ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2010Menschheitsgeschichte: Tagesmütter – ein jahrtausendealtes Konzept

KULTUR

Menschheitsgeschichte: Tagesmütter – ein jahrtausendealtes Konzept

Dtsch Arztebl 2010; 107(34-35): A-1642 / B-1455 / C-1435

Heidenreich, Uta

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ohne soziales Verhalten wäre unser Gesellschaftssystem gar nicht denkbar. Aber wie kam es dazu, dass der Homo sapiens soziale Fähigkeiten ausbildete, die es ihm ermöglichten, sich zur dominanten Spezies auf der Erde zu entwickeln? Sarah Blaffer Hrdy findet in ihrem aktuellen Buch „Mütter und Andere“ eine so verblüffende wie einleuchtende Antwort: Gemeinsame Jungenaufzucht soll der Motor der Evolution hin zum modernen Menschen gewesen sein. Damit widerspricht sie der klassischen Theorie, soziales Miteinander sei durch kriegerische Ausein- andersetzungen entstanden, da Gruppenmitglieder zur Kooperation gezwungen gewesen seien, um sich im Verbund gegen andere Gruppen zur Wehr zu setzen.

In neun Kapiteln erklärt Blaffer Hrdy in verständlicher Sprache und durch Abbildungen veranschaulicht, wie ihrer Meinung nach die frühe Entwicklung des Menschen ausgesehen haben könnte. Ihre Hypothesen stützt die Soziobiologin mit Beispielen aus allen Ecken des Tierreichs – von Elefanten, über Staffelschwänze bis zu Languren – und achtet dabei akribisch auf Literaturbelege. Davon zeugt der mehr als 100 Seiten starke Anhang. Hrdys Auffassung nach waren Frauen in Jäger-Sammler-Gesellschaften auf die Hilfe anderer angewiesen, um, angesichts knapper Ressourcen, ihre auf viele Jahre bedürftigen Kinder versorgen zu können. Erst die Fürsorge dieser anderen „Alloeltern“ machte eine gemächliche Entwicklung und ein entsprechend zeit- und energieintensives Gehirnwachstum möglich. Zunächst kam die Fürsorge, dann die Intelligenz, davon ist die emeritierte Professorin für Anthropologie überzeugt. Klar im Vorteil ist dann, wer als Bedürftiger viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und die Absichten und Emotionen anderer einzuschätzen weiß. Die Auslese erklärt Hrdy mit Mechanismen der natürlichen Selektion, was so manchem Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen dürfte.

Anzeige

Nicht nur an Experten richtet sich das durch zahlreiche Beispiele lebendige Werk, sondern auch interessierte Laien dürfen sich zur kritischen Auseinandersetzung mit der Menschheitsgeschichte eingeladen fühlen. Uta Heidenreich

Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin Verlag, Berlin 2010, 544 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, 28 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema