ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2010Von Schräg unten: Überversorgt

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Überversorgt

Dtsch Arztebl 2010; 107(34-35): [128]

Böhmeke, Thomas

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Dr. med. Thomas Böhmeke

Die gegenwärtige Krise offenbart es schonungslos: Es gibt zu viel. Zu viel marode Währungen, zu viel Spekulanten, zu hohe Staatsverschuldungen. Daher droht dem kleinen Mann, zu dessen ärztlichen Ausgabe ich mich zähle, ein gewaltiger Aderlass. Die großen Krisen sollen es aber nicht übertünchen: Auch wir haben unsere Krisen. Wir sind nämlich auch zu viele. Wenn ich in mein „Westfälisches Ärzteblatt“ sehe, so teilt mir der Landesausschuss mit, die Region sei insbesondere an Fachärzten völlig überversorgt, und sperrt arbeitswillige Kollegen aus. Auch die überregionalen Zeitungen titeln, dass die Niederlassungszahlen eine flächendeckende Überversorgung aufweisen. Vor allem die Städte seien mit Ärzten überflutet wie Europa mit Schulden. In bestimmten Metropolen wird umgehend das Herz kathetert, wenn man sich an die linke Brust greift, wird kommentarlos eine Kniegelenkprothese implantiert, wenn man sich so schleppend vorwärts bewegt wie die Konsolidierung des Staatshaushalts. So suggeriert es jedenfalls die Statistik.

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Ich möchte an dieser Stelle niemandem seine kostbare Zeit stehlen, nur kurz anmerken, dass die Feststellung des Versorgungsgrades noch aus den 90er Jahren stammt. Also aus einem Jahrzehnt, in dem wir weder Renininhibitoren zur Hand hatten noch das Genom des Menschen entschlüsselt war. Aber das medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre; und wir, also die statistische Ärzteflut, müssen die zahllosen Innovationen an unsere Schutzbefohlenen weitergeben. Demzufolge müssten wir uns alle fünf Jahre duplizieren, was wir aber nicht dürfen. Um trotzdem den Anforderungen gerecht zu werden, haben wir die Sprechzeiten für unsere Schutzbefohlenen auf einen Sekundentakt gedrückt und das Krankheitsbild der blutigen Entlassung erfunden. Aber die Situation eskaliert, monatelange Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt sind auch in Ballungsgebieten die Regel.

Ich will niemanden nerven, aber einflechten, dass die Beschränkungen für die Planungsbereiche aus dem letzten Jahrhundert stammen, also aus einer Zeit, in der die Intubationsnarkose erfunden wurde und segensreiche Substanzen wie Antibiotika und Betablocker ihrer Entdeckung harrten. Um den Fortschritt für unsere Patienten zu realisieren, haben wir – also die Ärzteschwemme – Rezepterstellung per Anrufbeantworter und Diagnosefindung mittels Internet erdacht. Aber das reicht so wenig wie die Erhebung einer neuen Finanztransaktionsteuer, wie zahllose Patienten, die unzählige Kilometer und lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bezeugen können.

Denn – ich möchte hier auf keinen Fall besserwisserisch erscheinen – die Beschränkungen für Praxiseröffnungen stammen noch aus dem letzten Jahrtausend. Also aus einer grauen Vorzeit, in der unsere tapferen ärztlichen Vorfahren die Epilepsie mittels Schädelbohrungen und bakterielle Infektionen mittels Aderlass behandelten. Was, aus heutiger Sicht betrachtet, bestenfalls die Behandlung in die Länge zog, meistens aber letal verkürzte. Ich will mich aber nicht über mittelalterliche Therapien mokieren, sondern nur darauf hinweisen, dass die Erfindung der Planungsbereiche . . .

Ach, was soll’s. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn die Politik es so will: Packen wir’s an, weg mit den Innovationen, ran an den Aderlass, raus aus der Krise!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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