ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2010Keine Pflicht zur Erinnerung an Vorsorgeuntersuchung

RECHTSREPORT

Keine Pflicht zur Erinnerung an Vorsorgeuntersuchung

Dtsch Arztebl 2010; 107(34-35): A-1654 / B-1466 / C-1446

Berner, Barbara

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Ein Arzt ist nicht verpflichtet, einen Patienten an die Terminwahrnehmung einer Krebsfrüherkennungsuntersuchung zu erinnern. Wenn der Arzt den Patienten auf die Notwendigkeit einer erneuten Vorsorgeuntersuchung hinweist und ihm dafür einen Zeitkorridor nennt, ist dies ausreichend. Das hat das Oberlandesgericht Koblenz entschieden.

Die Klägerin verlangte mit einem Antrag Schmerzensgeld in Höhe von 150 000 Euro mit der Begründung, ihre Ärztin habe es grob fehlerhaft versäumt, sie auf einen Tumorverdacht und deshalb das Erfordernis einer Nachkontrolle hinzuweisen. Die Patientin befand sich bei der beklagten Frauenärztin seit dem Jahr 2001 in Behandlung. Im Herbst 2002 ergab sich ein abklärungsbedürftiger Befund der linken Brust, der die Ärztin veranlasste, die Patientin zur Mammographie zu schicken. Die Untersuchung sprach für einen Entzündungsprozess, schloss aber einen „soliden tumoriösen Prozess“ nicht aus.

Im Rahmen der anschließenden ambulanten Untersuchung ergab sich ein Tastbefund, der auch sonographisch bestätigt wurde. Die Durchführung der von dem Radiologen empfohlenen Punktion erbrachte kein flüssiges Material. Die Ärztin empfahl der Klägerin daher eine Wiedervorstellung in vier bis sechs Wochen und notierte sich die Notwendigkeit weiterer Untersuchungsmaßnahmen.

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Die Patientin erschien allerdings erst im April 2004 wieder in der Praxis. Nachfolgende Untersuchungen bestätigten ein Mammakarzinom, infolgedessen die linke Brust amputiert wurde. Die Klägerin warf der Ärztin deshalb vor, dass bei rechtzeitiger Befunderhebung eine Streuung des Krebses hätte vermieden werden können.

Die Abläufe in der gynäkologischen Praxis bieten nach Auffassung des Gerichts keine Anhaltspunkte dafür, dass von einem ärztlichen Fehlverhalten auszugehen ist. Es steht nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit fest, dass ein histologischer Befund im November 2002 einen bösartigen Tumor hätte nachweisen können, der weitere Behandlungsmaßnahmen hätte nach sich ziehen müssen. Zwei Sachverständige haben zwar bestätigt, dass bei jüngeren Patientinnen rein statistisch gesehen die Entwicklungsgeschwindigkeit von Mammakarzinomen sehr hoch ist, ein Befunderhebungsfehler wird angesichts der Abläufe und der Empfehlungen der Ärztin allerdings nicht gesehen.

Auch einen Organisationsfehler schlossen die Sachverständigen aus. Es würde die Anforderungen an einen Arzt überziehen, wenn man ihm generell die Fürsorge auferlegen würde, bei seinen Patienten die Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen zu sichern, sei es auch bei einer konkreten Indikation. Dies könne nur dann in Betracht kommen, wenn mit hinreichender Wahrscheinlichkeit von einem bösartigen Befund ausgegangen werden müsse. (Oberlandesgericht Koblenz, Urteil vom 24. Juni 2010, Az.: 5 U 186/10) RAin Barbara Berner

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