THEMEN DER ZEIT

Universitäten: Medizin studieren mit Kind – ein Trend der Zukunft?

Dtsch Arztebl 2010; 107(34-35): A-1613 / B-1434 / C-1414

Liebhardt, Hubert; Fegert, Jörg M.; Dittrich, Winand; Nürnberger, Frank

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Die Fakultäten in Ulm und Frankfurt am Main setzen sich für eine familienfreundliche Medizinerausbildung ein. Untersuchungen an den dortigen Fakultäten geben Aufschluss über die Lebensrealität von Studierenden mit Kindern.

Foto: dpa
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Das Ziel eines familienfreundlichen Medizinstudiums stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar – nicht zuletzt angesichts des zunehmenden Ärztemangels. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung bestätigt den dringenden Handlungsbedarf im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Gesundheitswesen (1). In einigen Bundesländern sind die politischen Grundlagen für familiengerechte Lösungen gesetzlich verankert. Für Richtlinien zur Umsetzung im Medizinstudium fehlten allerdings bisher genaue Daten und Studienmodelle. In Frankfurt am Main und Ulm werden daher Projekte zur Datenerfassung und Erprobung neuer Ansätze gefördert.

Etwa ein Viertel aller Akademikerinnen bleibt in Deutschland kinderlos (2). Während des Medizinstudiums spielen Elternschaft und der Wunsch nach Kindern nur eine untergeordnete Rolle. Die Quote der Medizin studierenden Eltern ist mit vier Prozent niedrig. Sie liegt deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt aller Fachbereiche, der im Jahr 2008 sieben Prozent betrug (3).

Lebensverläufe erheben

Gleichzeitig ist aus Untersuchungen der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen bekannt (4), dass circa 60 Prozent der Ärztinnen mindestens ein Kind während der Weiterbildung bekommen. Etwa 16 Prozent der Ärztinnen zwischen 35 bis 40 Jahren sind nicht berufstätig (Männer: weniger als fünf Prozent). Etwa 30 Prozent beenden ihre Facharztweiterbildung nicht (Männer: 14 Prozent).

In Frankfurt und Ulm hat man damit begonnen, sich systematisch mit der Frage der Familienfreundlichkeit während des gesamten Bildungs- und Erwerbswegs in der Medizin zu beschäftigen. Die Hochschulen bieten besondere Serviceleistungen für Studierende mit Kindern und umfassende Beratungen an. Dafür wurden sie mit dem Zertifikat „audit familiengerechte hochschule“ (Frankfurt 2005, Ulm 2008) und dem Zertifikat „audit berufundfamilie“ (Ulm 2008) ausgezeichnet.

Als empirische Grundlage wurden die Studien- und Lebensbedingungen von studierenden Eltern in der Humanmedizin erhoben und eine differenzierte Darstellung der Studienerfahrungen erarbeitet. Anhand dessen wurden Faktoren zur erfolgreichen Kombination von Medizinstudium und Familie ermittelt. Die Befunde basieren auf der Befragung von 102 Studierenden mit einem oder mehreren Kindern. Davon stammten 57 aus Frankfurt und 45 aus Ulm. In Frankfurt wurden entsprechende Daten einer Vollerhebung entnommen, an der 1 573 Medizinstudierende teilnahmen.

Die Lebensverläufe Medizin studierender Eltern sind meist besonders, da sie bereits vor oder während der Ausbildungsphase ihre Familie gegründet haben. Sie sind im Schnitt sechs bis sieben Jahre älter als die Regelstudierenden. Größtenteils haben sie bereits eine abgeschlossene, häufig medizinnahe Berufsausbildung (Tabelle). Die meisten studierenden Eltern sind verheiratet oder leben in einer festen Partnerschaft, was oft als soziale Absicherung angesehen wird. Jedoch stellt die finanzielle Situation – zusammen mit der Kinderbetreuungsfrage – in der Regel die größte Unsicherheit dar. Die Anzahl verfügbarer Kitaplätze und deren Öffnungszeiten reichen vielfach nicht aus.

Die „Rushhour des Lebens“ von Berufseinstieg und Familiengründung bis zur Lebensmitte verdichtet sich. Vor allem im Arztberuf verengt die lange Ausbildungsdauer das Zeitfenster für die Familiengründungsphase, so dass traditionelle Lebensentwürfe nicht mehr verlässlich funktionieren. Als Alternative bietet sich die stärkere Parallelisierung von Ausbildungs-, Erwerbs- und Familiengründungsphasen an. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Kind und Studium besser miteinander vereinbar sind als Kind und Berufseinstieg. Das Parallelisierungsmodell könnte so stärker zu einem Teil der Normalität werden und längerfristig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen. Denn trotz hoher Belastung (5) ist ein Medizinstudium mit Kind durchaus realisierbar. Bei entsprechenden universitären Angeboten zur Studienbegleitung ist es sogar möglich, die Regelstudienzeit einzuhalten.

In Frankfurt und Ulm wird derzeit ein Konzept zum Monitoring individueller Studienverläufe erprobt. Studierende Eltern werden semesterweise zu einem Begleitgespräch eingeladen. Regelmäßige Beratungsangebote werden durch eine umfassende Beschreibung ihrer Lebenssituation ergänzt (6). Die Teilnahme an Pflichtlehrveranstaltungen und Prüfungen kann somit bedarfsorientiert gesteuert und individuell angepasst werden (7). Zum Beratungsservice zählen bevorzugte Kurs- und Prüfungsanmeldungen, die eine flexible Studienorganisation ermöglichen. Zusätzliche Planungshilfe könnte auch ein Lernvertrag bieten, der zwischen Studierenden und Lehrenden abgeschlossen wird. Als konkrete Lernunterstützung bieten sich vor allem Mentorenprogramme an.

An den beiden Universitäten ist derzeit die Einführung eines „Elternpasses“ in Planung. Damit können Dienstleistungen für Familien in Anspruch genommen werden. Außerdem kann bei Konfliktsituationen im Lehrbetrieb ein Elternpass helfen, die Rechte von studierenden Eltern zu bekräftigen. In Frankfurt gibt es bereits eine sehr flexible Kurzzeitbetreuung für Studierende mit Kind. Familienfreundlich wird eine Universität erst dann, wenn studierende Eltern zur Selbstverständlichkeit geworden sind und nicht mehr als „Bittsteller“ angesehen werden. Trotz aller Sonderkonditionen und Angebote wird streng nach dem Grundsatz der Gleichbehandlung verfahren, so dass beispielsweise für alle Studierenden die Prüfungsleistungen und Anwesenheitspflichten gleichermaßen gelten.

Unterstützung anbieten

Über das besondere Monitoring der Studienverläufe hinaus sollte ein Berufs-/Familien-Verlaufsmonitoring als Fördermaßnahme in die Diskussion eingebracht werden, zumal eine stärker systematisierte Facharztausbildung vielerorts bereits gefordert wird (8). Dazu gehören dann auch eine verlässliche Beratung und Begleitung seitens der Kliniken, die Lebens- und Berufsplanung im Sinne einer individuellen Zeitbudget- und Ressourcensteuerung zulassen.

Wenn man das Thema Nachwuchsförderung ernst nimmt, müssen die Weichen für die Familienfreundlichkeit bereits in der medizinischen Ausbildung gestellt werden. Die Politik, das Hochschulmanagement und die Universitätsmedizin in Deutschland sind gefordert, durch den Ausbau von Serviceleistungen verlässliche, flexible und individuelle Lösungen anzubieten (9). Nur so können die Abbrecherquoten im Studium und in der Facharztweiterbildung gesenkt werden. Medizinstudierende sollten frühzeitig auf die Vereinbarkeitsprobleme vorbereitet werden, die insbesondere in den ersten Jahren der Berufstätigkeit bestehen. Die Studien in Frankfurt und Ulm haben zudem gezeigt: Eine Familiengründung ist bereits im Studium möglich. Mit geeigneten Instrumenten zum Zeitmanagement und zur Lebenslaufplanung kann man die Studierenden unterstützen und begleiten.

Gerade aufgrund des steigenden Anteils weiblicher Studierender müssen neue verbindliche Lösungsansätze erarbeitet werden. Die Förderung der Projekte in Ulm und Frankfurt durch die zuständigen Landesministerien für Wissenschaft und Kunst gibt Anlass zum Optimismus. Offenbar setzt sich in der Politik die Erkenntnis durch, dass man die gesellschaftlich entscheidende Frage der Sicherstellung des medizinischen Nachwuchses aktiv angehen muss. Die persönliche Erfahrung und die Bewältigung der Doppelbelastung von Familie und Studium können ein Gewinn sein. Sie führen zu einem Zuwachs an sozialen Fähigkeiten und Organisationskompetenzen. Die Forderung nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen (10) muss einhergehen mit einer biografisch orientierten, frühzeitigen und individuellen Beratung und Begleitung der künftigen Ärztinnen und Ärzte.

Dr. hum. biol. Hubert Liebhardt
Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert
E-Mail: hubert.liebhardt@uni-ulm.de

Dr. rer. nat. Winand Dittrich
Prof. Dr. rer. nat. Frank Nürnberger
E-Mail: winand.dittrich@kgu.de

@Literatur im Internet unter
www.aerzteblatt.de/lit3410

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1.
Wachstum. Bildung. Zusammenhalt. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP. (Quelle: http://www.cdu.de/portal2009/29145.html , Zugriff: 11.12.2009)
2.
Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2008. Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland. Wiesbaden: 2009; 1–38.
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6.
Liebhardt H, Stolz K, Mörtl K, Prospero K, Niehues J, Fegert J M: Evidenzbasierte Beratung und Studienverlaufsmonitoring für studierende Eltern in der Medizin. Zeitschrift für Beratung und Studium 2010; 2: 50–55.
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Dittrich, W; Iden, K: Individuelle Studienbegleitung in Frankfurt. Hessisches Ärzteblatt 2010; 8: 479.
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