ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1997Ärztliche Prävention der Alkoholprobleme: Hausärzte in der Schlüsselrolle

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Ärztliche Prävention der Alkoholprobleme: Hausärzte in der Schlüsselrolle

Kellermann, Bert

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LNSLNS Das schädlichste Suchtmittel ist Alkohol - noch vor Heroin. Durch süchtigen Alkoholkonsum entstehen volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von zirka 30 Milliarden DM pro Jahr. Nicht nur die suchtkrank gewordenen Alkoholkonsumenten leiden unter ihrer Krankheit, sondern auch ihre Familien. Hier kommt gerade der ärztlichen Präventionsarbeit besondere Bedeutung zu: Die Ärzteschaft ist gefordert.
Der Deutsche Ärztetag hat 1994 mit seinem Gesundheitspolitischen Programm die Ärzte aufgefordert, "die Stärkung der individuellen Fähigkeiten zu Suchtmittelverzicht oder zumindest einen verantwortlichen, nicht fremd- oder selbstschädigenden Umgang mit Suchtmitteln" zu fördern. Prävention der Sucht, vor allem der Alkoholprobleme, ist also auch eine ärztliche Aufgabe. Wenngleich die präventiven Möglichkeiten des Arztes auf diesem Gebiet beschränkt sind, könnte intensiver versucht werden, sie zu nutzen.
Jährliche Kosten: 30 Milliarden DM
Seit etwa 20 Jahren ist der Alkohol-pro-Kopf-Konsum in Deutschland auf einem extrem hohen Niveau. Während er in Ländern wie Frankreich (-23 Prozent), Spanien (-27 Prozent) und Italien (-34 Prozent) in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen ist, verringerte er sich in Deutschland kaum (-8 Prozent). Etwa 17,5 Prozent aller Krankenhausbehandlungen stehen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Die alkoholbedingten Folgekosten werden auf mindestens 30 Milliarden DM im Jahr geschätzt. Alkoholabhängigkeit ist die häufigste der schwereren psychischen Störungen. Sie belastet auch die Familien der Betroffenen erheblich. Mehr als eine Million Kinder leben in Alkoholikerfamilien. So hatte beispielsweise mehr als ein Drittel der jungen Patienten der Eppendorfer Kinderpsychiatrie einen alkoholkranken Vater oder Mutter; etwa jeder zweite Drogenabhängige stammt aus einer Familie mit Alkoholproblemen. Folgerichtig wird die Alkoholabhängigkeit als das "sozialmedizinische Problem Nr. 1" bezeichnet. Auf Anregung der WHO wurde 1992 der "Europäische Aktionsplan Alkohol" aufgestellt, der das Ziel hat, bis zum Jahre 2000 den Alkoholkonsum um 25 Prozent zu senken. Dieser Aktionsplan ist auch von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet worden.
Wenngleich dies angesichts der derzeitigen Konsum-Orientierung und dem offiziellen Vorrang von Wirtschafts- und Finanzpolitik vor Gesundheits- und Sozialpolitik schwierig zu realisieren ist, sind zur Prävention von Folgeschäden des Konsums der - nicht nur aus ärztlicher Sicht - gefährlichen "legalen Droge" Alkohol auch ärztliche Initiativen zur Risiko- und Schadensreduktion (harm reduction) - wie schon hinsichtlich des Konsums von illegalisierten Suchtmitteln erkannt wurde - dringend geboten.
Je mehr und je leichter Suchtmittel wie Alkohol vefügbar sind, desto häufiger und intensiver werden sie konsumiert, und desto mehr Menschen werden süchtig und/oder erleiden Konsum-Folgeschäden. Aus früheren Statistiken ist bekannt, daß nach Verringerung des Alkohol-pro-Kopf-Konsums - mit einer zeitlichen Verzögerung - auch die Zahl der Alkoholiker und das Ausmaß der Alkohol-Folgeschäden zurückgehen.
Es stellt daher eine ärztliche Präventionsmaßnahme dar, wenn Patienten angeregt werden, ihre Alkoholkonsumgewohnheiten zu überprüfen. Die wenigsten Alkoholkonsumenten machen sich bewußt, daß Alkohol - in nicht geringen Mengen konsumiert - ein starkes Gift ist. Alkohol ist von allen Genuß- und Nahrungsmitteln und von allen Suchtmitteln das toxischste. Alkohol (Ethanol) hat zwar ein wesentlich geringeres Suchtpotential als Heroin, sein somatisches, sein psychisches und oft auch sein soziales Schadenspotential ist jedoch wesentlich höher. Beispielsweise ist steril und beimengungsfrei konsumiertes Heroin kaum neuro- oder hepatotoxisch, Ethanol ist dies jedoch ausgeprägt. Auch die psychischen Auswirkungen einer Alkoholintoxikation (Psychotoxizität) sind wesentlich gravierender als die durch selbst relativ hochdosierten Heroinkonsum.
Ein wirksames Psychopharmakon
Nur wenige Alkoholkonsumenten machen es sich bewußt, daß sie Alkohol kaum wegen des Genusses konsumieren, sondern hauptsächlich wegen seiner psychopharmakologischen Effekte, vor allem zur Stimulation, Entspannung und Betäubung. Alkohol ist ein vielfältig wirksames Psychopharmakon ("legales Betäubungsmittel"), neben Opium das älteste und immer noch verbreitetste. Alkohol gilt trotz seiner geringen therapeutischen Breite zu Unrecht immer noch als relativ unschädlich. Alkohol sollte heute nicht mehr als Breitband-Psychopharmakon eingesetzt werden.
Das Image von Alkohol ist zu positiv und entspricht nicht der Realität. In der ärztlichen Praxis müßte deshalb zur Prävention von schädlichem und süchtigem Alkoholkonsum noch intensiver versucht werden, die Alkoholkonsumenten über die Risiken zu informieren und sie dazu anzuhalten, Alkohol (wenn überhaupt) risikobewußt zu konsumieren. Das frühere Bundesgesundheitsamt hat 1994 empfohlen: "Nicht mehr als zwei Drinks pro Tag! Kein Alkohol am Arbeitsplatz, am Steuer und in der Schwangerschaft!"
Ärztliche Präventionsarbeit kann einem Teil der exzessiven Alkoholkonsumenten dabei helfen, ihren Konsum unter die empfohlene Höchstdosis - bei Frauen 20 g, bei Männern 40 g pro Tag - zu reduzieren. Dieses Ziel betrifft 30 Prozent der Frauen und Männer in Deutschland. Bei Alkoholproblemen jedoch ist der Entschluß zum alkoholfreien Lebensstil die sicherste und relativ einfachste Methode der Problembeseitigung.
Es gibt Menschen, die durch striktes Einhalten von Konsumregeln sogar Heroin trotz seines sehr hohen Suchtpotentials kontrolliert konsumieren können, ohne süchtig zu werden. Dementsprechend gibt es auch Regeln zum sicheren Alkoholkonsum. So sollte beispielsweise Alkohol nicht täglich konsumiert werden, da oft schrittweise die Tagesdosis erhöht wird und sich eine gefährliche Gewohnheit einschleift. In der ärztlichen Praxis empfiehlt es sich, gemeinsam mit dem Patienten dessen Alkoholkonsum-Gewohnheiten offen zu hinterfragen und ihn über die Regeln des sicheren Alkoholkonsums zu informieren.
Erste Anlaufstelle: der Hausarzt
Die gravierendste Folge riskanten Alkoholkonsums ist die Alkoholabhängigkeit. Diese ist die mit Abstand häufigste Form der Suchtkrankheit. Durchschnittlich sechs Prozent der Patienten in der ärztlichen Praxis sind Alkoholiker, 68 Prozent der Alkoholiker wenden sich zunächst an ihren Hausarzt.
In den letzten Jahren wird es für wesentlich gehalten, bei Alkoholabhängigkeit - im Gegensatz zum bisher vorherrschenden "Tiefpunkt-Dogma" - möglichst früh, offensiv und intensiv therapeutisch zu intervenieren, hauptsächlich durch ein niedrigschwelliges Therapieangebot, wie beispielsweise qualifizierten Entzug. SuchtTagesklinik, cravinghemmende Begleitmedikation, um gravierende und möglicherweise irreparable SuchtFolgeschäden zu verringern oder zu vermeiden.
In der Praxis des Hausarztes bestehen gute Möglichkeiten zur Früh-Intervention als Sekundärprävention, der Hausarzt hat hier eine Schlüsselposition inne. Unter anderem sollte im ärztlichen Gespräch möglichst früh die Diagnose einer eventuellen Alkoholabhängigkeit erwogen werden, etwa im Rahmen eines "Gamma-GTGespräches", auch unter Einbeziehung der Familie. "Man muß die Diagnose so an den Patienten herantransportieren, daß er nicht verschreckt in seine Flasche zurückkriecht."
Für eine Früh-Intervention stellt die suchtbedingte Bagatellisierungsstrategie von Alkoholkranken ("Selbstbetrug" als dysfunktionaler Schutz der Selbstachtung) oft ein erhebliches Hindernis dar. Alkoholabhängigkeit ist in der Regel über lange Zeit eine verheimlichte Krankheit, weil der Betroffene eine Diskriminierung befürchtet. Deshalb ist nach klinischen Erfahrungen die "niedrigschwellige" Definition des Begriffes "Alkoholiker" hilfreich: Ein Alkoholiker ist im wesentlichen ein Mensch wie jeder andere auch - mit dem einzigen Unterschied, daß er nicht mehr normal ("kontrolliert") trinken kann, das heißt, daß er - wenn er zu trinken angefangen hat - nicht wieder aufhören kann, bis er extrem viel getrunken hat, obwohl er dies eigentlich gar nicht vorhatte. Dies ist das Kontrollverlust-Phänomen (weitgehender oder völliger Verlust der Fähigkeit, den Konsum des Suchtmittels bei sich selbst zu kontrollieren), es ist typisch für alle Suchtformen - auch für die Glücksspielsucht und die "Modellsucht" Nikotinabhängigkeit - und dementsprechend in der ICD-10 als typisches Merkmal verzeichnet. Die Konsequenz, die sich aus dem Kontrollverlustphänomen ergibt, ist, völlig aufzuhören - also sich zu entschließen, suchtmittelfrei zu leben. Für Alkoholiker bedeutet dies den Entschluß zum alkoholfreien Lebensstil. Dies ist am effizientesten zu erreichen durch Teilnahme an den Alkoholiker-Selbsthilfegruppen wie Anonyme Alkoholiker, Guttempler, Blaukreuz oder Kreuzbund.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2480-2482
[Heft 39]


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Bert Kellermann
Chefarzt der VIII. Abteilung für Psychiatrie (Suchtkrankentherapie)
Allgemeines Krankenhaus Ochsenzoll
22419 Hamburg

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