv“ – so überschrieben die „TAZ“, die „Süddeutsche Zeitung“ und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ Berichte über den Mord an zehn Mitarbeitern der Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) am 5. August in Afghanistan. Die Gruppe unter der Leitung des US-amerikanischen Augenoptikers Dr. Tom Little (61) befand sich auf dem Rückweg von einem medizinischen Hilfseinsatz in unwegsamen Gebieten Nuristans. In der als relativ sicher geltenden Nachbarprovinz Badakhshan wurden die sechs US-Amerikaner, zwei afghanische Helfer, die britische Ärztin Karen Woo (36) und die deutsche Übersetzerin Daniela Beyer (35) von Unbekannten erschossen.

Anzeige

Nach Bekanntwerden der Tat übernahmen gleich zwei islamistische Terrororganisationen die Verantwortung für die Morde. Bei den Helfern habe es sich um christliche Missionare beziehungsweise NATO-Spione gehandelt, hieß es dort. Offizielle Ermittlungsergebnisse der afghanischen Sicherheitskräfte und der amerikanischen Bundespolizei FBI liegen noch nicht vor (siehe auch 3 Fragen an).

„Wir sind Christen, aber wir missionieren nicht“

In einer Stellungnahme vor der Presse in Kabul hat IAM-Geschäftsführer Dirk Frans eine politische Motivation des Anschlags bezweifelt und die Vorwürfe der Extremisten entschieden zurückgewiesen. „Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass IAM eine christliche Organisation ist“, sagte er. „Aber wir missionieren nicht. Wir halten uns an die afghanischen Gesetze.“ Die Organisation bekenne sich ausdrücklich zu den Verhaltensgrundsätzen der Internationalen Rot-Kreuz-Bewegung, die die humanitären Helfer zur Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit verpflichteten.

IAM ist ausschließlich in Afghanistan tätig, und das – mit einer Unterbrechung von wenigen Monaten – seit 1966. Einsatzleiter Tom Little lebte und arbeitete seit 1976 in dem Land. Er galt als überaus erfahren und gut vernetzt. Berichten, wonach der Augenoptiker bei dem geplanten Einsatz in Nuristan Sicherheitsbedenken ignoriert habe, widerspricht IAM-Geschäftsführer Frans. Die britische Tageszeitung „Guardian“ hatte geschrieben, die Gruppe sei zu groß gewesen und habe aus zu vielen Ausländern bestanden. Little habe die Größe und Zusammensetzung des Teams ausführlich mit ihm selbst und einem Sicherheitsberater diskutiert und beide davon überzeugen können, dass die Sicherheit des Einsatzes gewährleistet sei, erklärte Frans gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Zu Anfang hätten nur Augenspezialisten an den Einsätzen teilgenommen. Das habe aber insbesondere in entlegenen Gebieten immer wieder zu Frustrationen geführt, weil die Helfer Patienten mit anderen Erkrankungen unbehandelt fortschicken mussten. „Deshalb versuchte Dr. Little immer, unter anderem eine Allgemeinärztin für das Team zu gewinnen“, erläuterte der IAM-Geschäftsführer. Denn Kultur und Tradition in Afghanistan verbieten es, dass Patientinnen von männlichen Ärzten oder Pflegern behandelt werden.

Diesmal fand sich die britische Ärztin Karen Woo zu dem Einsatz bereit. Es fehlte noch eine Übersetzerin für die Gespräche mit den weiblichen Patienten. „Am besten wäre es natürlich gewesen, wenn eine Afghanin mitgegangen wäre“, meinte Frans. „Es fand sich aber niemand – was zum Teil kulturelle Gründe hat. Nur wenige afghanische Familien würden es ihren Frauen erlauben, sich einem solchen Einsatz anzuschließen.“ So kam es, dass die Deutsche Daniela Beyer als Übersetzerin das Team verstärkte.

Beyer und neun ihrer Kolleginnen und Kollegen haben den Hilfseinsatz mit dem Leben bezahlt. Dennoch denkt IAM nicht daran, Afghanistan zu verlassen. Die große Mehrheit der Menschen in den Dörfern schätze die Arbeit der Organisation sehr, betonte Frans. Und: „Es gab Zeiten, da war die Sicherheitslage viel schlechter als jetzt.“

Internationale Hilfe wird dringend gebraucht

Die Daten des Afghanistan NGO Safety Office scheinen dies zu belegen. Danach ist die Zahl der Angriffe auf NGO-Mitarbeiter im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 35 Prozent gesunken: von 75 auf 47.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières, MSF), die 2004 nach dem Mord an fünf Mitarbeitern alle Projekte in Afghanistan beendet hatte, ist im vergangenen Jahr dorthin zurückgekehrt. Seit Oktober arbeiten MSF-Helfer wieder in einem Krankenhaus im Osten von Kabul und seit November in einer Klinik in Lashkargah, der Hauptstadt der Unruheprovinz Helmand.

„Einer der Gründe, warum wir 2004, nach 24 Jahren, Afghanistan verlassen haben, war, dass dies ein gezieltes Attentat war“, erklärte der Vorstandsvorsitzende von MSF Deutschland, Dr. med. Tankred Stöbe, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Stöbe räumte auch ein, dass die Situation in Afghanistan sehr komplex ist. „Nicht jeder Anschlag ist politisch motiviert oder ein Angriff einer der bewaffneten Gruppen, der Regierung oder anderer Oppositionsgruppen. Oft spielen auch kriminelle Machenschaften oder lokale Machtgefüge eine Rolle.“

MSF zufolge war die Rückkehr nach Afghanistan erst nach intensiven Verhandlungen mit allen Konfliktparteien möglich. Und die Hilfe wird dringend gebraucht. Nach Angaben von MSF haben mehr als die Hälfte der Afghanen keinen oder kaum Zugang zu einfachster medizinischer Versorgung. Der anhaltende Konflikt führe dazu, dass die ohnehin schlechte medizinische Versorgung immer wieder unterbrochen werde und es viele Verwundete und Vertriebene gebe.

Wie kann eine Hilfsorganisationen in einer solchen Lage die Sicherheit ihrer Mitarbeiter gewährleisten? „In Helmand beispielsweise ist die Sicherheitslage extrem schwierig“, räumte Stöbe ein. „Dort treffen Taliban, westliche Truppen und Mohnanbau in sehr hoher Konzentration zusammen.“ Strenge Verhaltensregeln gelten für die MSF-Mitarbeiter aber auch in Kabul. „Wir bewegen uns praktisch nur von den Unterkünften zum Krankenhaus“, erklärte Stöbe.

Klare Trennung von Militär und humanitärer Hilfe

Unentbehrlich für die Sicherheit der Helfer ist nach Ansicht von MSF und vielen anderen Hilfsorganisationen, dass ihre Mitarbeiter als neutral, unparteiisch und unabhängig wahrgenommen werden. „Wenn man uns als Teil einer kriegführenden Partei sieht, gefährdet das die Sicherheit von Mitarbeitern und Patienten. Wir sind allerdings schon schockiert, auf wie wenig Verständnis wir mit dieser Position bei der Politik stoßen“, kritisiert MSF-Vorstand Stöbe. Erst kürzlich hatten NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel gefordert, zivile Organisationen sollten in Afghanistan verstärkt mit dem Militär zusammenarbeiten. In der „Tagesschau“ hatte Niebel sich für einen „vernetzten Ansatz“ ausgesprochen. Bei vielen Politikern dürfte hier auch die Hoffnung mitschwingen, dass dadurch ein in der Bevölkerung hoch umstrittener Kampfeinsatz der Bundeswehr akzeptabler wird.

„Wir fordern eine ganz klare Trennung von militärischem und humanitärem Mandat“, sagt Stöbe dazu. Sich selbst zu militarisieren oder bewaffnete Wärter einzustellen, sei ebenfalls keine Lösung. „Dadurch würden wir eine kämpferische Abteilung werden. Das können wir als ärztliche Organisation nicht wollen.“ Sicherheit und gegenseitiges Verständnis müsse man jeden Tag neu verhandeln. „Man muss sich aber auch eingestehen, dass es keine absolute Sicherheit gibt.“

Heike Korzilius

3 Fragen an Dirk Frans, Geschäftsführer von International Assistence Mission


Herr Frans, ist es für humanitäre Helfer in Afghanistan gefährlicher geworden?

Frans: Generell kann man sagen, dass sich die Lage für die Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen sogar stabilisiert hat. Es gab weniger Angriffe, obwohl die Kämpfe zwischen Regierung und Taliban in den letzten Jahren heftiger geworden sind.

Der Tod von acht internationalen Mitarbeitern hat weltweit zu Recht enormes Aufsehen erregt. Man muss allerdings auch sehen, dass das für viele Afghanen der Alltag ist. Sie können jederzeit zwischen die Fronten geraten und getötet werden.

Wissen Sie inzwischen mehr über die Hintergründe der Morde an Ihren Mitarbeitern?

Frans: Die afghanische Regierung wird uns sicher erst dann informieren, wenn konkrete Ergebnisse vorliegen. Wir haben mit dem einzigen Überlebenden gesprochen, mit unserem Fahrer Safiullah. Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen spontanen Angriff von Kämpfern handelte, die nicht aus der Region stammen.

Der Anschlag hatte also nichts mit dem christlichen Hintergrund von IAM zu tun?

Frans: Nein. Der Polizeichef von Badakhshan ist sogar zunächst von einem Raubüberfall ausgegangen. Inzwischen haben sich sowohl die Taliban als auch die Terrorgruppe Hizb-e Islami zu dem Anschlag bekannt, weil wir angeblich Bibeln in der Landessprache verteilt haben beziehungsweise als NATO-Agenten gearbeitet haben. Nichts davon ist wahr. Die Vorwürfe diskreditieren Menschen, die enorm viel auf sich genommen haben, um anderen zu helfen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema