ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Tierversuche in der medizinischen Forschung: Druck von allen Seiten

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Tierversuche in der medizinischen Forschung: Druck von allen Seiten

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1676

Spielberg, Petra

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Mit strengeren Kontrollen und der Förderung von Alternativmethoden will die EU das Leiden von Labortieren mindern. Die neue EU-Tierschutzrichtlinie stellt aber weder die Forschung noch die Industrie noch die Tierschützer restlos zufrieden.

Foto: dpa
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Tierversuche haben in der Forschung eine lange Tradition. Als wissenschaftliche Methode wurde die Vivisektion an Tieren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von dem französischen Physiologen Claude Bernard begründet. Damit die Tiere nicht weglaufen konnten, während sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten wurden, schnallten oder nagelten die Forscher sie an Brettern fest.

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Damals galt das Dogma, dass alle Erkenntnisse, die in Tierversuchen gewonnen werden, auch für den Menschen Gültigkeit haben. Inzwischen weiß man, dass dieser Grundsatz nicht uneingeschränkt gilt. So kann zum Beispiel ein bestimmter Medikamentenwirkstoff bei einem Tier völlig harmlos sein, beim Menschen hingegen schwere Schäden oder gar den Tod hervorrufen – und umgekehrt.

„Das Problem der Tierversuche in den Lebenswissenschaften ist, dass wir deren Wert überschätzen. Wir sind halt keine 70-kg-Ratten“, meint der Pharmakologe und Toxikologe der Universität Konstanz, Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas Hartung. „90 Prozent der Medikamente, die erfolgreich im Tierversuch waren, versagen beim Menschen; 20 Prozent wegen Nebenwirkungen, 40 Prozent wegen mangelnder Wirkung“, sagt der Wissenschaftler, der derzeit an der John-Hopkins-Universität in Baltimore, USA, forscht. Auch Corina Gericke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche, kritisiert, dass die Forschung an Tieren die Medizin wegen irreführender Ergebnisse mitunter behindert, statt sie zu befördern.

Die wohl bekanntesten Beispiele für die unzureichende Aussagekraft von Tierversuchen in der Arzneimittelforschung sind das Schlafmittel Contergan, der Cholesterinsenker Lipobay, das Schmerzmittel Vioxx oder das Antikörperpräparat TGN1412. All diese Mittel führten bei zahlreichen Patienten zu teilweise gravierenden Nebenwirkungen, obwohl sie in Tierversuchen erfolgreich getestet worden waren.

Trotz solcher Rückschläge gelten Tierversuche nach wie vor als Goldstandard in der medizinischen Forschung und den Grundlagenwissenschaften. Zur Zulassung von Medikamenten sind sie sogar gesetzlich vorgeschrieben. In deutschen Labors werden jährlich etwa 2,7 Millionen Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hunde, Pferde, Affen und zahlreiche andere Tiere zu Forschungszwecken herangezogen. EU-weit sind es circa zwölf Millionen.

Die Mehrzahl der Tierversuche, so ergab eine Umfrage der Europäischen Kommission bei den EU-Staaten, findet im Rahmen von humanmedizinischen Studien statt, darunter zu Nerven- und Geisteskrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder zu Krebs. Dennoch setzen sich mehr und mehr Methoden durch, die völlig ohne Tierversuche auskommen oder das Leid der Tiere so gering wie möglich halten sollen. Neben ethischen Motiven spielt dabei auch eine Rolle, dass alternative Methoden mitunter schneller und kostengünstiger sind als Tierexperimente.

Dies gilt zum Beispiel für die Wirksamkeitsprüfung bei Tollwutimpfstoffen für die Veterinärmedizin. Für den bisher im Europäischen Arzneibuch vorgeschriebenen Belastungstest, bei dem die Tiere mit verschiedenen Verdünnungen des Impfstoffs geimpft und anschließend mit Tollwut infiziert werden mussten, waren für jede zu überprüfende Charge im Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, 120 Mäuse erforderlich.

Eine Alternativmethode, die im Langener Institut entwickelt wurde, kommt mit deutlich weniger Tieren aus. So wurden zwischen Januar 2007 und Dezember 2008 statt 13 064 nur 1 302 Tiere zur Überprüfung der Impfstoffe eingesetzt. „Bei einem Anschaffungspreis von 3,40 Euro pro Maus bedeutete dies eine Ersparnis von knapp 40 000 Euro“, macht Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des PEI, deutlich. Auch müssen die Tiere nicht mehr mit dem Tollwuterreger infiziert werden. Die Tests werden stattdessen mit Hilfe einer Blutprobe gemacht. Die Prüfung mit der Alternativmethode dauert lediglich etwa zweieinhalb Wochen, gegenüber vier Wochen für den Belastungstest.

„Bei der Qualitätskontrolle von Arzneimitteln lassen sich mit modernen Alternativmethoden zudem besser reproduzierbare Ergebnisse erzielen“, so Stöcker. Das Paul-Ehrlich-Institut arbeitet deshalb intensiv an der Entwicklung weiterer neuer Methoden, wie einer Ausweitung des serologischen Tests für den Tollwutimpfstoff für die humanmedizinische Anwendung. Einige Impfstoffe können inzwischen auch an Zell- und Gewebekulturen getestet werden. Tierversuche lassen sich mitunter durch Computersimulationen ersetzen. Darüber hinaus ver-suchen Forscher, Impfstoffe mit Hilfe von gentechnisch veränderten Pflanzen herzustellen.

Die Trendwende erfolgt nicht zuletzt aufgrund des zunehmenden gesellschaftlichen Drucks, die tierexperimentelle Forschung einzuschränken. So halten einer aktuellen Befragung der Brüsseler Kommission zufolge 56 Prozent der EU-Bürger Versuche an größeren Tieren wie Hunden und Affen für nicht gerechtfertigt. In Deutschland sind es sogar 63 Prozent. Bei Versuchen mit Mäusen haben die Europäer weniger Bedenken. 66 Prozent von ihnen stimmen Experimenten mit Nagern im Dienste der Forschung für die menschliche Gesundheit zu. Dennoch hatten bei einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2007 drei Viertel der Befragten darauf gedrängt, die Entwicklung und Anerkennung tierversuchsfreier Methoden stärker zu fördern.

Der Spagat zwischen den ethisch-moralischen Ansprüchen der Tierversuchsgegner und der Freiheit der Forschung gelingt dabei mitunter nur schwer, wie die jüngsten Diskussionen um die Neufassung der aus dem Jahr 1986 stammenden EU-Tierversuchsrichtlinie zeigen. Ziel der Richtlinie ist es, die Zahl der Tierversuche in der Europäischen Union (EU) insgesamt zu senken beziehungsweise das Leiden von Labortieren auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die Vorschriften, die Anfang September verabschiedet werden, gelten für Tiere (einschließlich Feten, Embryonen und Larven), die in der Grundlagenforschung, in der medizinisch-pharmazeutischen Forschung und im Studium eingesetzt werden.

„Das Thema ist sensibel und höchst emotional besetzt“, sagt die CDU-Europaabgeordnete Elisabeth Jeggle, die den Bericht des Europaparlaments (EP) zur Gesetzesvorlage der EU-Kommission verfasst hat. Tatsächlich haben Tierschützer, Ärzte, Wissenschaftler und EU-Bürger den Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene nicht nur kritisch verfolgt, sondern auch vehement versucht, auf den Richtlinientext Einfluss zu nehmen – teils mit Erfolg. Während im Oktober vergangenen Jahres 650 000 Europäer eine Online-Deklaration gegen unnötige Tierversuche in der Forschung unterzeichneten, schlossen sich zahlreiche universitäre und gemeinnützige medizinische Forschungseinrichtungen aus mehreren EU-Staaten spontan zu einem europäischen Verband zusammen, um bei den Brüsseler Gesetzgebern besser lobbyieren zu können.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wiederum verlangte in einem an die EU-Kommission adressierten Papier, dass die neuen Regulierungen „keine unnötigen Hürden für die europäische Forschung“ aufbauen dürften, weil dies die globale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Forschungseinrichtungen in Wissenschaft und Industrie vermindere. Vertreter der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften betonten darüber hinaus in einer Stellungnahme vom 6. April 2010, ohne die tierexperimentelle biomedizinische Forschung seien keine Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten möglich. „Insbesondere in den Bereichen Neurobiologie, Fortpflanzungsbiologie und Immunologie sind nichtmenschliche Primaten in manchen Fällen die einzigen geeigneten Tiermodelle“, betonten die Wissenschaftler. Die Sicherheit von neuartigen Therapien mit monoklonalen Antikörpern könne sogar zum Teil nur an Schimpansen überprüft werden.

Kritisch gingen die Verfasser auch mit den Plänen der EU ins Gericht, wonach Versuche, die den Tieren langandauernde schwere Schmerzen bereiten, verboten werden sollen. „Hierdurch würde unter Umständen die Forschung an schweren chronischen Krankheiten wie Organversagen, Polyarthritis, Krebs oder Parkinson einschneidend behindert“, gaben sie zu bedenken.

Die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche unterstellte derweil dem Bun­des­for­schungs­minis­terium und dem EU-Parlament, den Tierschutz zu torpedieren. Als besonders skandalös bezeichnete es die Vereinigung, „dass ausgerechnet die ,Volksvertreter‘ des Europäischen Parlaments nicht die Mehrheitsmeinung des Volkes vertreten, sondern die der Industrie und Grundlagenforschung“. Hintergrund für die Kritik: Die baden-württembergische CDU-Abgeordnete und parlamentarische Berichterstatterin für die Richtlinie, Jeggle, hatte öffentlich die Ansicht vertreten, dass dem Tierschutz in der EU aus ihrer Sicht nicht gedient sei, „wenn wir in Europa zu restriktiv sind und Forschung und Industrie dann ins außereuropäische Ausland abwandern“.

Unterdessen warf die Vereinigung der europäischen Tierversuchsgegner (ECEAE) einer von der EU-Kommission eingesetzten Arbeitsgruppe des Ausschusses für Gesundheits- und Umweltrisiken eine einseitige Beeinflussung durch Tierversuchsbefürworter vor. Auch habe die Arbeitsgruppe die ihr zugeleiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Unzuverlässigkeit von Versuchen an Affen bei der Erforschung von Aids, Schlaganfällen, Malaria und Parkinson ignoriert, moniert die ECEAE. Die Vereinigung reichte deswegen Beschwerde beim Europäischen Ombudsmann ein. Für Silke Bitz vom Verein Ärzte gegen Tierversuche steht jedenfalls fest: „Mit der neuen Tierversuchsrichtlinie haben die Verantwortlichen die Chance verpasst, den Weg für ein zukunftsstarkes Europa zu ebnen, wofür eine moderne und gute Wissenschaft ganz ohne Tierversuche unumgänglich ist.“

Welche Folgen die Richtlinie für die Forschung und den Tierschutz in den einzelnen EU-Staaten haben wird, bleibt abzuwarten. In Deutschland dürfte sich nicht allzu viel ändern. „Die deutschen Standards werden sich europaweit durchsetzen“, meint Dr. Barbara Grune von der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET) beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Grune ist zuversichtlich, dass die Zahl der tierversuchsfreien Methoden oder solcher, die das Leid der Tiere mindern, steigen wird.

Der Kompromiss, auf den sich das EP mit den zuständigen EU-Ministern geeinigt hat, sieht nämlich vor, dass Tierversuche künftig EU-weit so gut es geht vermieden oder wenigstens vermindert und das Leiden von Tieren in der Forschung so gering wie möglich gehalten werden sollen. Behördlich genehmigte Alternativen sollen vorrangig zum Einsatz kommen.

Versuchstiere müssen außerdem nach der neuen Richtlinie von sachkundigem Personal betreut werden. Menschenaffen, wie Gorillas, Schimpansen oder Orang-Utans, dürfen in der EU nur noch in Ausnahmefällen zu Forschungszwecken eingesetzt werden. Bei jedem Tierversuch gilt es ferner, die Schwere und Dauer des jeweils vorhergehenden Tests zu berücksichtigen. Hat ein Tier bereits an einem Test mit einer hohen Belastungsstufe teilgenommen, darf es nicht mehr für weitere Versuche eingesetzt werden.

Die unterschiedlichen Forderungen der einzelnen EU-Staaten unter einen Hut zu kriegen, war nach Aussage von Jeggle kein leichtes Unterfangen. Während die Niederlande beispielsweise traditionell ein starkes Gewicht auf den Tierschutz legen, wird in Frankreich der Forschungsfreiheit ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt. In Deutschland wiederum sind sowohl die Freiheit der Forschung als auch der Tierschutz im Grundgesetz verankert. Auch gilt Deutschland als größter Förderer von Ersatzmethoden zum Tierversuch innerhalb Europas. So hat das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) in den vergangenen 20 Jahren circa 230 Projekte im Rahmen der Fördermaßnahme „Ersatzmethoden zum Tierversuch“ mit insgesamt 70 Millionen Euro unterstützt. Darüber hinaus fördert die ZEBET etwa zehn wissenschaftliche Projekte pro Jahr, die der Entwicklung von Alternativmethoden dienen. Hierfür stellt das BfR jährlich circa 400 000 Euro zur Verfügung. Hinzu kommen Förderprogramme der Länder sowie der Industrie und von Stiftungen.

Aber auch die EU-Kommission stellt Gelder zur Erforschung und Entwicklung von Ersatzmethoden bereit. In den letzten 20 Jahren flossen aus dem EU-Forschungshaushalt 200 Millionen Euro in Projekte, die sich mit tierversuchsfreien Alternativen in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen. Ersatzmethoden im Dienste der menschlichen Gesundheit werden derzeit über das 7. Forschungsrahmenprogramm von 2007 bis 2013 unter dem Titel Biotechnologie gefördert.

Zu den ersten erfolgreichen tierversuchsfreien Methoden zählt der Anfang der 1990er Jahre an der Universität Konstanz entwickelte Vollblut-Pyrogentest. Der Test dient dazu, fieberauslösende Stoffe im menschlichen Blut aufzuspüren. Er wurde im Frühjahr 2010 ins Europäische Arzneibuch übernommen. Nach Angaben des BMBF erspart der Test den Einsatz von 80 000 Versuchskaninchen jährlich. Der Einsatz der sogenannten Aszites-Maus konnte mittlerweile ebenfalls dank vergleichbarer In-vitro-Systeme stark eingeschränkt werden. Auch bei der Entwicklung von Humanimpfstoffen gegen Tetanus und Diphtherie haben In-vitro-Versuche das Tiermodell erfolgreich ersetzt.

Viele alternative Methoden werden noch nicht flächendeckend eingesetzt. Ursächlich hierfür sind oft die langwierigen behördlichen Anerkennungsverfahren. Dies gilt vor allem für die Einführung von Ersatzmethoden für einen Tierversuch, der in einer Arzneibuchmonografie verlangt wird. „Hier muss die Methode für alle Arzneimittel, die von der Monografie erfasst werden, anwendbar sein“, erklärt der Tierschutzbeauftragte des PEI, Dr. Klaus Cußler. „Das bedeutet, dass nach der Methodenentwicklung umfangreiche Studien erforderlich sind, die die Anwendbarkeit für die Produkte verschiedener Hersteller im Rahmen von Ringversuchen prüfen.“

Haben die Untersuchungen die Prävalidierung im nationalen Rahmen und die Überprüfung auf europäischer und internationaler Ebene erfolgreich durchlaufen, müssen sie noch von Einrichtungen wie der Europäischen Arzneibuchkommission oder dem Europäischen Zentrum für die Validierung von Alternativmethoden ausgewertet werden. Von der Methodenentwicklung bis zur Umsetzung in die Arzneibuchvorschriften vergehen in der Regel zehn Jahre“, erklärt Cußler. „Das dauert viel zu lange“, meint Gericke. Hinzu komme, dass die Alternativmethoden sich oft mit Tierversuchen messen müssten, die selbst nie derart aufwendigen, kostspieligen und langwierigen Validierungsverfahren und Ringversuchen unterzogen wurden.

Auch kritisiert die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche, dass die in vielen Tiermodellen künstlich hervorgerufenen Symptome nichts mit den menschlichen Krankheiten gemein hätten, die sie simulieren sollen. „Wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung, wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren, werden dabei außer Acht gelassen“, schreibt der Verein in einer Broschüre.

Hanno Würbel, Professor für Tierschutz und Ethologie vom Fachbereich Veterinärmedizin an der Universität Gießen, konnte nachweisen, dass die Standardisierung der Umweltbedingungen die Reproduzierbarkeit von Tierversuchen beeinträchtigt und somit zu falschpositiven Ergebnissen führen kann. „Durch eine Heterogenisierung der Umweltbedingungen ließen sich die Früherkennung wirkungsloser Substanzen erleichtern und die Medikamentenpreise erheblich senken“, meint der Tierschutz-Experte. Grune von der ZEBET warnt indessen davor zu glauben, dass sich mit tierversuchsfreien Methoden Fehlanwendungen am menschlichen Patienten grundsätzlich vermeiden ließen. „Den letztendlichen Beweis kann immer nur der Einsatz am Menschen liefern.“

Insbesondere für die Erforschung chronischer Erkrankungen und ihrer Behandlungsmöglichkeiten scheinen Tierexperimente nach wie vor unverzichtbar. „Komplexe Erkrankungen, zum Beispiel entzündliche Prozesse, können nicht vollständig in Zellkulturen nachgeahmt werden“, sagte Susanne Bog, medizinische Tierschutzbeauftragte an der Universität Heidelberg.

Der Verband der forschenden Arzneimittelindustrie (VfA), der selbst Gelder in die Entwicklung alternativer Verfahren steckt, verweist ebenfalls darauf, dass sich das Verhalten einiger Wirkstoffe im Gesamtorganismus auch in Zukunft nicht in tierfreien Einzeltests bestimmen lasse. „Tierversuche in der Pharmaforschung wegzulassen, wäre im Hinblick auf die Sicherheit von Studienteilnehmern und Patienten unverantwortlich“, betont Thorsten Ruppert, Seniorreferent für Grundsatzfragen Forschung beim VfA. Die neu gefasste EU-Richtlinie hält der VfA für sinnvoll, da es bei den Haltungsbedingungen, den Genehmigungsverfahren und der Überwachung von Tierversuchen in den EU-Ländern große Unterschiede gebe.

Die Europäische Bischofskommission fürchtet unterdessen, dass die Vorschrift, alternativen Methoden den Vorzug vor Tierversuchen zu geben, der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen Tür und Tor öffnen könnte. „Aufgrund dieser Richtlinie könnten Mitgliedstaaten ohne explizite Gesetzgebung zum Schutz von menschlichen embryonalen Stammzellen verpflichtet werden, bestimmte Versuchsmethoden anzuwenden, die solche umstrittenen Zellen einsetzen“, mahnt die Kommission.

Petra Spielberg

Auf einen Blick

Die wichtigsten Punkte der neuen Richtlinie

  • Grundlage der Richtlinie sind die Vermeidung, Verminderung und Verbesserung des Einsatzes von Tieren in den Versuchen.
  • Mögliche Alternativen zum Tierversuch müssen behördlich zugelassen sein.
  • Die Vorschriften gelten für alle Labortiere einschließlich Feten, Embryonen und Larven.
  • Es geht in der Richtlinie ausschließlich um Versuche im Hinblick auf Tests von Medikamenten und Tests für die Erforschung von Krankheiten.
  • Die Betreuung der Versuchstiere muss durch qualifiziertes Personal erfolgen.
  • Menschenaffen dürfen nur noch in Ausnahmefällen zu Forschungszwecken eingesetzt werden.
  • Für die Tests gelten konkrete Belastungsstufen.
  • Die rückwirkende Bewertung von Versuchen wird obligatorisch.

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