ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2010Virushepatitis: Spritzen unzureichend sterilisiert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

. . . Die Verfasser beschreiben ihre „medizinische Spurensuche“ und haben umfangreiche Recherchen durchgeführt, um Art und Ursache der Erkrankung zu ermitteln. Sie hätten sich jedoch viel Mühe ersparen und zu einem noch eindeutigerem Ergebnis kommen können, wenn ihre Spurensuche sie an die eigentliche Quelle des Geschehens geführt hätte: zum DFB und dessen Archiv, das Unterlagen zur Erkrankung der Nationalspieler enthält. Diese Unterlagen erlauben eigentlich nur einen Schluss: Die Spieler erkrankten an einer Hepatitis C, da der behandelnde Arzt Spritzen verwendete, die nicht hinreichend sterilisiert wurden.

So zumindest urteilten bereits damals ärztliche Spezialisten, die sich zu der mysteriösen Erkrankung der Spieler äußerten. Diese hatte beim DFB für einige Aufregung gesorgt, da sie durchaus ernsthaft verlief und zudem der Vorwurf des Dopings im Raume stand. Es ist schwierig, für die damalige Zeit diesen Begriff eindeutig zu definieren. Im heutigen Sinne jedenfalls handelte es sich nicht um Doping. Denn die Spieler erhielten intravenös Vitamin-C-Injektionen – so zumindest der behandelnde Arzt. Dieser gibt an, damit auf Wünsche von Helmut Rahn reagiert zu haben, der sich kurz zuvor in Südamerika aufgehalten und dort beobachtet hatte, dass Spieler dieses Mittel bekämen und ihre Leistungen steigerten.

Anzeige

Vermutungen, die deutschen Spieler hätten auch andere Mittel erhalten, sind ohne Beleg. Unstrittig ist hingegen, dass die Spritzen nur unzureichend sterilisiert waren. Den Unterlagen zufolge wurden sie mit einem Apparat abgekocht, der schon im Zweiten Weltkrieg eingesetzt worden war und aus einer „Sowjet-Praxis“ stammte. Schon nach damaligen Kenntnissen war dieses Vorgehen unzureichend. Man könne, so einer der Spezialisten in einem Schreiben an Herberger, „mit Sicherheit annehmen, dass die Hepatitis der WM-Mannschaft eine vom Arzt übertragene Inokulationshepatitis (= durch Spritzen hervorgerufen) ist“. Die Regeln der Sterilität seien bekannt, und er könne dem behandelnden Arzt den Vorwurf nicht ersparen, „dass er aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit fehlerhaft gehandelt hat“. Andere Fachleute nannten als wahrscheinlichste Ursache ebenfalls infizierte Spritzen und empfahlen, derartige „Stärkungen“ in Zukunft zu unterlassen, da die Infektionsgefahr groß sei und das verabreichte Mittel ohnehin viel besser durch Getränke eingenommen werden könne.

Für die betroffenen Spieler war erst einmal Ruhe angesagt. Einige, die schwer erkrankten, mussten in einem Krankenhaus behandelt werden. Zusätzlich organisierte der DFB Kuren in Bad Mergentheim, eine Ende November und zwei weitere im Februar 1955. Die Erkrankung muss einige Unruhe ausgelöst haben, vor allem bei Herberger, der in den kommenden Monaten die Spieler immer wieder aufforderte, sich zu schonen.

Besonders tragisch verlief die Krankheit bei Richard Herrmann, der im Juli 1962 an den Folgen einer Leberzirrhose verstarb. Ein Zusammenhang mit der Behandlung während der WM 1954 lag auf der Hand, doch der DFB bemühte sich, diesen herunterzuspielen. Herberger wurde gebeten, an den offiziellen Gesprächen mit der Ehefrau nicht teilzunehmen, damit nicht der Eindruck entstehe, er fühle „sich als ehemaliger Betreuer der Mannschaft mitverantwortlich“. Privat könne er sie selbstverständlich besuchen, wie auch der DFB versuchen werde, der Witwe zu helfen, jedoch vorsichtig sein müsse, „damit kein Präzedenzfall geschaffen wird“. Der DFB hat ihr schließlich eine Unterstützung von 3 000 DM gegeben, was als Zeichen der Großzügigkeit gegenüber einem früheren Nationalspieler gewertet werden kann, aber auch als Ausdruck eines schlechten Gewissens.

Über diese Erkrankung, vor allem über mögliche Ursachen haben die Medien damals berichtet, aber bedeutend weniger, als dies heute geschehen würde. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen war der Schulterschluss zwischen vielen Journalisten und den Verantwortlichen im Fußball zu groß, um hartnäckig nachzufragen. Wer wollte sich schon dem Vorwurf aussetzen, „eine große Leistung . . . zu besudeln“. Zum anderen hatten bekannte Spezialisten erklärt, dass die Erkrankung weder auf Doping noch auf ärztlichen Behandlungsfehlern beruhe. Es gab aus damaliger Sicht keinen Grund, ihre Aussagen anzuzweifeln, zumal die kritischen Äußerungen derjenigen Kollegen, die damit nicht übereinstimmten und an Herberger schrieben, nicht in die Öffentlichkeit gelangten . . .

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. phil. Dr. med. Franz-Josef Brüggemeier, Historisches Seminar, Universität Freiburg, 79085 Freiburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige